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Betrunkener Elfjähriger: Behörden nahezu machtlos | BR24

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Symbolbild: Jugendlicher ballt die Faust

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    Betrunkener Elfjähriger: Behörden nahezu machtlos

    Der betrunkene Elfjährige, der in Nürnberg einem Polizisten ins Gesicht getreten hat, ist der Polizei bekannt. Der Junge ist einer von denen, die durchs Raster fallen, ein "Systemsprenger". Die Behörden haben wenig Möglichkeiten.

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    Der Elfjährige sei ein "Rabauke", sagt ein Polizeisprecher. Die Bezeichnung ist sehr schmeichelhaft. Tatsächlich hat der Bub schon mehrere Straftaten begangen, und er ist schon häufiger aus Erziehungseinrichtungen abgehauen. So wie am vergangenen Montag. Da fand ihn die Polizei betrunken in einem Park. Als er in den Streifenwagen gebracht werden sollte, wehrte er sich mit Händen und Füßen. Einem Beamten trat er die Nase blutig.

    "Systemsprenger" nicht einfach zu bändigen

    Um den Jungen wieder auf einen guten Weg zu führen, arbeiten in Nürnberg viele Stellen zusammen. Polizei, Jugendamt und Justiz stimmen sich ab. Dennoch sei es nicht einfach, einen solchen "Systemsprenger" zu bändigen, erklärt Frank Schmidt, der stellvertretende Leiter des Nürnberger Jugendamts im Gespräch mit BR24.

    "Er ist einer von denen, die uns an die Grenzen dessen bringen, was wir tun können." Frank Schmidt, stellvertretender Leiter Jugendamt Nürnberg

    Die Pädagogen vom Kinder- und Jugendnotdienst versuchten, ihn einzubinden und ihm eine Tagesstruktur zu geben. "Bei neun von zehn Kindern klappt das auch. Beim zehnten aber scheitern wir", so Schmidt.

    Welche Einrichtung kann den Elfjährigen jetzt aufnehmen?

    Das große Problem sei, eine Einrichtung zu finden, die den Elfjährigen aufnimmt, sagt der stellvertretende Jugendamtsleiter. Aktuell suche seine Behörde bundesweit nach einer Bleibe für den Jungen. Jugendheime seien kein Gefängnis, so Schmidt. Der Elfjährige könne also auch aus der nächsten Einrichtung wieder abhauen, so wie schon vorher aus anderen. In Nürnberg, erklärte ein Polizeisprecher, kennen ihn schon viele Beamte persönlich mit Namen. "Das ist schlimm. Nürnberg ist eine große Stadt, und trotzdem wissen viele bei uns, wer er ist und was er schon alles getan hat".

    Ein eigenes Kommissariat für jugendliche Intensivtäter

    Beim Polizeipräsidium Mittelfranken gibt es ein eigenes Kommissariat, das sich nur um jugendliche Intensivtäter kümmert. Ziel sei es, dass die Jugendlichen immer mit demselben Polizeibeamten sprechen und ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden kann. In den Polizeiinspektionen auf dem Land kümmern sich immer dieselben Beamten um die Jugendlichen. "Systemsprenger" sind kein Großstadt-Phänomen. Und sie kommen aus allen Schichten der Bevölkerung, auch aus behüteten Verhältnissen. Auch die Kinder und Jugendlichen sind ganz unterschiedlich. Manche sind hochintelligent, andere lernbehindert.

    Jugendamt wünscht sich Clearingstelle für Systemsprenger

    Damit sie den Kindern helfen können, wünscht sich das Jugendamt der Stadt Nürnberg eine geschlossene Clearingstelle Krisenhilfe. Dort könnten Systemsprenger wie der Elfjährige zeitweise untergebracht werden, damit er sich stabilisieren kann. Die offene Struktur des Kinder- und Jugendnotdienstes sei nicht das richtige für solche Kinder. Bisher ist die Einrichtung einer Clearingstelle aber an der fehlenden Immobilie gescheitert.

    Polizei registriert Straftaten

    Noch besteht Hoffnung, dass sich der Elfjährige fängt. Deshalb registriert zwar die Polizei seine Taten. An die Justiz werden sie aber noch nicht weitergeleitet. Das aber passiert, wenn strafunmündige Kinder und Jugendliche kurz vor ihrem 14. Geburtstag Straftaten begehen. Denn auch, wenn sie für diese Taten nicht belangt werden können – wenn sie mit 14 Jahren das erste Mal vor einem Richter stehen, spielt ihre Vergangenheit eben doch eine Rolle.

    Gerichte müssen "schädliche Neigungen" feststellen

    Um eine Jugendstrafe verhängen zu können, müssen die Gerichte prüfen, ob "schädliche Neigungen" bei einem Jugendlichen vorliegen. Wenn das so ist, kann er auch beim ersten Vergehen schwerer bestraft werden als wenn er mit weißer Weste vor dem Richter erscheinen würde, erklärt die Leitende Oberstaatsanwältin Antje Gabriels-Gorsolke. Ob Informationen weitergegeben werden, entscheide die Polizei. Bei der Staatsanwaltschaft würden die Informationen dann in der Hauptregistratur abgelegt.

    Bis er 14 wird, kann Elfjähriger auf einen guten Weg zurückfinden

    Ob der Elfjährige irgendwann vor Gericht steht? Um das zu sagen, ist es noch zu früh. "Bis er 14 ist, sind es ja noch drei Jahre hin", meint Gabriels-Gorsolke. Bis dahin könne noch viel passieren. Auch, dass das Kind wieder auf einen guten Weg zurückfindet.

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