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Berufsfischer wehren sich gegen Felchenzucht im Bodensee | BR24

© BR/Steffen Armbruster

Am Wochenende hat die Schonzeit für Fische im Bodensee begonnen. Wie viel die Fischer heuer gefangen haben, ist noch nicht klar. Es dürfte zwar etwas mehr sein, als im Vorjahr, doch die Fischer sind in Sorge - nicht nur wegen der sinkenden Preise.

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Berufsfischer wehren sich gegen Felchenzucht im Bodensee

Jahr um Jahr fangen die Berufsfischer am Bodensee weniger Fisch. Deshalb will eine Genossenschaft künftig Felchen in Netzgehegen züchten. Viele Fischer wehren sich gegen die Pläne, denn: Sie sehen darin eine Gefahr für die Umwelt und das Trinkwasser.

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Berufsfischer Roland Stohr zieht ein Netz aus dem Bodensee bei Lindau. Die Maschen fallen in eine schwarze Plastiktonne neben ihm. Es ist ein ruhiger und kühler Morgen auf dem Bodensee kurz vor der Schonzeit, die Fangsaison geht zu Ende. Nur einige Möwen kreischen, Nebel hängt über dem Wasser. In Stohrs Netzen haben sich heute gut 13 Kilogramm Barsche und ein ordentlicher Hecht verfangen. Das ist nicht immer so.

Fische finden im Bodensee immer weniger Nahrung

In den vergangenen Jahren haben Stohr und seine Kollegen immer weniger Fisch gefangen. 2019 war der Ertrag so niedrig wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1910. Ein Grund dafür ist, dass der See immer sauberer wird. In der Folge gibt es weniger Nahrung für die Fische. Sie werden nicht mehr so groß wie früher und vor allem der Felchen-Bestand geht zurück. Er ist der sogenannte Brotfisch der Fischer. Der Bodensee ist für Felchen bekannt.

Verfressene Vögel: Felchen aus der Zucht statt aus dem See

Daneben bereiten die Kormorane den Fischern Sorge: Die schwarzen Vögel fressen rund 300 Tonnen Fisch im Jahr – das ist inzwischen so viel, wie alle 80 Berufsfischer rund um den See in etwa fangen. Deshalb hat sich die Genossenschaft "Regio Bodensee Fisch" gegründet. Mit dabei sind acht Fischer, Händler, Rechtsanwälte. Das Ziel: Felchen im Bodensee züchten. Vorsitzender ist Martin Meichle – einer der wenigen Berufsfischer, die die Idee befürworten.

Fischzucht soll hohe Nachfrage decken

Für Meichle ist es eine existenzielle Frage. Er sagt, ohne Fisch aus Aquakulturen könne er die Nachfrage der Gastronomie und des Handels jetzt schon nicht decken. Meichle kauft zu, wie viele andere auch. Das Ziel einer möglichen Aquakultur ist es laut Meichle, "dass wir den Bedarf von Felchen am See und im Umkreis von 100 Kilometern decken können. Das sind zwischen 500 und 600 Tonnen Felchen." Deshalb will die Genossenschaft Netzgehege bei Konstanz errichten, wo die Fische im Wasser gemästet werden könnten.

Bodenseefischer sehen Gefahr für Ökosystem

Die meisten seiner Fischer-Kollegen halten allerdings nichts davon. Deshalb hatten sie im Oktober mobil gemacht. In einem breiten Bündnis demonstrierten Fischer, Naturschützer und Politiker aus dem baden-württembergischen Landtag mit einem Bootskorso auf dem Bodensee für den Schutz des Trinkwassers und dafür, dass die Aquakultur endgültig verboten wird.

Nebenwirkungen der Zucht: Medikamente im offenen Gewässer

Auch Roland Stohr ist der Ansicht, dass eine Felchenzucht im See keine Lösung ist. Im Gegenteil: "Wo Tierhaltung auf engem Raum ist, da entstehen Krankheiten." Die könne man nur mit Medikamenten behandeln. "Das in einem offenen Gewässer zu machen ist hoch riskant", sagt Stohr. Zudem gelangt Futter für die Zuchtfische in den See und ihr Kot sinkt an den Grund. Die Natur wird so laut Stohr zerstört. All diese Fragen müssen geklärt werden.

Richtlinie verbietet eigentlich Netzgehege im See

Die Genossenschaft ist überzeugt, dass ihr Projekt ökologisch vertretbar ist. Deshalb will Meichle es den Fachleuten der Internationalen Gewässerschutzkommission für den Bodensee (IGKB) vorstellen. Dort sind die Anrainerstaaten des Bodensees vertreten, auch das bayerische Umweltministerium. Delegationsleiter Martin Grambow teilte auf BR-Anfrage mit, es bestehe in der IGKB eine "einvernehmliche kritische Haltung gegenüber der Netzgehegehaltung". In der Bodenseerichtlinie von 2005 heißt es: "Netzgehege-Anlagen sind im Bodensee und in seinen Zuflüssen nicht zugelassen." Nach Ansicht von Grambow besteht keine Grundlage, davon abzuweichen. Dass dies doch geschehen könnte, ist aber die große Sorge der Mehrheit der Berufsfischer am Bodensee.

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