Beichtstuhl in einer Kirche.
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Beichten im Kindesalter halten viele Psychologen, Wissenschaftler und Eltern nicht mehr für zeitgemäß.

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Beichte vor der Erstkommunion: Sinnvoll oder überholt?

Bevor Kinder in der 3. Klasse die Erstkommunion erhalten, gehen sie traditionell erstmals beichten. Doch Psychologen, Wissenschaftler und Eltern kritisieren zunehmend das Beichten im Kindesalter. Die katholische Kirche aber hält daran fest.

Über dieses Thema berichtet: radioWelt am .

Lilly lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen am Ammersee. Der Ältere feierte vergangenes Jahr Erstkommunion. Kinder aus katholischen Familien, die in der dritten Klasse sind, erleben traditionell in den Wochen nach Ostern ein großes Fest: Sie dürfen zum ersten Mal am Abendmahl, der Eucharistiefeier teilnehmen. Die Kinder stimmen sich in Vorbereitungsgruppen auf die Erstkommunion ein. Und sie müssen vor dem großen Tag zum ersten Mal zur Beichte gehen.

Viele Kinder sind zu diesem Zeitpunkt zwischen acht und neun Jahre alt. Dagegen regt sich bei Eltern und Wissenschaftlern zunehmend Widerstand. Auch Lilly glaubt, dass die Beichte bei Kindern vor allem Ängste schürt: "Die Kinder wissen gar nicht genau, was das Sakrament bedeutet. Und wirkliche Sünden haben Kinder ja auch nicht", sagt Lilly.

Katholische Kirche hält Erstbeichte "gut vorbereitet" für sinnvoll

Der Passauer Domdekan Hans Bauernfeind ist da anderer Meinung. Wenn die Erstbeichte oder Kinderbeichte gut vorbereitet werde, halte er sie für sehr sinnvoll. "Es ist meine Erfahrung, dass Kinder ein ungeheuer gutes Gespür haben, wie sie mit sich selbst leben, zu sich selbst stehen, wie sie mit anderen Menschen umgehen, wo es ihnen nachgeht, wenn Streit da war. Wo sie das Gefühl haben, da hab ich begonnen mit dem Streit", sagt Hans Bauernfeind. Kinder, so der Passauer Domdekan, hätten zudem ein gutes Gefühl, wie Gott da sei in ihrem Leben, ob sie ihn sehen und spüren könnten.

Kritischer sieht das der Mannheimer Psychiater und Neurologe Harald Dreßing. Er hält die Beichte von acht- oder neunjährigen Kindern schon aus entwicklungspsychologischer Sicht für obsolet. "Wir wissen, dass die Hirnreifung im Alter von acht bis neun Jahren noch überhaupt nicht abgeschlossen ist, also insbesondere die Hirnregionen, das Frontalhirn, in dem solche Konzepte wie Moral entstehen, Schuldkonzepte, moralische Handlungssteuerung. Die sind in dem Alter noch überhaupt nicht ausgereift, sondern erst ab dem 14., 15. Lebensjahr", sagt Harald Dreßing.

Kritik: Missbrauch fand auch im Kontext der Beichte statt

Der Psychiater und Neurologe hat eine umfangreiche Studie geleitet, die vor wenigen Jahren sexualisierte Gewalt von römisch-katholischen Priestern und Diakonen in Deutschland erforscht hat. "Da zeigte sich, dass der sexuelle Missbrauch auch im Kontext der Beichte stattfand. Da wurden Opfer ausgespäht, Kontakte bahnten sich an und Missbrauch fand auch im Beichtstuhl statt", sagt Dreßing.

In den deutschen Bistümern gibt es inzwischen Konzepte, um Mitarbeiter, die in der Seelsorge tätig sind, für das Thema Missbrauch zu sensibilisieren – vor allem, um die Kinder zu schützen. Mittlerweile seien Kinder bei der Erstkommunionsbeichte mit dem Priester ohnehin nicht alleine in der Kirche, entgegnet Bauernfeind. "Das ist immer eine Gruppe von Kindern, die vor dem Beichtstuhl oder dem Beichtraum wartet. Auch die Eltern sind da und Männer und Frauen aus dem Bereich der Seelsorge", sagt Bauernfeind.

"Kinder können nicht verstehen, was da passiert"

Wissenschaftler Harald Dreßing hält von solchen Präventionskonzepten wenig, sie böten für Kinder keinen Schutz während des Beichtens. "Es gibt Sichtkontakt, aber keinen Hörkontakt. Warum lässt man es nicht ganz, denn Kinder können es ohnedies von ihrer Entwicklung her noch gar nicht verstehen, was da passiert", meint Dreßing.

Lilly und ihre Familie am Ammersee sind gläubige Christen. Sie wünschen sich, dass Beichten kein Zwang ist. "Ich glaube, Beichten sollte was Freiwilliges sein: ein Angebot, eine Chance, eine demokratische Wahl. Da zwingt mich keiner, das ist nur ein Angebot. Ich kann das machen, aber ich muss nicht", sagt Lilly.

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