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Berufung startet: Neues Gutachten im Raser-Prozess von Eisenheim | BR24

© BR/Carolin Hasenauer

Der Pfeil ziert nicht nur Theresas Grabstein, sondern ist auch Symbol für die von Vater Ronald gegründete Initiative "Gegen Alkohol am Steuer".

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    Berufung startet: Neues Gutachten im Raser-Prozess von Eisenheim

    Lediglich 5.000 Euro Geldstrafe wegen seiner Schuldunfähigkeit: So lautete das Urteil für einen Mann vor dem Amtsgericht Würzburg vor fast einem Jahr. Betrunken hatte er bei Untereisenheim eine Frau überfahren. Heute beginnt der Berufungsprozess.

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    Fast ein Jahr nach dem Urteil, das bundesweit für Entsetzen gesorgt hatte, beginnt heute am Würzburger Landgericht der Berufungsprozess. Wieder auf der Anklagebank: Ein damals 18-Jähriger, der sich im April 2017 betrunken ans Steuer gesetzt und eine junge Frau bei Untereisenheim überfahren haben soll.

    Beim Prozess im Oktober 2019 urteilte das Gericht zum Entsetzen der Familie: 5.000 Euro und ein Jahr Fahrverbot für den jungen Mann - auf Grundlage eines Gutachtens, das den Fahrer wegen seines Vollrausches zum Tatzeitpunkt als schuldunfähig einstufte. Das soll in diesem Prozess nochmal diskutiert werden.

    Neues Gutachten: Doch schuldfähig?

    Zentral ist im Berufungsprozess nun ein neues Gutachten zur Schuldfähigkeit des Angeklagten, das in Auftrag gegeben wurde. Die Familie der Verstorbenen und deren Anwalt Philipp Schulz-Merkel erhoffen sich viel: "Wir wollen daran arbeiten, dass das Gericht nochmal genau prüft, ob der Verurteilte wirklich der Fahrer war. Dann wollen wir nochmal die Frage der Schuldfähigkeit angehen. Schuldunfähig, aber ein Auto steuern - das geht aus unserer Sicht nicht."

    Wenn eine Schuldfähigkeit bewiesen werden könne, gehe es juristisch gesehen nicht um fahrlässigen Vollrausch, sondern um fahrlässige Tötung. Schulz-Merkel will außerdem erreichen, dass der Fahrer nicht nach Jugendstrafrecht, sondern nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt wird. Das hatte schon die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer im Oktober 2019 gefordert sowie damit einhergehend eine Gefängnisstrafe von zweieinhalb Jahren.

    Urteil sorgte für Unverständnis

    Im Wagen des damals 18-Jährigen waren noch drei weitere junge Männer gesessen. Sie wurden im ersten Prozess wegen unterlassener Hilfeleistung zu Geldstrafen von 2.000, 1.500 und 1.000 Euro verurteilt. Alle vier Angeklagten hatten sich während des Prozesses entschuldigt.

    Dennoch: Viele Menschen reagierten nach dem Urteil mit Unverständnis – allen voran der Vater der getöteten Frau, Ronald Stahl. Er äußerte sich, dass er über ein halbes Jahr gebraucht habe, um sein Vertrauen in das deutsche Rechtssystem wieder zu finden. Das Urteil in erster Instanz habe eine fatale Signalwirkung: "Man muss nur genug trinken und kann sich alles erlauben. Es ist ein Freifahrtschein".

    © BR/Carolin Hasenauer

    Vater Ronald Stahl am Grab seiner verstorbenen Tochter.

    Familie startet Aktion gegen Alkohol am Steuer

    Die Familie Stahl hat kurz nach dem Unfall die Initiative "Gegen Alkohol am Steuer" gestartet. Ihr Symbol ist ein Pfeil – angelehnt an eine Tätowierung, die Theresa am Fuß hatte und der zeigen will, dass es immer weitergeht.

    Gleich am Tag nach ihrem Tod haben wir uns als Familie diesen Pfeil tätowieren lassen. Das hat uns die erste Zeit riesengroßen Halt gegeben. Und jetzt versuchen wir der Welt zu zeigen, dass Auto fahren im besoffenen Zustand gar nicht geht! Ronald Stahl

    Über eine Homepage und die sozialen Medien will er das Anliegen der Initiative vorantreiben.Vor allem mit Aufklebern schafft er das: Rund 40.000 sind bisher im Umlauf, die meisten kleben auf Autos. Anwalt Schulz-Merkel betonte gegenüber dem BR, dass es für die Verarbeitung des Geschehenen immens wichtig sei, dass der Vater das Gefühl bekommt: Jetzt kommt alles nochmal in äußerster Sorgfalt auf den Tisch und es soll Antworten geben auf die offenen Fragen. Der Vater habe einerseits zwar durchaus Furcht vor dem Verfahren, andererseits sei es ein wichtiges Signal: Jetzt wird neu verhandelt.

    Die Todesfahrt von Untereisenheim

    Im April 2017 soll der damals 18-jährige Fahranfänger die Fußgängerin erfasst und anschließend Fahrerflucht begangen haben. Er sei auf dem Heimweg von einem Weinfest gewesen und hatte fast 2,9 Promille Alkohol im Blut. Die 20-Jährige starb wenige Tage später an den Folgen der schweren Verletzungen im Krankenhaus. Der Unfall ereignete sich auf der Ortsverbindungsstraße Kaltenhausen-Untereisenheim im Landkreis Würzburg. Das Fahrzeug des 18-Jährigen wurde in der nächsten Ortschaft samt Fahrer in einem Straßengraben gefunden. Der junge Mann blieb nahezu unverletzt, konnte sich aber nicht selbst aus seinem Auto befreien.

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