Das Schulhaus in Atzldorf.
Bildrechte: BR/Katharina Häringer

Das Schulhaus in Atzldorf.

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"Bewegte Naturschule": Lernidyll oder Verschwörungsideologie?

"Bewegte Naturschule": Lernidyll oder Verschwörungsideologie?

"In Bewegung draußen lernen" – das ist die Idee einer Initiative, die im Bayerischen Wald eine Schule gründen will. Doch nach BR-Informationen gibt es Bezüge in die Querdenker- und die sogenannte Freilerner-Szene. Experten sind alarmiert.

Kinder, die Tannenzapfen sammeln und so das Zählen lernen, die Blätter und Zweige auf ihre Gemälde kleben und auch bei Schnee draußen glücklich über eine Slackline balancieren. Der Imagefilm der "Bewegten Naturschule" erzeugt beim Anschauen das Gefühl: So viel Spaß könnten Kinder beim Lernen haben – gäbe es doch nur die passende Schule dafür.

Genau die soll jetzt in Atzldorf im Kreis Freyung-Grafenau gegründet werden – mit nur einem Haken: Nach BR-Informationen hat die Gründungsinitiative Bezüge zur Szene der Querdenker, zu Verschwörungsideologen und rechten Esoterikern.

Experte warnt vor "Wolf im Schafspelz"

Experten sind alarmiert, wie etwa Jan Nowak von der Landeskoordinierungsstelle "Bayern gegen Rechtsextremismus". Nowak sagt: "Man muss die Gefahr als real betrachten, dass dort irrationale, antiaufklärerische und damit im Kern reaktionäre Inhalte Teil des Lernalltags werden." Aus der Corona-Protestbewegung hätten sich in Bayern mehrere solcher Schulgründungsinitiativen herausgebildet, die für relevante Teile der Gesellschaft auf den ersten Blick anschlussfähig seien. Laut Nowak verhielten sich diese wie der "Wolf im Schafspelz", der die Kinder am Ende dem staatlichen Schulsystem entziehen wolle.

Schon 70 Anmeldungen für Grundschule

Seit 2021 plant eine Gruppe von Eltern und Lehrern eine neue Schule im Bayerischen Wald. Etwa 70 Kinder seien schon für die Grundschule angemeldet, rund 20 fürs Gymnasium, teilten die Organisatoren dem BR schriftlich mit. Geht es nach ihnen, könnte es im Herbst losgehen. Einen entsprechenden Genehmigungsantrag für eine Grundschule hat die Initiative mittlerweile bei der Regierung von Niederbayern eingereicht. Auch Lehrer hat die Initiative für einen künftigen Schulbetrieb bereits gefunden, genauso wie ein Schulgebäude.

Bürgermeister ist Fördermitglied

Bürgermeister Alexander Pieringer (CSU) versucht seit Jahren, das leerstehende Schulhaus in Atzldorf, einem Ortsteil der Gemeinde Fürsteneck, wiederzubeleben. Er und Gemeinderäte wollen die Initiative für die ersten Jahre mietfrei in das Gebäude einziehen lassen. Und das, obwohl die Gemeinde zuletzt viel Geld in die Renovierung des Hauses gesteckt hatte. Um das Projekt zu unterstützen, ist Pieringer außerdem Fördervereinsmitglied der "Bewegten Naturschule" geworden, wie er im BR-Interview sagt.

Künftige Dozentin prangert "schädliche Impfstoffe" an

Was der Bürgermeister und andere Unterstützer des Projekts möglicherweise nicht wissen oder unterschätzen, sind die Verbindungen der Schulinitiative, etwa in die Querdenker-Szene. Da ist zum Beispiel eine Heilpraktikerin, die in den vergangenen Monaten für die "Bewegte Naturschule" Werbung machte. Sie stellte das Konzept in der Gemeinderatssitzung in Atzldorf vor, sie taucht im Imagefilm der Schule auf und wird auf der Homepage im Team als psychologische Beraterin und als künftige Dozentin für Spanisch und Englisch geführt.

