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Boom von Abi-Camps: Für 890 Euro zum Abitur | BR24

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Um sich sicherer zu fühlen, besuchen manche Schüler in den Ferien eigene Vorbereitungskurse fürs Abitur - das kostet mitunter bis zu 1000 Euro.

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Boom von Abi-Camps: Für 890 Euro zum Abitur

Individuelle Förderung und kleine Klassen: Sogenannte Abi-Camps werden auch in Bayern immer beliebter. Doch die Rundum-Vorbereitung auf das Abitur kostet oft viel Geld. Ist das wirklich nötig?

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Lea und Johannes haben Matheunterricht in den Osterferien. Zusammen mit etwa 100 anderen Schülern büffeln sie sich durch ein sogenanntes Abi-Camp: In einer Jugendherberge am oberbayerischen Schliersee lernen sie eine Woche lang in kleinen Gruppen – und jeder kann sich seinen Unterricht individuell zusammenstellen: Mathe-, Englisch- und Deutsch-Stunden finden gleichzeitig statt und die Schüler können selbst entscheiden, welchen Kurs sie besuchen wollen.

Lernen im Abi-Camp: Es geht nicht nur ums Bestehen

"Ich bin hier, um meinen Abi-Schnitt zu verbessern – und um das Maximum herauszuholen", sagt Johannes. Er hat eigentlich schon einen guten Notendurchschnitt: 1,8. Für sein Wunsch-Studienfach aber braucht er mindestens eine 1,6. "Und mit 1,5 wäre ich auf der sicheren Seite", sagt er.

Lea hingegen will "erst einmal bestehen" und im Idealfall doch noch eine Zwei vor dem Komma schaffen. Zu Hause allerdings fällt ihr das Lernen oft schwer. "Ich habe einfach gemerkt, dass ich selber nicht so konzentriert lerne und dass ich mich ganz leicht ablenken lasse", sagt sie. Empfohlen wurde ihr das Abi-Camp von ihrer Cousine.

Die Rundum-Vorbereitung aufs Abitur wird auch von anderen Firmen angeboten. Das einwöchige Abi-Camp am Schliersee kostet mit Vollverpflegung 890 Euro. Den Unterricht geben dem Anbieter zufolge ausgewählte Fachkräfte, die oft auch das Fach studiert und sich intensiv mit den bayerischen Abiturprüfungen auseinandergesetzt haben.

Abi-Camps: Randerscheinung oder Massenphänomen?

Wie viele Schülerinnen und Schüler in Bayern Abi-Camps und private Nachhilfe zur Vorbereitung auf das Abitur nutzen, ist nicht klar. Aber: Rund 900 Millionen Euro geben Eltern in Deutschland für private Nachhilfestunden aus. Das hat eine Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2016 ergeben.

Abi-Camp-Veranstalter Uwe Bremhorst kann den Eindruck bestätigen: "Die Schüler sind ehrgeiziger geworden. Sie wissen: Wenn ich einen Abiturschnitt von 1,2 zum Beispiel habe, dann komme ich in Medizin und Psychologie und in andere Studiengänge rein." Seine Geschäfte laufen immer besser: Vor zehn Jahren hatten rund 100 Schüler das Camp seiner Firma besucht. Mittlerweile sind es 600, verteilt auf mehrere Standorte in ganz Deutschland.

Nachhilfe-Unterricht ohne Not

Aber braucht es wirklich Nachhilfe-Unterricht, um beim Abitur gut abzuschneiden? Bayerns Kultusminister Michael Piazolo von den Freien Wählern meint: nein.

"Ich habe auch Verständnis für den einen oder anderen, der sagt: Ich mache zusätzlich noch etwas. Vor vielen Prüfungen gibt es immer ein bisschen Unsicherheit. Unsere Schulen in Bayern machen eine sehr, sehr gute Arbeit, die Lehrerinnen und Lehrer vor Ort. Und sie bereiten die Schülerinnen und Schüler aufs Abitur hervorragend vor. Insofern ist das nicht notwendig. Aber wer natürlich zusätzlich etwas machen will, dem bleibt das auch überlassen." Michael Piazolo, bayerischer Kultusminister, FW

Soziale Ungleichheit im Bildungssystem

Die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, Simone Fleischmann, hält die Abi-Camps für ein "trauriges Thema". Sie glaubt, Eltern holten sich genau das für ihre Kinder, was das bayerische Schulsystem nicht leistet: individuelle Förderung. "Wir Lehrer wollen – und wir könnten das auch leisten. Aber dafür bräuchte es zum Beispiel kleinere Klassen."

Dass sich nun einige Eltern anders behelfen, könne sie verstehen. Doch das führe zu einem neuen Problem, so Fleischmann: Die soziale Ungleichheit wird immer größer. "Derjenige, der viel Geld verdient, kann mit teuren Abi-Camps den Kindern geben, was sie in der Schule nicht bekommen", sagt sie. Kinder, deren Eltern keinen dicken Geldbeutel haben, fielen durchs Netz.

Johannes und Lea sind soweit zufrieden mit dem Camp. "Es ist schon sehr hilfreich, weil man eine Art Rezept für manche Abituraufgaben bekommt", sagt Johannes.

Was ihnen das Abi-Camp aber letztendlich bringen wird, können die beiden erst im Juni sagen, wenn die Prüfungen vorbei sind.

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Die Abiturienten seien heutzutage zwar leistungsorientiert, so Schulleiter Stefan Düll, aber gleichzeitig auch bequem, denn schließlich könnten sich Schüler auch alleine ihren Kopf in Bücher stecken und lernen.