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Sie sind die Gesichter des friedlichen Islam in Nürnberg. Die Gründer der Begegnungsstube Medina engagieren sich seit 25 Jahren ehrenamtlich für den christlich-islamischen Dialog. Sie sind wichtige Ansprechpartner in Sachen Islam.

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Begegnung bei Medina: Nürnberger Gesichter des friedlichen Islam

Ehrenamtliche erklären in der Nürnberger Südstadt seit 25 Jahren den Islam. Etwa 10.000 Leute lassen sich jedes Jahr durch die Show-Moschee in der Begegnungsstube Medina führen. Die Einrichtung ist ein wichtiger Ansprechpartner geworden.

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Von
  • Ulrike Lefherz

Seit 25 Jahren ist die Begegnungsstube Medina in der Nürnberger Südstadt eine wichtige Anlaufstelle für Fragen rund um den Islam. Lehrer, Polizisten und Krankenschwestern lassen sich durch die zu Demonstrationszwecken eingerichtete Moschee führen. Jedes Jahr besuchen nach Angaben der Medina rund 10.000 Menschen die Einrichtung. Das 25-jährige Bestehen wird wegen der Corona-Pandemie allerdings nicht gefeiert.

Gegründet nach ausländerfeindlichen Anschlägen

Die ausländerfeindlichen Anschläge von Solingen und Rostock Anfang der 1990er-Jahre gaben den Ausschlag für die Gründung der Begegnungsstube. Zu dem Zeitpunkt lebten Gastarbeiter bereits mehrere Jahrzehnte in Deutschland. Es sei Zeit, sich kennen zu lernen und Vorurteile abzubauen, befanden damals Cemalettin Özdemir, Talip Iyi und Ali-Nihat Koc. Und stellten sich selbst dafür zur Verfügung. Alle drei sind berufstätige Familienväter mit Wurzeln in der Türkei. "Wir sind der muslimische Teil der deutschen Gesellschaft", so Koc.

Vertreter eines friedlichen Islam

An unzähligen Dialog-Veranstaltungen saßen die Mitarbeiter der Medina mit Pfarrern und Rabbinern auf den Podien der Bildungszentren. Doch anders als die Geistlichen arbeiten die Medina-Vertreter ehrenamtlich. Ihr theologisches Wissen über den Islam haben sie sich über die Jahre angeeignet. Weil hauptberufliche Imame meistens kein Deutsch sprechen und nach wenigen Jahren zurück in die Türkei gehen, hat sich die Medina als fester Ansprechpartner der muslimischen Gemeinde etabliert. "Wir sind die Professoren der Erfahrung", sagt Koc. "Aber leider ohne Titel."

Experten ohne Titel

Die Mitarbeitenden der Medina haben am Schulbuch für islamischen Religionsunterricht mitgewirkt. Sie werden zur Notfallseelsorge gerufen und betreuen Häftlinge in Einzelhaft. "Es gehört zu den Grundrechten, gemäß der Religion betreut zu werden", sagt Koc. Das müsste der Staat eigentlich ermöglichen. Doch wo die offiziellen Ansprechpartner auf muslimischer Seite fehlen, springen immer wieder die Ehrenamtlichen der Medina ein. In sechs Gefängnissen in Nordbayern führen sie regelmäßig Gespräche mit jungen Männern, die in den Islamismus abzurutschen drohen.

Prävention gegen Salafismus

Die Vorbeugung von Extremismus ist einer der Verdienste der Begegnungsstube. Jugendliche suchen nach verlässlichen Informationen über den Islam, die sie zu Hause meistens nicht bekommen. Islamischen Religionsunterricht an Schulen gibt es bisher nur vereinzelt. Im Netz allerdings sind oft zweifelhafte Lehren von selbsternannten Predigern zu finden. Vor der Pandemie war die Medina jeden Abend ab 20.00 Uhr geöffnet. Der in Nürnberg aufgewachsene Yasar Gül lernte hier den dialogfähigen Islam kennen, sagt er. Hier habe er Vorbilder gefunden, die mit beiden Beinen im Leben stehen und ihren Glauben nach außen vertreten. "Hierzu muss man auch Wörter auf Deutsch finden", so Gül. Er studierte Islamische Studien und Realschullehramt in Erlangen und arbeitet inzwischen als Religionslehrer.

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Besuchern wird in der Show-Moschee in der Nürnberger Südstadt der Islam erklärt.

Dialog auch mit Juden

Die Begegnungs-Aktivisten der Medina initiierten neben muslimisch-christlichem Dialog auch muslimisch-jüdische Begegnung. Sie veranstalteten Konzerte, Lesungen, sogar eine gemeinsame Reise nach Israel. Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König (CSU) würdigte die Gründer der Medina als Initiatoren des interreligiösen Dialogs der ersten Stunde und zuverlässigen Partner. Es sei deutschlandweit einzigartig, dass der Dialog auch zusammen mit den jüdischen Freunden geführt werden könne, so König.

Politiker vergiften das Klima

Der Initiator der Begegnungsstube Cemalettin Özdemir schlug zum Jubiläum auch kritische Töne an. Immer mehr Politiker verschiedener Parteien würden mit islamfeindlichen Äußerungen Stimmen sammeln. "Ich habe bitter erlebt, dass Politiker in fünf Minuten die mühsame Begegnungsarbeit von vielen Jahren zunichtemachen können“, sagte Özdemir dem Bayerischen Rundfunk. Zu den Dialogpartnern der christlichen Kirchen und der jüdischen Gemeinde seien allerdings feste Beziehungen entstanden, so Özdemir.

Immer noch ehrenamtlich

Die Begegnungsstube wird ehrenamtlich geführt und durch Spenden von Vereinsmitgliedern finanziert. "Wir wollen unabhängig sein vom türkischen Staat oder anderen, die uns dann ihre Richtung aufzwingen wollen", sagt Ali Koc. Um Fördermittel einzutreiben, fehlen allerdings Kapazitäten. Andere Bildungseinrichtungen verfügen über eigenes Personal zur Fördermittel-Aquise. Nürnbergs Oberbürgermeister ist das Problem bewusst. "Wir werden prüfen, ob wir – auch in der angespannten Haushaltslage – Möglichkeiten finden, die Medina finanziell zu unterstützen", sagte König dem Bayerischen Rundfunk.

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