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Bergwacht am Limit - Die Schattenseite des Alpen-Booms | BR24

© picture alliance / blickwinkel/W. G. Allgoewer

Symbolbild: EInsatz der Bergwacht im Alpenraum

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Bergwacht am Limit - Die Schattenseite des Alpen-Booms

Während es in den meisten Unternehmen in der Urlaubszeit eher ruhig zugeht, herrscht in den Alpen Hochkonjunktur. Bergsport ist "in". Entsprechend passieren mehr Unfälle. Dieser Boom bringt Ehrenamtliche der bayerischen Bergwacht zunehmend ans Limit.

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Um bei Notfällen schnell helfen zu können, muss in den einzelnen Sektionen der Bergwacht ständig jemand in Alarmbereitschaft stehen. Das sind fast ausschließlich ehrenamtliche Helfer. In Grainau zum Beispiel Wilhelm Kraus. Der selbständige Raumausstatter muss während der Arbeit jederzeit damit rechnen, dass ein Notruf kommt und das passiert in letzter Zeit immer häufiger.

"Früher hat man gewusst, am Wochenende wird’s heftig, aber jetzt kommen auch unter der Woche immer mehr Einsätze herein. Montag, Dienstag und Mittwoch zum Einsatz, das ist schon fast Standard.“ Wilhelm Kraus, Einsatzleiter

Wenn sich Wanderer rund um Grainau verlaufen, umgeknickt sind oder in einem Schneefeld nicht mehr weiterkommen, geht sein Pieper los. Den trägt er immer mit einem Clip am Gürtel. Vier hohe Pieptöne - kurze Pause – dann das Gleiche von vorn. So klingt es, wenn Kraus alarmiert wird. Dann muss er sofort alles stehen und liegen lassen und es heißt: raus zur Rettung. Mit Blaulicht und Martinshorn - auch Bergwacht-Fahrzeuge sind Rettungswagen.

8.516 Einsätze im Jahr 2018

Im letzten Jahr musste die Bayerische Bergwacht 8.516 Mal zu solchen Einsätzen ausrücken. Ein neuer Rekord. Das hängt mit den trendigen Sommersportarten zusammen.

"Die Einsatzzahlen haben sich in den letzten Jahren verdoppelt, weil Modesportarten wie Gleitschirmfliegen, Canyoning oder Mountainbiking boomen. Oft überschätzen sich die Leute einfach. Jedem muss klar sein, dass er in den Bergen auch eine Eigenverantwortung hat und vorher abschätzen sollte, wie lang und wie schwierig zum Beispiel eine Tour ist und ob er dafür fit genug ist." Roland Ampenberger, Sprecher Bayerische Bergwacht

Vollkasko-Mentalität und Egoismus mancher Bergwanderer stark angestiegen

Im Notfall ist mit dem Handy schnell die 112 gewählt und man wird vom Berg geholt. Die Retter stellen fest, dass sich eine Art Vollkasko-Mentalität unter den Bergwanderern breitmacht. Das belastet vor allem die Ehrenamtlichen und führt dazu, dass mancherorts nur noch schwer freiwillige Einsatzleiter gefunden werden.

Außerdem dauert es, bis ein Bergwacht-Mitarbeiter voll einsatzfähig ist. Die Ausbildung dauert rund drei Jahre: Die rotblauen Retter brauchen umfangreiche Erste-Hilfe-Kenntnisse, es gibt sogar eigene Bergwacht-Notärzte. Klettern und Skifahren zu können ist sowieso Grundvoraussetzung.

Bergrettung kann mehrere Tage dauern

Die Bergwächter müssen bereit sein, große Teile ihrer Freizeit zu opfern. Eine Bergrettung kann mehrere Tage dauern, je nachdem wie schwierig die Unglücksstelle zu erreichen ist. Hinzu kommt, dass nach der Rettung der Einsatz noch lange nicht beendet ist. Trotz Erschöpfung müssen die Helfer, oft mit klammen Fingern, noch die Einsatzprotokolle erstellen.

"Die Bürokratie hat auch zugenommen. Gerade nach dem Einsatz ist das manchmal schwierig und eine Belastung. Aber es geht nicht anders - ein notwendiges Übel." Axel Miller, Einsatzleiter Bergwacht Garmisch-Partenkirchen

Die Rettungsorganisation denkt auch aus diesem Grund darüber nach, mehr Hauptamtliche als Unterstützung einzustellen. Das geht aber aus finanziellen Gründen nur begrenzt. Die Ehrenamtlichen sind und bleiben in der Bergrettung unverzichtbar.

© BR

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