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Behandlungsfehler: Wenn es keine Hilfe für Betroffene gibt | BR24

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Auch Ärzte machen Fehler. Doch das zu beweisen ist für Patienten schwer. Zehntausende Beschwerden über Behandlungsfehler gibt es jedes Jahr, nur ein Bruchteil wird anerkannt. Eine Petition will das ändern. Von Katharina Häringer

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Behandlungsfehler: Wenn es keine Hilfe für Betroffene gibt

Wer in Deutschland Opfer eines Behandlungsfehlers wird, hat es schwer. Die Beweislast liegt beim Patienten. Eine Petition will das ändern. Doch Experten sind skeptisch, ob es den Patienten wirklich hilft. Denn die brauchen oft etwas ganz anderes.

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Stellen Sie sich vor, Sie werden operiert und dabei geht etwas schief. Aus einem kleinen Eingriff wird ein großer, voller Komplikationen. Statt zwei Wochen sind Sie anderthalb Jahre krank. Ihr Leben ist nicht mehr dasselbe. Genau das ist Heidi Zillner aus Waldkirchen im Landkreis Freyung-Grafenau passiert.

Seit einer Operation vor zwei Jahren ist die Anfang 50-jährige Frau nicht mehr dieselbe. Eigentlich sollen ihr nur zwei gutartige Tumoren an einem Eierstock entfernt werden. Doch wenige Tage nach der OP wird sie wieder eingeliefert: mit 1,7 Liter Darmsekret im Bauch. Nach mehreren Operationen hat Heidi Zillner einen künstlichen Darmausgang, ein Stoma.

"Da hatte ich anfangs wahnsinnig Probleme damit. Er war ein Fremdkörper. Allein schon das: Es gibt Töne von sich, Gerüche. Man fühlt sich als Krüppel, als Außenseiter." Heidi Zillner, Patientin

Arztfehler: Versteckt in einem Fremdwort

Erst viel später erfährt die Patientin, dass sie Opfer eines Behandlungsfehlers geworden ist. In einem Arztbrief stolpert sich über das Fremdwort "iatrogen". Sie habe erstmal googeln müssen, was das bedeutet.

"Iatrogen" bedeutet "durch ärztliche Maßnahmen bzw. durch den Arzt verursacht". Erst da realisiert sie, dass es für ihre lange Krankengeschichte einen Grund gibt: Bei der ursprünglich gynäkologischen OP muss ihr Darm verletzt worden sein. Das hat ihr so bislang niemand gesagt. Und es rückt ihre Krankengeschichte in ein ganz neues Licht.

Anzeige gegen den Arzt nicht sinnvoll

Heidi Zillner vermutet, Opfer eines Behandlungsfehlers zu sein und will das beweisen. Doch wie? Ihr Frauenarzt aus dem nördlichen Kreis Passau blockt Gespräche ab, erzählt sie. Rein rechtlich ist ein Arzt auch nicht verpflichtet, einen Fehler einzugestehen. Heidi Zillner weiß nicht, an wen sie sich wenden soll. Also geht sie zur Polizei in Waldkirchen und erstattet Anzeige wegen Körperverletzung.

"Ich habe mir gedacht: Ich muss mich jetzt wehren, ich muss jetzt was tun, weil sonst geht das bisschen Selbstwertgefühl, das ich noch gehabt habe, auch noch kaputt." Heidi Zillner, Patientin

Die Polizei in Passau ermittelt. Doch zur Polizei zu gehen, sei genau der falsche Weg, sagt Medizinrechtsanwalt Wolfgang Putz aus München. Weit über 90 Prozent dieser Verfahren werden eingestellt. Dazu kommt: Während der Dauer des Verfahrens ist jegliche Abwicklung mit der Haftpflichtversicherung des Arztes blockiert.

"Der Patient bekommt über Jahre nichts wegen seiner eigenen Anzeige." Rechtsanwalt Wolfgang Putz aus München
© BR/Katharina Häringer

Sie sieht sich als Opfer eines Behandlungsfehlers und kämpft sich auf Reha zurück: Heidi Zillner auf dem Ergometer.

