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Bericht über Psycho-Gewalt in Kitas bewegt viele Menschen | BR24

© pa/dpa/Ramesh Amruth

Wo beginnt psychische Gewalt an Kindern?

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    Bericht über Psycho-Gewalt in Kitas bewegt viele Menschen

    Aufforderung zum Essen bis zum Würgereiz, verbale Drohungen: Auf unseren Bericht über psychische Gewalt in Kitas haben sich viele Menschen gemeldet: mit eigenen Erfahrungen als Eltern wie als Erzieher und häufig mit der Frage: Wo beginnt die Gewalt?

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    Das Thema bewegt viele Menschen, das zeigen die Reaktionen im Netz auf unseren Artikel über psychische Gewalt in Kindergärten und -tagesstätten vom 10. Oktober. Sätze wie "Wenn du nicht leise bist, schneide ich dir die Zunge ab", seien auch in bayerischen Kitas keine Seltenheit, betont Dr. Anke Ballmann vom Institut für kindgerechte Pädagogik in München.

    Kein Pauschalurteil über Kita-Personal

    Dabei sei vorweg gestellt, dass hier nicht eine ganze Berufsgruppe pauschal am Pranger steht. Wir wollen aber für das Thema sensibilisieren. Denn laut einer Einschätzung des Instituts komme Gewalt in Kitas "sehr häufig vor. In fast jeder Kita fast jeden Tag, in unterschiedlichen Ausprägungen. Es gibt psychische und physische Gewalt, meistens ist es psychische Gewalt. Nicht von allen Erzieherinnen, immer nur von wenigen, aber die wenigen sind schon zu viel," sagt Anke Ballmann. Der Großteil der pädagogischen Kräfte in den Kitas indes leistet vorbildliche Arbeit.

    User haben Ähnliches erlebt

    Gleichwohl bestätigen etliche User das Problem – Eltern wie Erzieher:

    "Leider gibt es solche Kollegen immer wieder! Hab schon oft deswegen gewechselt! In so einem Kiga möchte ich nicht arbeiten! Gerade das Essensthema ist eine heißgeliebte Diskussion." Ingrid Mittler
    "Meine Tochter, die sonst alles wenigstens probiert hat, musste Fisch essen, obwohl sie sagte, dass sie den nicht essen kann. Sie wurde dazu gezwungen, bis sie erbrochen hat. Ich wurde in der Arbeit angerufen, ich solle sie abholen weil sie wohl einen Magen- Darmvirus habe. Ist erst ein paar Jahre her." Sabine Edmaier
    "Ich finde es richtig und wichtig, dass psychische Gewalt in Kitas endlich eine Öffentlichkeit bekommt. Es geht nicht darum, (uns) Erzieher:innen und Kitas als Ort der Demütigung abzustempeln, sondern Defizite, deren Ursachen in der Kürze des Berichtes benannt werden, aufzuzeigen. Davor die Augen zu verschließen, ist unprofessionell und kontraproduktiv." Ben Neudeck

    Mehr Stress durch "verzogene" Kinder?

    Dass das Kita-Personal durch zunehmend "verzogene Kinder" heute mehr gestresst sei, beobachten viele User. Einige fordern daher eine bessere Ausbildung und Begleitung der Kita-Pädagogen:

    "Der Hinweis auf Überlastung und geringe monetäre Wertschätzung ist das eine, das andere ist die notwendige Schaffung eines Unrechtsbewusstseins, das (…) völlig absent zu sein scheint." Parzival
    "Ein Grundproblem ist aber auch die Ausbildung in pädagogischen Berufen generell. Wer gute Noten schreibt, hat deshalb noch lange kein Talent und persönliche Eignung, mit Kindern und Jugendlichen umzugehen. Da kommt das Problem auf, wie man solche Eigenschaften abprüfen und in gerechter Weise beurteilen soll." Schwarzpeter

    Darauf antwortet unsere Expertin Anke Ballmann:

    "Sowohl in Aus-, Fort- und Weiterbildung sollte regelmäßige Selbst- und Teamreflexion, gerne auch mit Videounterstützung, selbstverständlich werden. Ergänzt durch Aufklärung über Formen und Auswirkungen von Gewalt bei Kindern, Supervision und Biographiearbeit und dem daraus folgenden Unterzeichnen von Selbstverpflichtungserklärungen könnten viele Seelenprügel in der Zukunft verhindert werden."
    "Die Aufnahme an Fachakademien oder an Weiterbildungsinstitutionen sollte (…) an Assessment-Center, Belastungs-, Stress- und Persönlichkeitstests gekoppelt sein, die eine grundlegende Befähigung zum Umgang mit jungen Menschen bestätigen können." Dr. Anke Ballmann, Institut für kindgerechte Pädagogik, München

    Hilfestellung für Kita-Personal

    Entscheidend sei auch, so Ballmann, dass Kolleginnen und Kollegen nicht wegschauten, wenn es Fälle von psychischer Gewalt durch Erzieher gebe. Denn "Kinder können oder wollen nichts erzählen, weil sie zu jung sind und/oder ihre Eltern schützen wollen," so Ballmann. Wichtig sei dann, die betreffenden Kita-Mitarbeiter nicht zu verurteilen, sondern Hilfestellungen anzubieten.

    Pragmatisch-versönlich zeigte sich dieser User:

    "Habe durch meine langjährige Arbeit im Elternbeirat und auch im Berufsleben einiges mitbekommen (…) Da stört es mich nicht, ob hierbei vielleicht mal der eine oder andere Satz nicht richtig ausgesprochen wurde, wenn das Gesamtbild passt (…) In diesem Sinne, macht Euren Job so weiter und wenn Ihr Euer Verhalten nicht in Ordnung fandet, habt die Größe und entschuldigt Euch bei den Kindern, denn auch das müssen sie lernen, dass niemand fehlerfrei ist." Arnd Käding

    Dem stimmt Anke Ballmann zu. Es gehe bei Seelenprügeln nicht um Erzieher, die menschlich sind und daher mal Fehler machen würden. Es gehe um die, die wissentlich oder unwissentlich Kinder immer wieder in ihrer Würde verletzten. Auf der anderen Seite sollten Eltern den Mut haben, diese Dinge gegenüber dem Personal anzusprechen - am besten gegenüber der Kita-Leitung oder notfalls dem Träger der Einrichtung.

    Wo beginnt psychische Gewalt? Eine Annäherung

    • Drohungen
    • Nötigungen
    • Angstmachen
    • Beschimpfungen/Diffamierungen
    • Abwertungen
    • Isolation/Zuwendungsentzug
    • persönliche Ablehnung
    • Erzeugen von Schuldgefühlen

    Quelle: www.gewaltinfo.at (Initiative des Bundeskanzleramts Österreich)