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Bergsteigerdörfer beraten in Ramsau über ihre Zukunft | BR24

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Einige Urlaubsorte in Bayern haben sich bewusst gegen Massentourismus entschieden. Die sogenannten Bergsteigerdörfer machen das vor. Pionier war Ramsau bei Berchtesgaden. Seit zwei Jahren gehört Schleching am Geigelstein dazu.

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Bergsteigerdörfer beraten in Ramsau über ihre Zukunft

An diesem Wochenende findet in Ramsau die Tagung der Bergsteigerdörfer statt. Es geht darum, wie die Orte zukünftig mit den Touristenmassen umgehen sollen - und das möglichst im Einklang mit der Natur.

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Ramsau wurde 2015 zum ersten deutschen Bergsteigerdorf - heuer findet dort noch bis zum Sonntag die jährliche Tagung der Bergsteigerdörfer statt.

Der ursprünglich vom Österreichischen Alpenverein geschaffene Begriff "Bergsteigerdorf“ zeichnet Orte in den Alpen aus, die besonders naturnah sind - mit einem gewachsenen Dorfkern, ohne große Hotels oder Seilbahnen und viel geschützter Bergnatur oder einem Nationalpark in der Nähe.

Bergsteigerdörfer aus vier Alpen-Ländern sind vertreten

Schleching, Sachrang und Kreuth sind mittlerweile auch dazugekommen. Bei der Tagung soll eine erste Bilanz gezogen werden - es geht um die Herausforderungen der Zukunft zusammen mit 25 weiteren Bergsteigerdörfern in Österreich, Südtirol und Slowenien.

Für Josef Loferer, den Bürgermeister von Schleching, war die Aufnahme in den Kreis der Bergsteigerdörfer vor zwei Jahren eine konsequente Entwicklung: "Wir sind genau da angekommen, wo wir hingehören: Beim nachhaltigen, sanften Tourismus möchten wir sein und da gehören wir auch dazu. Und es ist für die Leute zukünftig wichtig, zu entschleunigen."

Naturnaher Tourismus soll eigene Akzente setzen

Und die Bewohner sind Herr im eigenen Haus geblieben und haben sich nicht den in vielen Tourismusorten üblichen ökonomischen Zwängen unterworfen. So wie zum Beispiel Bergbäuerin Monika Pfaffinger aus dem Partnerdorf Sachrang: "Vor allem muss ich da nicht mitmachen, mit riesigen Hotelbauten und irgendwas an meinem Dorf rumschrauben, damit ich up-to-date bin. Sondern ich darf darf so bleiben wie ich bin und darf das sanft entwickeln. Man muss nichts altes wegschieben, damit etwas neues, ultra-modernes kommt."

Mit dem naturnahen Tourismus in kleinen und regionalen ökonomischen Strukturen sollen die Bergsteigerdörfer ganz bewusst einen besonderen Akzent in der Entwicklung der Alpen setzen. Sie sind das wohl handgreiflichste Ergebnis der Alpenkonvention, die vor 30 Jahren in Berchtesgaden entstanden ist. Ihr Ziel ist der Schutz der Alpen und ihre nachhaltige Entwicklung.

Gemeinde am Großglockner wurde zum "Sündenfall"

Roland Kals, einer der "Erfinder" der Bergsteigerdörfer in Österreich zweifelt, ob sie heute das Modell schlechthin sein können: "Das wäre das Ziel das wir erreichen wollen, aber wir sehen natürlich, dass alle diese Ortschaften (...) die sich versammelt haben, eingespannt sind in ein großes System. Sie haben vielleicht den Vorteil, dass sie nicht so fixiert sind, wie großtouristische Orte, die sich sehr schwer tun, umzusteuern."

Wie der Aufbau großer Infrastrukturen, die immer mehr Natur und Ressourcen verbrauchen und dabei immer größere wirtschaftliche Zwänge erzeugen. Zum Sündenfall wurde die Gemeinde Kals am Großglockner. Der Gemeinde wurde nach dem landschaftsprägenden Neubau eines großen Hotels der der Titel "Bergsteigerdorf" entzogen. Gerade weil Bergsteigerdörfer etwas abgelegener sind, tun sie sich oft schwer, auch mit der umweltfreundlichen Anreise. "Da sind die Orte vielfach in einer Situation, dass sie ja ohnehin bereits sehr prekär unterwegs sind, finanzschwach, wenig Unterstützung von den politischen Zentralen", erklärt Roland Kals.

Alternative Wege zu ständigem Wachstum sind möglich

So wird auch in Bayern der Ausbau der Schneekanonen mit mehr öffentlichen Geldern gefördert, als entsprechende umweltfreundliche Initiativen der Bergsteigerdörfer. Umgekehrt zeigen solche Orte, dass sie viel Kraft haben, um sich aus sich heraus weiterzuentwickeln.

Im Priental beispielsweise mit Monika Pfaffinger: "Wir haben mehrere Standbeine, wir vermieten auch noch mehrere Ferienwohnungen und wir haben eine kleine Hofbäckerei, Direktvermarktung (...) Da hat sich ein gutes Netzwerk installiert." Dieses Netzwerk wollen sie ausbauen und so Schritt für Schritt den Beweis antreten, dass es im Tourismus und der Regionalentwicklung doch auch anders geht als durch ständiges Wachstum.

"Keine Katastrophe wenn im Winter mal kein Schnee liegt"

"Tut man der Umwelt mit dem Skitourismus nicht längst zu viel an?" fragt Pfaffinger. "Ich bin ja auch Skifahrerin, aber wenn ich dann die weißen Bänder in der Landschaft sehe (...) und diese künstlichen Seen auf dem Berg und alles, was wir sonst an Wunden schlagen, da fühlt man sich nicht mehr gut dabei. Und ich hab schon ganz viele Gäste da gehabt und die machen dann andere Sachen. Es ist keine Katastrophe wenn im Winter mal kein Schnee liegt."

Winterwanderwege, Schneeschuh- und Skitourenrouten spielen hier eine entscheidende Rolle. Tourismuswirtschaftlich lässt sich die Entwicklung dann nicht an den branchenüblichen Rekordzahlen messen. Aber die bayerischen Bergsteigerdörfer verzeichnen einen positiven Trend. Und das Zusammenspiel aus Bergnatur, Tourismus und der einheimischen Kultur ist stimmig. Sie passen deshalb genau in die aktuelle Stimmungslage - wo das einfache "weiter so" auf immer mehr Kritik gerade bei der jungen Generation stößt und die Natur eine immer größere Rolle spielt.

Ramsau lebt konsequenten Naturschutz

In Ramsau wird jedoch auf künstliche Zutaten verzichtet, sagt Herbert Gschoßmann, der Bürgermeister des Ortes mit Blick auf das dortige kleine Skigebiet – ohne Kunstschnee: "Wenn Schnee da ist, dann geht’s (...) und wenn kein Schnee da ist, dann gehts halt nicht. Wir wollens nicht erzwingen und wir werden es nicht erzwingen. Wir wollen konsequent unseren Weg beschreiten und verzichten hier auf künstliche Beschneiung."

Im überdrehten Wintertourismus heute ist das schon fast eine exotische Denkweise, die den Schutz der Natur und der Ressourcen konsequent umsetzt - und wo nicht eine ganze Wintersportindustrie vom Klimawandel abhängt. Um ihre Zukunft brauchen sich die Bergsteigerdörfer nicht zu sorgen, aber den Alpentourismus insgesamt werden sie alleine auch nicht ändern können.