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Bleibe gegen Sex: Skrupellose Vermieter nutzen Wohnungsnot aus | BR24

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Eine 16-Jährige muss von Zuhause ausziehen, der Ausbildungsplatz ist zu weit von der elterlichen Wohnung entfernt. Bei der Wohnungssuche aber bekommt sie eindeutige Angebote - und sie ist kein Einzelfall.

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Bleibe gegen Sex: Skrupellose Vermieter nutzen Wohnungsnot aus

Die 16-jährige Lisa sucht im Internet eine Wohnung, weil ihr Ausbildungsplatz zu weit vom elterlichen Zuhause entfernt liegt. Doch statt Wohnungsangeboten erhält Lisa Chatnachrichten mit sexuellen Botschaften. Sie ist kein Einzelfall.

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© BR / Kontrovers 2019

Die 16-jährige Lisa sucht im Internet eine Wohnung, weil ihr Ausbildungsplatz zu weit vom elterlichen Zuhause entfernt liegt. Doch statt Wohnungsangeboten erhält Lisa Chatnachrichten mit sexuellen Botschaften. Sie ist kein Einzelfall.

Ein Vorort von München: Hier wohnen Lisa und ihre Mutter Mandy. Die 16-jährige Lisa wohnt noch zuhause bei Ihren Eltern und ihren beiden Geschwistern. Doch bald muss sie ausziehen, denn Lisa beginnt eine Ausbildung zur Pferdewirtin und die Ausbildungsstelle ist etwa eine Stunde von ihrem Elternhaus entfernt.

"Wir fangen im Sommer zwischen vier und sechs Uhr an. Und die erste S-Bahn fährt hier um zehn nach fünf das heißt, ich würde es gar nicht schaffen." Lisa

Anzügliche Anfragen statt Wohnungsangebote

Deswegen will Lisa in die Nähe des Reitstalls ziehen. Sie stellt ein Wohnungsgesuch ins Internet und bekommt viele Antworten - allerdings andere, als sie gehofft hatte: Sie bekommt Flirtanfragen. Doch dabei bleibt es nicht. Ein User namens Julian schickt Fotos von einer Wohnung, die er an Lisa vermieten würde - unter einer Bedingung:

Chatprotokoll:

Julian: "Hi, meld dich doch mal. Vielleicht hab ich was für dich."

Lisa: "Hey! Was hast du denn für mich?"

Julian: "Biete dir eine 80 Quadratmeter 3-Zimmer Wohnung gegen Gegenleistung."

Lisa: "Was heißt Gegenleistung?"

Julian: "Würde dich gerne zweimal im Monat für paar schöne Stunden treffen wollen. Dafür wohnst Du umsonst."

"Ich habe geschrieben dass ich erstens minderjährig bin, zweitens kein Interesse an sowas habe. Dann hat er mich komplett ignoriert. Da kam nichts mehr." Lisa
© BR / Verena Schälter

"Schöne Stunden" als Gegenleistung für eine Wohnung?

Trotzdem wird ihr die Wohnungssuche zu viel. Jetzt übernimmt Lisas Mutter Mandy. Auch sie setzt ein Gesuch online.

"Hätte ich geahnt, was da auf mich zukommt, hätte ich gesagt: Lass' uns in Ruhe! Aber das hat man am Anfang einfach nicht gesehen. Absolut nicht." Mandy, Mutter von Lisa

Mutter will vermitteln, auch sie stößt auf zwielichtige Gestalten

Es meldet sich eine Frau, die zwei Zimmer in ihrem Haus vermieten möchte. Ihr Mann habe sich von ihr getrennt, sie wohne allein in einem großen Haus und wolle einen Nebenverdienst durch die Miete. Mandy glaubt der Frau und stellt den Kontakt zu ihrer Tochter her. Lisa und die angebliche Vermieterin schreiben eine Weile hin und her. Irgendwann will die Vermieterin einen "Test" mit Lisa machen. Der beginnt harmlos:

Chatprotokoll:

"Was sind deine Hobbys?"

"Feierst du gerne Partys?"

"Rauchst du?"

Es dauert eine Weile, dann ändern sich die Fragen. Sie werden immer intimer:

Chatprotokoll:

"Was trägst du denn so alles für Klamotten?"

"Wie groß ist deine Oberweite?"

"Bist du rasiert?"

"Machst du es dir oft selbst?"

