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Billigkleidung: Wenn Mode als Plastikmüll endet | BR24

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Immer mehr Billigkleidung wird gekauft und wieder entsorgt. Das stellt Altkleidersammler zunehmend vor Probleme: Denn die vielen Billig- und Plastikklamotten lassen sich schlecht recyceln, wie BR-Recherchen zeigen.

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Billigkleidung: Wenn Mode als Plastikmüll endet

Immer mehr Billigkleidung wird gekauft und wieder entsorgt. Das stellt Altkleidersammler zunehmend vor Probleme: Denn die vielen Billig- und Plastikklamotten lassen sich schlecht recyceln, wie BR-Recherchen zeigen.

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In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Textilproduktion weltweit verdoppelt. Die Tragedauer von Kleidung hingegen hat sich deutlich verkürzt. In Deutschland landen jährlich über eine Million Tonnen Altkleider im Container, und es werden jedes Jahr mehr. Gute Aussichten für Altkleidersammler - könnte man meinen. Die Realität sieht jedoch anders aus.

Altkleidersammler klagen

Nürnberg, Anfang Mai: Reporter von DokThema und report München sind zu Besuch beim Bayerischen Roten Kreuz. Helmut Huber ist zuständig für die Altkleidersammlung. Er hat seit längerem ein Problem. Die Ware wächst ihm buchstäblich über den Kopf. Und nicht nur das:

"Wenn man nichts anfangen kann mit dem Zeug, dann ist das einfach Müll. Und was wollen wir mit Müll?" Helmut Huber, Bayerisches Rotes Kreuz

Immer mehr Kleidung, immer schlechtere Qualität

Abnehmende Qualität und immer mehr Billigware machen den Kleidersammlern das Leben schwer. Das Problem hat einen Namen: Fast Fashion. 24 Kollektionen und mehr produzieren manche Labels pro Jahr – Kleidung, die irgendwann bei den Altkleidersammlern landet. Für die bedeutet das: immer mehr Ware muss eingesammelt, gesichtet und gelagert werden.

Was noch gut genug in Schuss ist, wird weitergegeben. Doch ein Großteil der Kleidungsstücke ist dafür nicht mehr geeignet, weil ihre Qualität zu schlecht ist, sie Risse oder Löcher haben. Dann müssen Altkleidersammler sehen, was noch anderweitig verwendbar ist.

Problem: Zu viel Plastik in den Stoffen

Ein Riesen-Problem dabei: der Plastikanteil in den Stoffen. Auch Oliver Holtz aus dem Sortierbetrieb Bilsheim im oberfränkischen Creußen ärgert sich:

"Das ist alles Plastik, Mischgewebe. Da ist so viel Polyesteranteil drin – das ist keine hundertprozentige Baumwolle. Da kann ich nicht einmal einen Putzlumpen daraus machen. Und von dieser Ware, die im Prinzip keine Qualität mehr aufweist, haben wir Tonnen." Oliver Holtz, Sortierbetrieb Bilsheim

Billigfasern - nicht einmal als Putzlappen verwendbar

Mode ist zum Wegwerfartikel geworden - einem Wegwerfartikel mit zunehmendem Synthetik-Anteil. Oft sind die Stoffe ein billiger Fasermix aus Polyester, Polyacryl oder Elastan, gemischt mit Naturfasern. Aber: je mehr Mischfaser und Synthetik, desto schwieriger die Weiterverwertung. Besonders unbeliebt bei den Altkleidersammlern: Moderne Funktionskleidung, wenn sie nicht mehr tragbar ist.

"Ein Baumwoll-T-Shirt wird halt – wenn alle Stricke reißen – einfach zusammengeschnitten, dass ein Lumpen übrig bleibt und den können Sie nehmen, um irgendwas zu putzen. Job von der Funktionsklamotte ist es, keine Feuchtigkeit aufzunehmen. Aber Sie können nicht mit irgendwas putzen, was nichts aufnimmt. Das geht halt nicht." Helmut Huber, Bayerisches Rotes Kreuz

Nicht mehr tragbare Funktionskleidung wandert daher – kostenpflichtig - in die Müllverbrennung. Für den Kleidersammler ist das ein schlechtes Geschäft.

Verbraucher kennen das Problem oft nicht

Dabei ist es den Verbrauchern kaum bewusst, dass immer mehr Synthetikfasern in der Kleidung stecken.

Bernd Hausmann betreibt ein Geschäft für fair und ökologisch produzierte Mode in Nürnberg. Er selbst hält das Thema Plastik in Kleidung für wichtig und versucht, es in den Fokus der Kunden zu rücken.

"Es ist so, dass wir ein wahnsinnig großes Müll-Problem dadurch bekommen. Dass die Umwelt dadurch belastet wird, dass das ganze Mikroplastik in den Ozeanen und Meeren wiederzufinden ist. Und, dass man da auch ein Bewusstsein dafür schaffen muss, dass Kleidung oft genauso problematisch ist wie die Plastiktüte oder die Kunststoff-Verpackungen. Aber die wenigsten verbinden Kleidung mit Plastik." Bernd Hausmann, Geschäftsinhaber

Kostet das Entsorgen von Altkleidern in Zukunft?

Mode ist ein Begriff, der positiv besetzt ist. Doch die Textilindustrie hat sich vom tatsächlichen Bedarf völlig entkoppelt: Shopping ist zum Freizeitvergnügen geworden. 60 Kleidungsstücke kauft jeder Deutsche durchschnittlich pro Jahr – ohne Wäsche und Socken.

An das Ende der Produkte denken meist weder Hersteller noch Käufer. Darum muss sich die Altkleiderbranche kümmern. Doch die stößt an ihre Grenzen. Helmut Huber vom Roten Kreuz in Nürnberg kann sich vorstellen, dass es den Verbrauchern bald auch bei der Entsorgung an den Geldbeutel geht.

"Die gute Ware oben finanziert die schlechte Ware unten, und das Verhältnis wird immer knapper, immer schlechter. Und wenn es so weiter geht, ist es bloß eine Frage der Zeit, bis jeder, der ein T-Shirt in den Container wirft, noch einen Fünfer hinhängen muss, dass man für die Entsorgung Mittel hat." Helmut Huber, Bayerisches Rotes Kreuz

Abhilfe: Weniger Konsum, mehr Qualität

Muss das Entsorgen von Altkleidern künftig also bezahlt werden? Die einzig sinnvolle Lösung in den Augen der Altkleidersammler: Weniger Konsum, mehr Qualität. Das würde helfen, das gut funktionierende Sammelsystem in Deutschland zu erhalten.

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Die Textilproduktion hat sich weltweit seit der Jahrtausendwende verdoppelt. Möglich macht das der zunehmende Einsatz synthetischer Fasern wie Polyester. Eine junge Textiltechnik-Studentin sucht nach unkonventionellen Alternativen.