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Bayerwald: Auf der Suche nach verlorenen Apfelsorten | BR24

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Äpfel am Boden unterhalb eines Baumes (Symbolbild)

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    Bayerwald: Auf der Suche nach verlorenen Apfelsorten

    Drei Viertel der früher 2.300 Apfelsorten in Bayern sind verschollen. Für den Apfelexperten Wolfgang Subal sind das Schätze, die er wiederfinden möchte. Derzeit ist er im Landkreis Straubing-Bogen auf Apfel-Raritäten-Suche.

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    Der Apfel-Experte Wolfgang Subal hat eine Mission. Er sucht alte, längst verschollene Apfelsorten im Landkreis Straubing-Bogen. Eine, die sich in dieser Gegend auskennt, ist Monika Edenhofer: "Ich bin da hergefahren, weil ich einen leisen Verdacht habe, dass wir da was finden. Dass da alte Obstbäume sind. Das habe ich gesehen, wenn ich da öfter spazieren gehe oder mit dem Radl fahre."

    Wie ein Archäologe auf der Suche nach alten Schätzen

    Die Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins Schwarzach ist Türöffnerin für den Apfel-Spezialisten Wolfgang Subal aus Franken:

    "Es gibt hier wirklich interessante alte Bäume noch, alte Schätze, die man heben muss. Und das ist schon interessant, was kommt auf einen zu, was findet man. Ist es was Normales, ist es was Unbekanntes und es ist wie ein Archäologe, der was ausgräbt." Wolfgang Subal

    Massenträger "Renette"

    Bei Familie Baier in Schwarzach steht der erste interessante Baum ganz nah beim Hof. Er trägt jedes Jahr zentnerweise Früchte. Subal macht den Geschmackstest: "Das ist nix Normales, was Sie da haben. Das ist keine Standardsorte. Irgendein Rosenapfel. Interessant. Eine 'Renette' auf jeden Fall. Habe ich hier im Landkreis noch nie gesehen. Machen wir einen Test, ob der Apfel Qualität hat. Schmeckt sehr gut. Ein Massenträger, aber schmeckt trotzdem sehr gut."

    Gleich der erste Baum ein Volltreffer. Wolfgang Subal hat die Sorte nicht erkannt - also muss es eine Rarität sein. 2.300 Apfelsorten gab es früher in Bayern. Drei Viertel davon sind verschollen. Das heißt, niemand weiß, ob irgendwo noch ein Baum davon steht oder ob die Sorte wirklich ausgestorben ist. Und was ist mit dem ersten Apfel? "Das müsse er erstmal überschlafen, so Subal. "Vielleicht habe ich morgen nach dem Aufstehen eine Idee. Es ist manchmal so, dass man im ersten Augenblick hat man keine Idee, aber am nächsten Tag schaut man drauf und denkt: Das ist ja das. Aber bei dem - überhaupt keine Idee."

    Recherche in alten Katalogen

    Der Baum stand schon am Hof, bevor Mechthild Baier hierherkam. Über den Schatz, den sie da hat, ist sie überrascht: "Ich werde in alten Katalogen recherchieren von örtlichen Baumschulen. Ob ich die Sorte irgendwie finden kann."

    Die Streuobstwiesen sind vor allem in den 1970er Jahren aus vielen bayerischen Landschaften verschwunden. Damals zahlte der Staat 3.000 Mark Prämie pro Hektar für das Roden der Bäume. In der europäischen Gemeinschaft gab es zu viel Obst und das war schlecht für den Preis. Und so ist mit den alten Sorten auch deren Genpotential weitgehend verschwunden.

    Jede Sorte hat typische Eigenschaften

    500 von den 2.300 früheren Sorten kennt Wolfgang Subal. Immer wieder bestimmt er Äpfel, die ihm die Leute mitbringen, wie beim Bauernmarkt in Rattenberg: "Dieser Apfel hat eine typische Eigenschaft: Er lässt sich leicht drücken. Die Schale ist nicht sehr fest und dann hat er einen typischen Kelch oben: Im Kelch sieht man diese Falten. Aufschneiden, da sieht man toll die großen Kerne und das leicht gelbliche Fruchtfleisch, das ist ein Croncel oder Transparent."

