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Die Rummelsberger Diakonie will 2022 die Wohngruppen im Wichernhaus-Internat in Altdorf schließen. Die Empörung, auch unter den Bewohnern, ist groß. Schule und Werkstätten für Menschen mit Behinderung sollen aber erhalten bleiben.

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Bestürzung in Altdorf: Wichernhaus-Internat schließt

Die Empörung ist groß: Das Wichernhaus-Internat in Altdorf, eine Einrichtung für Jugendliche mit Körperbehinderung, wird 2022 geschlossen. Für die jungen Internatsbewohner und deren Familien kam das völlig unerwartet.

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Von
  • Julia Hofmann

Die Rummelsberger Diakonie hat beschlossen, 2022 das Wichernhaus-Internat in Altdorf, eine Einrichtung für Menschen mit Körperbehinderung, zu schließen. Begründet wird der Entschluss mit einer stark rückläufigen Nachfrage nach Internatsplätzen, die auch auf die erfolgreiche Inklusion an den Regelschulen zurückzuführen sei. Doch gerade dieses Argument stößt beim Diakoniepersonal, den Schülerinnen und Schülern des Internats und deren Familien sowie bei vielen ehemaligen Internatsbewohnern auf völliges Unverständnis. Es kommt zu Demonstrationen und Protesten in Altdorf.

Proteste in der Innenstadt

Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer unterschiedlichsten Alters stehen rund um eine große bunte Plakatwand mitten auf dem Marktplatz. Selbst hartnäckiger Regen kann die Menschen nicht davon abbringen, gegen die Schließung des Internats im Wichernhaus zu protestieren. Dieser Entschluss der Diakonie macht hier allen große Sorgen.

"Die nächste Generation braucht auch so ein Internat, das ihr unter die Arme greift." Ludwig Scharnagl, 16-jähriger Internatsschüler
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Schüler und Eltern haben in Altdorf gegen die geplante Schließung des Wichernhauses protestiert. Die Wohngruppen für Kinder mit Behinderungen soll 2022 geschlossen werden. Die Schule und Werkstätten bleiben aber erhalten.

Selbstverständliches Miteinander

Seit fast 100 Jahren werden im Altdorfer Wichernhaus Jugendliche mit Behinderung betreut, gefördert und auf ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben vorbereitet. Sie gehören zum Stadtbild in Altdorf dazu, denn das Internat liegt im Stadtzentrum und die Jugendlichen können auch die Geschäfte und Cafes rundherum besuchen. Dieses selbstverständliche Miteinander in Altdorf gilt als absolutes Alleinstellungsmerkmal der Einrichtung.

Nicht der "Anfang vom Ende"

Die Internatsschließung sei keinesfalls der befürchtete Anfang vom Ende, beruhigt die Diakonie. Denn Tagespflege, Schule, Werkstätten, Therapieangebote - das soll alles bleiben und teilweise noch ausgebaut werden, verspricht Volker Deeg von der Rummelsberger Diakonie. "Das Wichernhaus begleitet rund 500 Familien jedes Jahr und diese Familien werden weiterhin begleitet werden. Und für die Familien, die jetzt im Internat kein Angebot mehr finden, da sind wir gerade sehr stark dabei, Alternativen zu finden."

Anmeldungen sind stark rückläufig

Die Anmeldungen für das Internat sind in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen, inzwischen bleiben ganze Etagen ungenutzt und die Betten leer. Grund dafür ist auch angestrebte Inklusion an den Regelschulen. Doch diese könne die Arbeit solcher Einrichtungen, wie das Internat hier, noch lange nicht ersetzen, sind sich die Fachleute einig. "Wir haben Kinder und Jugendliche, die sagen, was ich hier bekomme, ist genau das, was ich brauche. Und gleichzeitig dann zu sagen 'wir machen zu' ist natürlich nicht einfach. Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht", erklärt der Leiter des Wichernhauses Thomas Jacoby. Die jetzige Belegungs- und Anfragesituation aber lasse keine andere Wahl. "Wir kommen in ein Fahrwasser, wo wir es einfach nicht mehr schaffen das wirtschaftlich zu verantworten und das lässt sich so auch nicht mehr organisieren."

Familien sind verzweifelt

Für acht bis 12 Jugendliche müssen jetzt also neue Schul- , Wohn- und Ausbildungsplätze gefunden werden. Denn schon im Sommer 2022 wird es ihre Internats-Wohngruppen nicht mehr geben. Die Nachricht über die geplante Schließung hat Kinder wie Eltern gleichermaßen überrascht, erschreckt und verunsichert, so auch Ulrike Rathjen, die Mutter der 16-jährigen Elena. "Wir haben das Internat für Elena als absolut wohltuenden und gute Platz erlebt, wo sie in der Gemeinschaft lebt, unter Gleichaltrige sein kann, wo für sie auch ein ganz normales Teenager-Leben möglich ist." Die Entscheidung, das Internat zu schließen, sei für sie nicht nachvollziehbar.

"Casemanager" sollen Familien unterstützen

Die Bestürzung und die Proteste sind für die Rummelsberger Diakonie ein Beweis dafür, welche wichtige und gute Arbeit hier geleistet worden ist. Trotzdem aber sehe man bisher keine Alternativen zur Schließung. Um die Unsicherheit und Bestürzung der Familien zu mindern, hat die Rummelsberger Diakonie jeder Familie eine sogenannte "Casemanagerin" bzw. einen "Casemanager" zur Seite gestellt. Das sind Fachberaterinnen und -berater, die helfen, Wege und Perspektiven zu finden. Dabei achten sie besonders darauf, dass das neue Wohn-, Schul- oder Ausbildungsangebot den Wünschen und Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen gerecht wird. Das wird sicherlich nicht einfach werden, denn gleichwertige Möglichkeiten, wie sie das Internat im Altdorfer Wichernhaus bieten konnte, gibt es sehr wenige.

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