"Benutzt du Sexspielzeug?"

Als die angebliche Vermieterin ein Foto von ihr in Unterwäsche fordert, bricht Lisa den Kontakt ab. Doch die "Frau" lässt nicht locker.

"Dann hat sie wieder damit angefangen, ich soll ihr doch Bilder schicken. Hab ich aber nicht gemacht, weil es mir zu viel war und dann hat sie sich auch nicht mehr gemeldet. Und hat am selben Tag meiner Mama geschrieben." Lisa

Erst ab diesem Moment erfährt Mutter Mandy von dem Chat. Auch sie bekommt von der angeblichen Vermieterin intime Fragen gestellt. Ob sie gerne Sex wolle, ist nur eine davon.

"Ich habe dann einen Riegel vorgeschoben und dann habe ich mit der Lisa gesprochen und die hat mir dann ihren Chat gezeigt. Ich habe gesagt, jetzt ist Schluss. Und wenn sie weitermacht, werden wir sie anzeigen." Mandy, Mutter von Lisa

Kein Einzelfall: Viele Betroffene melden sich bei Kontrovers

Das Erlebte belastet die Familie schwer. Und die beiden sind nicht die Einzigen. So wie Lisa und ihrer Mutter ergeht es vielen. Auf einen Aufruf des BR-Politikmagazins Kontrovers im Internet melden sich viele Betroffene. Tatjana zum Beispiel schreibt:

"Ich bekam eine Wohnung angeboten, Miete war aber zu hoch für mich. Da hieß es, die wäre flexibel: Für jedes Mal ficken oder blasen würde sie günstiger." Tatjana

Auch junge Männer sind betroffen: So schreibt Ahmed an die Kontrovers-Redaktion:

"Ich habe ein Vorstellungsschreiben auf WG-Gesucht geschrieben, in dem ich einen Link zu meinem Facebook- bzw. Instagram-Profil hinzugefügt habe. Leider habe ich viele komische Angebote bekommen." Ahmed

Chatprotokoll Ahmed:

Vermieter: "Hey! Du suchst ein Zimmer?"

Ahmed: "Hey! Ja! Hast du was zu bieten?"

Vermieter: "Ein Zimmer. Ich wohne alleine in einer 3-Zimmer-Wohnung am Candidplatz. Kostenlos, wenn ich dir ein, zwei Mal die Woche einen blasen darf."

Rechtliche Lage: Betroffene können sich strafbar machen

Wohnung gegen Sex - ob es zu solchen Angeboten auch tatsächlich immer eine reale Wohnung gibt, ist schwer zu sagen. Und auch, wie häufig sich verzweifelte Mieter wirklich darauf einlassen. Rechtsanwalt Alexander Stevens ist spezialisiert auf Sexualdelikte und geht davon aus, dass solche Deals gerade in Ballungsgebieten immer wieder vorkommen. Rechtlich gilt das als Prostitution.

"Derjenige, der das Angebot macht, der macht sich damit nicht strafbar. Derjenige, der das Angebot annimmt, macht sich der Prostitution strafbar, wenn es im Sperrbezirk passiert." Alexander Stevens, Rechtsanwalt

Wohnungssuchende, die solch dubioses Angebot annehmen, machen sich also möglicherweise sogar strafbar. Anders ist es dagegen, wenn die potenzielle Mieterin minderjährig ist, so wie Lisa.

"Das ist nämlich sexueller Missbrauch von Jugendlichen. Wenn der oder die Jugendliche unter 18 Jahren ist, darf man kein Geld anbieten. Das ist strafbar. Und zwar nicht für den Jugendlichen, der es annimmt, sondern für den, der es anbietet." Alexander Stevens, Rechtsanwalt

Betroffene leiden oft lange unter dem Erlebten

Betrugsversuche und sexuelle Belästigung sind Auswüchse der krassen Wohnungsnot in Ballungsräumen. Eine schockierende Entwicklung. Für Betroffene wie Lisa und ihre Mutter Mandy ist es bis heute belastend.

"Wenn ich mir dann wirklich überlege, dass Mädels darauf eingehen müssen - ich weiß nicht … das ist schockierend! Die Wohnungsnot wird ausgenutzt von kranken Leuten!" Mandy, Mutter von Lisa

Am Ende hat Lisa doch noch Glück - kurz vor Beginn der Ausbildung hat sie endlich ein Zimmer gefunden.