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Beginn des Zweiten Weltkriegs: Die letzten Tage in Frieden | BR24

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Beginn des Zweiten Weltkriegs: Die letzten Tage in Frieden

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Beginn des Zweiten Weltkriegs: Die letzten Tage in Frieden

Am 1. September jährt sich der Beginn des Zweiten Weltkriegs zum 80 Mal. Wie waren die letzten Tage im Frieden? Was war damals in Bayern überhaupt los? Und wie sah der Alltag der Menschen aus? Augenzeugen von damals berichten.

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Strahlender Sonnenschein – witterungsmäßig war es ein schöner Sommer 1939. Ludwig Albrecht damals in Pfarrkirchen, erinnert sich: "Als Bauernjunge waren die großer Ferien nicht eine Zeit der Erholung oder gar des Verreisens gewesen, sondern große Ferien für einen Bauernjungen hat geheißen, Teilnahme an drei verschiedene Erntearbeiten."

Von Krieg war keine Rede. Wie weit die Kriegsvorbereitungen schon waren, das ahnte eigentlich keiner. Engelbert Keinzinger war zu der Zeit in Ingolstadt stationiert. Auch bei den Soldaten wusste man noch nichts: "Über Krieg ist nicht geredet worden. Keine Stimmung, dass man überhaupt in den Krieg kommen könnte.“

Nichtangriffspakt mit Russland

Am 23. August wird der Nichtangriffspakt mit Russland verkündet. Ein Coup für Hitler. Zusammen mit Stalin teilen sie sich Osteuropa untereinander auf. Die Reaktionen in der Bevölkerung sind gespalten. Die Kommunisten wurden doch vorher lange Zeit als Feinde beschrieben. Die Nationalsozialisten bieten aber gewaltige Propaganda-Anstrengungen auf, um für den Pakt zu werben. Die Presse war schließlich gleichgeschaltet. Josef Jägerhuber aus Starnberg erinnert sich an diese Tage: "Die riesen Schlagzeile: Nichtangriffspakt mit Russland war in der Zeitung. Ganze Breite vierspaltig. Da waren alle überrascht.“

In den letzten Augusttagen spürte die Bevölkerung schon, dass etwas kommt. In den Geschäften war nicht mehr alles zu haben. Die Rationierung der Lebensmittel begann, Lebensmittelkarten wurden eingeführt. Charlotte Kainzinger erzählt: "Nach der Kirche bin ich in den Kramerladen rein. Haben die eingekauft. Die Nazis haben schon gewusst, dass es heute Mittag um 12 heißt, wir kriegen Marken. Das haben die schon gewusst.“

Wehrpflichtige Männer werden eingezogen

Auch die wehrpflichtigen Männer werden nach und nach eingezogen und mussten Abmarschbereit sein. Engelbert Kainzinger wird am 31.8. an die Grenze zu Polen verlegt: "Es ist bekanntgegeben worden. Sofort alles feldmarschmäßig mit dem ganzen Gepäck antreten. Wir sind in dem Kasernenhof angetreten, Waffen und Munition empfangen. Und dann fertig machen zum Abmarsch."

Es sind die letzten Tage im Frieden. Die letzten Tage vor dem Angriff auf Polen. Marianne Derendorf aus Füssen erinnert sich an den Abmarsch der Soldaten. Sie war damals 16 Jahre alt: "Man hat halt sich verabschiedet, gewunken gell, ja ja. Und wir haben ja sehr viele gekannt, die immer gekommen sind. Da war der ganze Bahnhof voll. Wenn man so zurückbleibt und denkt, die Burschen gehen in den Krieg, ob wir die jemals wiedersehen. Ja das war schon eine komische Stimmung."

Keine Kriegsstimmung in der Bevölkerung

Ludwig Albrecht aus der Nähe von Eggenfelden war damals noch ein junger Bub. In seiner Erinnerung war Kriegsbegeisterung in der Bevölkerung nicht zu spüren: "Der Krieg , den man ja schon von dem Ersten Weltkrieg kannte, der war erst 25 Jahre her. Man wusste über den Krieg Bescheid. Aber als was hatte man den Krieg überhaupt gehalten? Meiner Meinung nach als Bub hat man den Krieg als etwas sich Entwickelndes als etwas nicht Abwendbares, als wie ein schweres Missgeschick empfunden, das man passiv aufgenommen hat. Deswegen hat es auch keine Kriegsbegeisterung gegeben aber auch keinen lauten Protest."

Friedensrhetorik Hitlers täuscht

Die Historikerin Lou Seegers von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg beschäftigt sich mit der Erinnerungskultur während der Nazidiktatur. Auch die Forschung konnte keine richtige Kriegsbegeisterung erkennen: "Sicherlich war das Gedenken an den Ersten Weltkrieg und die Niederlage, die ja nie verarbeitet worden ist, ganz relevant dafür, dass eben eine allgemeine Akzeptanz des Kriegs da war. Krieg wurde als selbstverständliches Mittel der Politik durchaus angesehen. Nun war es aber so, dass Hitler sich durch eine Friedensrhetorik ausgezeichnet hat, die eben in der Bevölkerung auch gut ankam, weil natürlich die Älteren die Erfahrung des Ersten Weltkriegs gemacht haben und so was auch nicht unbedingt wieder erleben wollten."

Der Krieg traf die Deutschen also nicht mit großer Überraschung. Aber kaum einer jubelte wie noch 1914. Marie Siegel war damals 13 Jahre alt, als der Krieg anfängt: "Ich weiß, die Jugend hat gesagt: der dauert diesmal net lang, der ist in ein paar Monaten aus. Meine Mutter hat halt immer gesagt: Das haben sie uns auch gesagt im Weltkrieg und das ist jetzt genau wieder so. Die werden uns unsere Buam wieder erschießen. Da haben die Frauen schon Angst gekriegt."

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Morgen, am ersten September, vor 80 Jahren hat der Zweite Weltkrieg begonnen. Hitler hatte den Angriff Polens befohlen. Kurz vor der Gedenkveranstaltung in Warschau hat Polens Präsident Duda jetzt erneut Reparationen von Deutschland gefordert.