Patienten sollen sich an die Landesärztekammer wenden

Durch eine Anzeige seien zudem alle Möglichkeiten zur Schlichtung vom Tisch. Rechtsanwalt Putz rät allen, die einen Behandlungsfehler vermuten, sich an die bayerische Landesärztekammer zu wenden.

Man kann sich auch erstmal seine Möglichkeiten aufzeigen lassen und zur Unabhängigen Patientenberatung gehen. Knapp 6.000 Menschen haben sich hier im Jahr 2017 zum Thema "Verdacht auf Behandlungsfehler" beraten lassen.

Nach Arztfehler: Niemand nennt eine Anlaufstelle

Dass es diese unabhängige Beratung von Ärzten und Juristen gibt, ist Heidi Zillner nicht bewusst. Deren nächste Niederlassung ist in Landshut, 140 Kilometer von ihrem Wohnort Waldkirchen entfernt. Es gibt zwar eine Telefon-Beratung, aber auf die macht sie niemand aufmerksam.

Auch, dass das Krankenhaus Wegscheid, wo die Operation durch einen Belegarzt stattgefunden hat, einen unabhängigen Patientenfürsprecher hat, erfährt die Patientin nicht. In der mittlerweile anderthalbjährigen Krankengeschichte nennt ihr niemand Ansprechpartner: weder Ärzte, Pfleger, noch ihre Krankenkasse, erzählt sie.

"Man wird voll im Stich gelassen. Man ist sich und dem Schicksal alleine überlassen." Heidi Zillner, Patientin

In Deutschland gibt es jedes Jahr Zehntausende Beschwerden von Patienten über Behandlungsfehler. Die Zahl ist eine Schätzung der Bundesärztekammer. Nur ein Bruchteil davon hat Erfolg. In diesen Fällen zahlt in der Regel die Versicherung des Arztes Schmerzensgeld an den Patienten. Patientenschutzorganisationen fordern, die Beweispflicht umzukehren.

© BR/Katharina Häringer

Wolfgang Putz, Anwalt für Medizinrecht. Er rät allen, die einen Behandlungsfehler vermuten, sich an die bayerische Landesärztekammer zu wenden.

Petition: Ärzte sollen ihre Unschuld beweisen müssen

Heidi Zillner setzt ihre Hoffnung auf eine Petition, die im Herbst 2018 in den Bundestag eingebracht wurde und genau das fordert, was Heidi Zillner braucht: die Beweislastumkehr. Die Petition wurde von allen Fraktionen einstimmig angenommen und an die Bundesregierung übergeben. Nun soll sie in die Gesetzgebung einfließen.

Federführend dafür ist das Bundesjustizministerium mit Ministerin Katarina Barley. Auf Anfrage des BR teilt das Ministerium mit, man werde dem Bundestag über die weitere Sachbehandlung berichten. Wann, ist ungewiss.

Zweifel am Erfolg der Beweislastumkehr

Anwalt Wolfgang Putz sieht die Beweislastumkehr kritisch: Das würde das System für alle teurer machen, aber den Patienten nicht wesentlich helfen, glaubt er. Putz betont, dass die meisten negativen Behandlungsverläufe ohne Verschulden des Arztes passieren. Das sei der Unterschied zu allen anderen Lebensbereichen. Ein Verkehrsunfall lässt sich physikalisch rekonstruieren. Aber der menschliche Körper funktioniert auch bei richtiger Behandlung nicht immer so, wie es sich Patient und Arzt wünschen.

Ob die Beweislastumkehr Heidi Zillner genutzt hätte, bleibt offen. Was die Patientin vor allem gebraucht hätte, wäre Information gewesen. Doch Ärzte, Krankenhaus und Kasse haben sich offenbar nicht in der Pflicht gesehen.

Auch wenn die Frage nach Entschädigung noch nicht geklärt ist. Heidi Zillner kann einen Teilerfolg feiern: Seit April, nach anderthalb Jahren Krankenstand, arbeitet sie wieder. Sie betreut geistig und körperlich Behinderte in einer Wohngruppe in Passau. 20 Stunden in der Woche. Früher waren es 40. Aber früher war alles anders.