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Auf einem Plakat wirbt der Discounter Lidl für seine Bioprodukte mit «Gut. Besser. Bioland».
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Jutta Schilcher
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Auf einem Plakat wirbt der Discounter Lidl für seine Bioprodukte mit «Gut. Besser. Bioland».

Noch immer sind nicht alle in der Bio-Branche glücklich über die neue Allianz – aber helfen soll sie zum Beispiel Bauern in Schwaben, die auf Bio umstellen wollen. Denn eines ist klar: die Umstellung der Landwirtschaft klappt nur, wenn der Absatz stimmt.

Erst einmal schlagen die Baukosten ein

Markus Köpf ist ein sogenannter „Umsteller“ – er wandelt gerade seinen konventionellen Milchvieh-Betrieb im Allgäu in einen Bio-Hof um. 35 Kühe stehen in seinem Stall in Rieden am Forggensee. Das Jungvieh wird noch in Ketten gehalten – als Bio-Betrieb muss Markus Köpf die Anbindehaltung aufgeben und den Stall erweitern.

Auch einen Zugang ins Freie muss er bauen, zum Glück gibt es sechs Hektar Weidefläche mit Gebirgsblick - gleich hinter dem Stall. Auszahlen sollen sich die Investitionen - nach der Umstellung - über den höheren Bio-Milchpreis. Theoretisch. „Wir finden im Moment keine Molkerei, die uns ab 1.11. unsere Milch abnimmt und das ist ein Riesen-Problem für uns“, sagt Köpf.

Problem: Bio-Milchnachfrage stagniert

In den letzten beiden Jahren gab es im Bereich Bio-Milch zweistellige Wachstumsraten. Anfangs hielt die Nachfrage damit Schritt. Jetzt stagniert sie ein wenig. Das ist einer der Gründe, warum sich der Anbau-Verband Bioland mit dem Discounter Lidl zusammengetan hat. Die Bio-Milchprodukte von Lidl tragen seit Januar das grüne Verbandslabel von Bioland. Markus Köpf sieht darin eine Chance.

„Dann hoffen wir natürlich, dass auch mit der Kooperation mit Lidl der Absatz steigt, neue Käuferschichten dazu gewonnen werden und wir dadurch einen Vertrag kriegen und dass wir unsere Milch abliefern können.“ Markus Köpf, Milchbauer

Mehr Absatz und Bio-Produkte nicht nur in kleinen Naturkost-Läden – so begründet auch Bioland-Präsident Jan Plagge die Kooperation: „Weil unser Grundanliegen ist nicht Bio für eine Elite, für eine kleine Nische, sondern Bio für alle“.

Konrad Stöger, selbst seit 21 Jahren Bio-Bauer in Rieden im Allgäu, ist Berater für den Anbau-Verband Bioland. Er gibt Markus Köpf Tipps für den Stall-Umbau. Er findet den Bioland-Lidl-Deal gut.

„Ich unterstütz das – weil wir dürfen als Bio-Verband keine Parallelgesellschaften bilden, d.h. nur wir Bio-Verbraucher und nur wir Bio-Erzeuger, sondern man muss eigentlich allen Bevölkerungsschichten den Zugang zu Biolebensmitteln ermöglichen.“ Konrad Stöger, Bio-Bauer

Angst vor zu viel Druck

Trotzdem gibt es auch Kritik an der Kooperation: Lidl gilt als knallharter Konzern, der Druck auf seine Mitarbeiter, seine Lieferanten und die Erzeuger ausübt. Gerade kleine Naturkostläden, die seit Jahrzehnten die Bio-Branche begleitet haben, sind skeptisch.

Klaus Weiß hat vor über 30 Jahren in der Augsburger Altstadt den Bio-Laden „Mutter Erde“ gegründet - dort gibt es von ökologisch erzeugten Textilien über frisches Gemüse bis hin zu Brot und Käse ein breites Sortiment auf kleiner Fläche. Man kennt viele Kunden und die meisten Erzeuger. Dass Bioland jetzt mit Lidl zusammenarbeitet, findet Klaus Weiß schlecht.

„Ich habe einfach ein ungutes Gefühl wenn im Groß-Angebot neben den Glyphosat-möglichen Sachen Bioland verhökert wird.“ Klaus Weiß, Bio-Laden-Besitzer

Vorteil der Bio-Läden: Bessere Beratung

Bei Lidl kostet die Bioland-Milch 1,05 Euro, hier im Laden liegt der Preis bei 1,39 Euro. Ob nun Kunden wegbleiben? Das befürchtet Klaus Weiß eigentlich nicht. Wer hierher kommt, hat oft Fragen, zum Beispiel zur Verträglichkeit eines Produkts oder zur Ökobilanz. „Die Beratung insgesamt, die bringen die einfach nicht so hin wie wir.“

Konkurrenz für kleine Läden ist also vielleicht gar kein großes Problem. Was Kritiker eher befürchten, ist, dass Lidl an der Preisschraube dreht und die Bioland Erzeuger unter die Räder kommen. Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland, kurz BUND, warnt davor, „dass der Erzeuger-Druck damit auch umfassend in der ökologischen Landwirtschaft Fuß fasst, denn eine der zentralen Voraussetzungen, dass es überhaupt ökologische Landwirtschaft gibt, ist, dass es ein höheres Erzeugerpreis-Niveau gibt.“

Ombudsstelle soll vermitteln

Bioland erklärt dazu: Man habe lange und gut mit Lidl verhandelt, es gibt sogar eine Ombudsstelle, an die sich Erzeuger wenden können, wenn sie sich unter Druck gesetzt fühlen. Der Discounter habe sich zu einer langfristigen und fairen Zusammenarbeit verpflichtet, sagt Bioland-Präsident Jan Plagge.

„So hat uns Lidl das auch zugesichert dass das keine Eintagsfliege für sie ist, jetzt einmal in einem Sortiment einen Öffentlichkeits-wirksamen Effekt zu haben, sondern dass das zu der langfristigen Strategie gehört, eine Exit-Strategie dafür gibt es nicht.“ Jan Plagge, Bioland-Präsident

Schon jetzt steckte übrigens in mehr als der Hälfte aller Bio-Milchprodukte von Lidl Bioland-Ware, die über dem EU-Standard liegt – sie wurde nur bisher nicht so gekennzeichnet.

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