Gleichzeitig ist sie der Polizei als Mit-Organisatorin von mehreren Anti-Corona-Demos im Jahr 2020 in Passau bekannt. In ihren Reden leugnete sie die Wirksamkeit von Masken und sprach zum Beispiel von "nachweislich schädlichen Impfstoffen, durch die hunderte indische Kinder gelähmt und Frauen in Afrika unfruchtbar gemacht wurden." Das Organisationsteam der "Bewegten Naturschule" distanziert sich aber nicht von dieser Frau und ihren Reden. Auf BR-Anfrage verweist es stattdessen darauf, dass seit Beginn der Gründungsinitiative "keine Aktivitäten" der Heilpraktikerin mehr bekannt seien.

Gut vernetzt mit Verschwörungstheoretikern

Die Frau ist außerdem Vorstand bei "Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie". Zwar beteuert sie im Gespräch mit dem BR, aus dem Verein ausgetreten zu sein. Im Vereinsregister ist sie Anfang April 2022 allerdings noch als Vorstand verzeichnet. Bekanntestes Mitglied dieses Vereins dürfte der emeritierte Mikrobiologie-Professor Sucharit Bhakdi sein, gegen den aktuell ein Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung läuft. Der Verein verbreitet Fehlinformationen über die Pandemie und Impfungen.

Ist die Heilpraktikerin ein Einzelfall?

Aber ist jene Frau nur ein Einzelfall unter den Gründungsmitgliedern der "Bewegten Naturschule"? Die Antwort auf eine Plenumsanfrage aus dem Bayerischen Landtag, die dem BR exklusiv vorliegt, legt andere Schlüsse nahe. Darin bestätigt Innenminister Joachim Herrmann (CSU): Eine ideologische Nähe zu der sogenannten "Querdenken-Bewegung" liege gemäß polizeilicher Einschätzung eindeutig vor – und zwar zu mindestens einer Person der Gründungsinitiative. Zudem lägen der Polizei inzwischen Erkenntnisse zu weiteren Personen aus dem Umfeld der Schulneugründungsinitiative vor. Wie diese Erkenntnisse aussehen, bleibt in dem Papier unbeantwortet.

Werbung in einschlägigen Telegram-Gruppen

Nach BR-Recherchen jedoch bewegen sich noch mehr Mitglieder der Initiative im Querdenker- und verschwörungsideologischen Milieu. So ist eine der Vorstandsvorsitzenden öffentlich mit einem Leserbrief in Erscheinung getreten, in dem sie den umstrittenen Passauer Frauenarzt Ronald Weikl in Schutz nimmt. Ein Arzt, der im Moment vor Gericht steht, weil er leichtfertig Maskenfreistellungsatteste ausgestellt haben soll.

Sie und weitere führende Mitglieder der "Bewegten Naturschule" haben außerdem in einschlägigen Telegram-Kanälen Werbung für die Schule gemacht und versucht, Spenden für den dazugehörigen Förderverein zu sammeln. Auf BR-Anfrage räumen die Initiatoren ein, es könne sein, dass auf diversen Kanälen Werbung gemacht wurde. Keiner des Teams sei jedoch in einer der genannten Gruppen Mitglied.

Darunter sind auch regionale Kanäle oder Gruppen aus der "Freilerner"-Szene, die bereits im Zusammenhang mit der illegalen Schule im Landkreis Rosenheim auffällig geworden sind: das Netzwerk "Wissen schafft Freiheit" (WSF) um den österreichischen Zauberkünstler Ricardo Leppe. Dass die Schulgründungsinitiative mit diesem Lernkonzept arbeiten wollte, zeigte ein Aufruf auf der Homepage von 2021, der mittlerweile wieder von der Seite genommen wurde: Darin hieß es, man suche Lehrer, die mit den "Lernstrategien von R. Leppe" vertraut seien.