    Kiste mit Raritäten

    Trotz des strömenden Regens ist Wolfgang Subal vier Stunden lang ständig umlagert. Erst ganz zum Schluss hat er Zeit für den Marktorganisator Helmut Ettl, der eine kleine Kiste mit verschiedenen Äpfeln bringt. Einer sei besonders interessant, so Ettl: "Da sagen wir Stadelapfel, weil er neben dem Stadel ist. Das ist ein ganz großer Apfel. Das Stadel wurde 56 gebaut. Das ist auch einer von den 75 Prozent, die man nicht mehr kennt heute."

    Kernesammlung zur Apfelbestimmung

    Den "Stadelapfel" nimmt sich Wolfgang Subal gleich mal vor. Weil es keinen Sinn hat, an diesem Regentag auf die Höfe zu fahren, beginnt er im Hotel mit der Bestimmung: "Von der Form her ist das ein kegeliger Apfel. Jeder Apfel hat Lentizellen, also Schalenpunkte. Die sind bei dem Apfel erhaben, also die spürt man. Das ist typisch für eine Sorte, die ich kenne. Das wäre Harberts Renette und das muss ich jetzt mal prüfen."

    Das Problem ist, es gibt keinen systematischen Weg, um einen Apfel zu finden. Bei Tieren, bei Pflanzen hat man Bestimmungsschlüssel. Das gibt es bei Äpfeln nicht. Es gibt kein Computerprogramm zur Apfelbestimmung. Deshalb ist die Kernesammlung eine wichtige Hilfe.

    Wohlgeschmack mit tollem Wachstum

    Der Pomologe bleibt bei seiner Vermutung: Harberts Renette. "Man muss die dringend vermehren. Das ist eine alte Sorte mit einem Wohlgeschmack, mit tollem Wachstum. Braucht nicht 1.000 Spritzungen. Schauen's - ist ein Stadelapfel. Irgendwo, verwahrlost, macht supertolle Früchte."

    Obstgarten-Museum für alte Sorten

    Für solche Fälle wird das Netzwerk Streuobst im Landkreis Straubing-Bogen ein lebendiges Museum schaffen, also einen Obstgarten mit den Raritäten. Dafür leistet der Biologe die Grundlagenarbeit. Auch bei Familie Gegenfurtner soll es noch alte Sorten geben. Aber erst einmal erzählt der 89-jährige Xaver davon, wie wertvoll die Äpfel früher waren: "Gleich nach der Währung waren die Äpfel teuer. Da hat der Zentner um die 20 D-Mark gekostet, auch 25, das war Geld. Mein Vater hat sich von den Äpfeln '48 nach der Währung ein Pferd kaufen können. Das hat 800 Mark gekostet."

    Mathilde Gegenfurtner erinnert sich vor allem an die viele Arbeit, die die Äpfel gemacht haben: "Der Vater hat mir Pressen geholfen. Der hat das mit der Maschine zerkleinert und dann haben wir gepresst und den Saft haben wir in Milchkannen getan und am Abend bin ich heimgefahren. Dann habe ich zuerst in Stall gehen müssen und hernach, nach dem Stall, habe ich mit dem Erhitzen angefangen."

    Die Kinder haben den Saft gern getrunken und so haben die Gegenfurtners ihre Streuobstwiese erhalten. Äpfel davon haben sie für den Pomologen hergerichtet.

    1.000 Bäume für den Pomologen

    "Der Interessanteste ist dieser da", sagt Subal zu Mathilde Gegenfurtner und zeigt auf einen Apfel: "Da wissen Sie aber auch keinen Namen? "Nein", antwortet sie, da wisse sie keinen Namen. Der interessiere ihn, sagt Subal, den müsse er mitnehmen - ob er mal den Baum sehen könne? "Wenn man die lagert, lang kann man sie eh nicht lagern - dann ist da ein Duft drin. Das ist interessant, das muss ich aufschreiben. Der ist schon vollreif. Da muss ich nächstes Jahr nochmal kommen."

    Tausend Bäume schaut der Pomologe heuer und nächstes Jahr im Rahmen des Projekts an. Sein Fazit bis jetzt:

    "Es war viel dabei. Manche Schätze, die ich gefunden habe am Wochenende, die werden sich erst herausstellen. Indem man recherchiert, indem man vielleicht die eine oder andere Sorte rausbringt. Hier waren lange Zeit kleinbäuerliche Verhältnisse und die Leute haben ihre Bäume geschätzt und das ist das Entscheidende, damit solche Bäume noch erhalten geblieben sind und deshalb ist der vordere Bayerische Wald ein Refugium für pomologische Schätzchen."

    Dank des geplanten Obst-Museums wird es auch so bleiben.

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