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Bereits 45.000 Ukrainer da: Bayern ringt mit der Unterbringung

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Bereits 45.000 Ukrainer da: Bayern ringt mit der Unterbringung

Es werden Hallen und Hotels hergerichtet, Schulen umfunktioniert und Schlafplätze aufgebaut: Für Bayerns Städte wird die Versorgung der immer größeren Zahl an Flüchtlingen aus der Ukraine zur Kraftanstrengung. Auch die Schulen sind unter Druck.

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BR24  RedaktionBR24 RedaktionPeter SolfrankPeter SolfrankDavid HertingDavid Herting
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In Bayerns Städten wird derzeit kräftig angepackt, um der immer größer werdenden Zahl an ukrainischen Kriegsflüchtlingen fürs Erste ein Dach über dem Kopf zu bieten. Doch Unterkünfte sind knapp. Für die Städte im Freistaat wird die Versorgung der Menschen zunehmend zur Herausforderung.

45.000 Flüchtlinge im Freistaat, bundesweit gut dreimal so viel

Seit Anfang März haben bereits rund 45.000 ukrainische Kriegsflüchtlinge in Bayern Schutz gesucht. Das teilte das Innenministerium in München am Montag mit. Erfasst seien darin alle Registrierungen bis zum Sonntag. Deutschlandweit wurden bisher knapp 150.000 ukrainische Flüchtlinge registriert. Weil eine Registrierung nicht verpflichtend ist, dürfte die tatsächliche Zahl höher sein. Ukrainer mit biometrischem Reisepass dürfen sich ohne Visum 90 Tage lang frei in der EU bewegen.

Städte müssen bei der Unterbringung sehr viel improvisieren

"Die Städte packen an und versuchen ihr Möglichstes, um die Leute in Not unterzubringen", sagte der Sprecher des Bayerischen Städtetages, Achim Sing, am Montag. Vor allem in den großen Städten wie München und Nürnberg, wo besonders viele Geflohene ankämen, müssten nun Hallen oder Hotels aufgetan werden, um die Menschen unterzubringen. "Ansonsten wird sehr viel improvisiert."

Die Situation sei angespannt, auch in kleineren Städten wie Hof in Oberfranken, betonte Sing. Viele Flüchtende kommen nach seinen Worten auf privatem Weg nach Bayern, etwa weil sie hier Verwandte hätten. Diese Menschen kämen bei Landsleuten oder Freunden unter, ohne dass die städtischen Behörden davon wüssten. "Vieles geht privat, wo man keinen Überblick hat", sagte Sing.

München stampft 2.000 Betten aus dem Boden

München hat nun kurzfristig 2.000 weitere Schlafplätze für die Flüchtlinge aus der Ukraine in der Münchner Messe geschaffen, die laut Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) schon bis morgen oder übermorgen einsatzbereit sind. Das kündigte Reiter im Interview mit BR24 TV an. "Da geht’s tatsächlich nur darum, die Menschen einmal oder zweimal übernachten zu lassen. Da steht Bett an Bett, da geht’s nur um Übernachtung und Verpflegung", so Reiter. Da könne niemand dauerhaft untergebracht werden.

Die Frage, wie die Menschen dauerhaft untergebracht werden könnten, bereite ihm großes Kopfzerbrechen, erklärte der Münchner Oberbürgermeister. Auch bei der kurzfristigen Unterbringung stehe die Stadt vor einer schwierigen Situation: Man wisse nicht, wie viele Menschen an einem Tag in der Stadt einträfen. Anders als 2015 kämen die Menschen nicht alle mit dem Zug, sondern viele in Bussen und Privat-Pkw. "Das heißt", sagte der Oberbürgermeister, "die Planung, wie viele Betten brauchen wir für die Nacht, ist im Voraus ziemlich schwierig."

In der letzten Woche mussten ukrainische Kinder sogar eine Nacht auf dem Boden im Münchner Hauptbahnhof verbringen. Das sei ein einmaliges Ereignis gewesen, so Reiter im Interview mit Moderatorin Ursula Heller.

Reiter: Verteilung der Flüchtlinge funktioniert noch nicht

Reiter beklagte, dass die Verteilung der Flüchtlinge innerhalb der Bundesrepublik noch nicht richtig funktioniere. "Ganz viele Menschen bleiben entweder in Berlin oder kommen dann in den Süden, nach München", so Reiter. Im Bund müssten die Flüchtlinge gemäß dem sogenannten Königsteiner Schlüssel verteilt werden. Aber auch in Bayern gebe es durchaus noch Möglichkeiten. So habe er Post von Landräten bekommen, die sagten, sie hätten eine Unterkunft mit 800 Betten seit zwei Tagen fix und fertig, aber seit zwei Tagen keinen einzigen Geflüchteten.