Problematisches Netzwerk

Experten stufen das Netzwerk in Teilen als hochproblematisch ein. Vordergründig gehe es darum, wie aufgrund der staatlichen Corona-Maßnahmen die Schulpflicht umgangen werden könne, meint Jan Nowak von der Landeskoordinierungsstelle "Bayern gegen Rechtsextremismus". "Aber eigentlich geht es darum, die eigenen ideologischen Vorstellungen im Schulunterricht umzusetzen – ohne die öffentliche Kontrolle durch Aufsichtsbehörden." Laut Experten bezieht WSF sein Gedankengut beispielsweise aus der rechtsesoterischem Anastasia-Bewegung, in der antidemokratische und rassistische Aussagen getroffen werden.

💡 Wer steht hinter "Wissen schafft Freiheit"?

Hinter "Wissen schafft Freiheit" (WSF) steht Ricardo Leppe, den der Sektenbeauftragte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Matthias Pöhlmann, als "rechten Esoteriker" bezeichnet. Auf Anfrage von BR Recherche streitet Leppe diesen Vorwurf ab – aber: Auch Jan Nowak stuft das Netzwerk um Ricardo Leppe als gefährlich ein. Es nehme immer wieder Bezug auf die rechtsesoterische Anastasia-Bewegung und Buchreihe, in der sich antidemokratische und rassistische Aussagen finden. Außerdem beziehe sich der Kreis um Leppe immer wieder auf die germanische neue Medizin, der antisemitische und verschwörungsideologische Vorstellungen zugrunde lägen: "Nämlich dass die Juden viel weiterentwickelte Behandlungsmethoden hätten, um beispielsweise Krebs zu heilen. Dass sie diese aber quasi der Mehrheitsgesellschaft vorenthalten", so Jan Nowak. In diesen Netzwerken würden pseudopädagogische und im Grunde ideologische Vorstellungen diskutiert, die keinesfalls harmlos seien.

Ministerium weiß nichts über Bezüge zu Freilernern

Laut Antwort zur Plenumsanfrage hat Innenminister Joachim Herrmann über diese Bezüge keine Informationen. Auch dem Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz lägen darüber keine Erkenntnisse vor. Im Fall der illegalen Schule in Rosenheim jedoch hatte die Behörde BR-Recherchen zufolge "mögliche Bezüge des Schulprojekts zu Anastasia-Bewegung geprüft".

Initiatoren geben kein Interview

Für ein persönliches Interview stand die Initiative nicht zur Verfügung. Man wolle das Feedback der Regierung abwarten. Auf zwei schriftliche BR-Anfragen äußerte sich die "Bewegte Naturschule" wenig konkret. Etwa zu dem Vorwurf, Behörden sähen einen Querdenker-Bezug, schreibt sie: "Diese Anschuldigungen wurden uns bereits unterbreitet. Eine persönliche Anfrage unseres Rechtsanwalts diesbezüglich beim LKA ergab keine Bestätigung dieser Behauptung."

Bezirksregierung prüft Genehmigung

Die Regierung von Niederbayern bestätigt dem BR den fristgerechten Eingang des Antrags der "Bewegten Naturschule" für das Schuljahr 2022/23. Diese schreibt: "Die Antragsteller werden – wie in jedem anderen Fall auch – sehr genau auf ihre Geeignetheit, Zuverlässigkeit und Verfassungstreue geprüft werden." Dabei würden auch andere staatliche Behörden eingebunden und Erkenntnisse ausgetauscht. Öffentliche Äußerungen der Antragsteller würden ebenso miteinbezogen.

Bürgermeister ist verunsichert

Bürgermeister Alexander Pieringer ist froh, dass die Regierung die Unterlagen nun genau prüft. Über die BR-Recherchen zeigt er sich überrascht. Er sagt, er habe von den Gerüchten gehört, hatte aber nie Belege auf dem Tisch. "Ich hätte mir gewünscht, dass mich die Behörden informieren", sagt er. Sollte die Regierung von Niederbayern die BR-Informationen bestätigen, will er sich von der Initiative distanzieren. Er ist sich sicher, dass die Gemeinderäte das Schulhaus dann nicht mehr zur Verfügung stellen.

Bildrechte: BR

2013 wurde in Atzldorf ein altes Schulhaus geschlossen - jetzt soll es wiederbelebt werden. Eine private Grundschule will dort einziehen.

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