Bei einer gemeinsamen Besichtigung der Ankunftsstationen ukrainischer Flüchtlinge im Münchner Bahnhof am Nachmittag forderten dann auch sowohl Reiter als auch der bayerische Innenminister Joachim Herrmann eine bessere Verteilung der Flüchtlinge in der gesamten Bundesrepublik. Man bekomme die Flüchtlingsversorgung zwar gut hin, so Dieter Reiter, dennoch könnten auch andere Städte und Bundesländer mehr in die Pflicht genommen werden, um Menschen längerfristig unterzubringen. Herrmann und Reiter berichteten davon, dass sie am Wochenende mit Bundesinnenminister Nancy Faeser gesprochen und eine mündliche Zusage bekommen hätten.

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter

Bildrechte: BR

Memmingen: Ab sofort Platz für 300 Menschen

Unterdessen ist bei den Städten weiterhin Kreativität gefragt. Auch in Memmingen steht ab sofort eine Notunterkunft für 300 Geflüchtete aus der Ukraine zur Verfügung. Dazu hat das Bayerische Rote Kreuz zusammen mit der Stadt Memmingen zwei große Sporthallen der Berufsschule umfunktioniert. Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) besuchte die Unterkunft am Montagmorgen gemeinsam mit Angelika Schorer, Präsidentin des Bayerischen Roten Kreuzes, und Oberbürgermeister Manfred Schilder.

Hilfskonvoi mit Geflüchteten soll am Abend München erreichen

Unterdessen wird am späten Abend die Ankunft eines Hilfskonvois erwartet - er bringt etwa 50 Flüchtlinge aus der Ukraine in die bayerische Landeshauptstadt. Die Menschen hatten an der slowakischen Grenze auf diesen Transport gewartet. Der Hilfskonvoi ist erst vor wenigen Tagen entstanden, hat aber bereits jetzt Spenden von über 40.000 Euro sammeln können. Initiiert haben den Konvoi die drei Münchner Martin Brunnbauer, Mike Stranzky, Moritz Cleff und der Deutsch-Russe Dimitri Barkov, der auch mit den offiziellen Behörden verhandelt und die Papiere der Kinder und Jugendlichen organisiert hat.

Auf dem Weg an die ukrainische Grenze: Drei Organisatoren und zwei Sponsoren des Münchner Hilfskonvois.

Bildrechte: BR/Katharina Pfadenhauer

Lehrkräfte besorgt: "Müssen Schulstart vorausschauend planen"

Wegen der hohen Zahl an Flüchtlingen forderten die bayerischen Lehrerverbände aller Schularten eine Berücksichtigung bei künftigen Klassenbildungen. "Mit Blick auf den September ist für die gesamte Schulfamilie eine vorausschauende Planung notwendig, die eine großzügige Klassenbildung für den Schulstart 2022/23 beinhalten muss", teilten die Vorsitzenden der in der abl vertretenen Verbände in München mit. Der abl gehören der Bayerische Philologenverband (bpv), der Bayerische Realschullehrerverband (BRLV), die Katholische Erziehergemeinschaft in Bayern (KEG) und der Verband der Lehrer an beruflichen Schulen in Bayern (VLB) an.

Die aktuellen politischen Geschehnisse brächten eine neue Situation an die Schulen, die nach Auffassung der Lehrerverbände "gemeinsam mit allen Beteiligten schrittweise, individuell und in pädagogischer Verantwortung bewältigt werden muss", hieß es weiter.

Für das kommende Schuljahr sei es das Ziel, in pädagogischer Verantwortung in kleinen Schritten die angekommenen Kinder in die neue Heimat zu integrieren, auch wenn nicht sicher sei, ob der Aufenthalt zeitlich begrenzt ist oder dauerhaft sein werde. Zudem sollte die Bereitschaft ukrainischer Lehrkräfte genutzt werden, um diese im Rahmen von multiprofessionellen Teams als Ansprechpartner und Betreuer für ukrainische Kinder unterstützend in den Unterricht einzubeziehen.

Europäische Perspektiven zum Russland-Ukraine-Konflikt

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