BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR/ STATIONEN
Bildrechte: BR/ STATIONEN

Prof. Jürgen Geist vom Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie der TU München auf der Suche nach Flussperlmuscheln.

Per Mail sharen

    Bayerns Gewässer: Hälfte der Fischarten vom Aussterben bedroht

    Mehr als 50 Prozent der bayerischen Fischarten sind vom Aussterben bedroht, und auch die Flussperlmuschel. Schuld daran sind die vielfach verbauten Flussläufe, die intensive landwirtschaftliche Nutzung und der Klimawandel.

    Per Mail sharen
    Von
    • Barbara Schneider

    Einst waren die Bäche und Wasserläufe in Oberfranken ein Paradies für die Flussperlmuschel. Heute muss man die streng geschützte Muschelart, die über hundert Jahre alt werden kann, lange suchen.

    Flussperlmuschel – Klimawandel und Schlamm setzen ihr zu

    "Früher waren in diesen Perlmuschelbächen mehrere Schichten Muscheln übereinander. Wenn man da reingegriffen hat, war alles voller Muscheln. Heute ist das fast nicht mehr der Fall. Wenn nichts passiert, stirbt diese Art aus, die seit den Zeiten der Dinosaurier hier überdauert hat", erklärt Jürgen Geist, Professor für Aquatische Systembiologie an der Technischen Universität München.

    Der Klimawandel schadet der Flussperlmuschel immens. Ein weiteres Problem: Durch die Landwirtschaft lagert sich Schlamm in den Bächen ab und zerstört so den natürlichen Lebensraum der Muscheln.

    Die Folgen sind fatal: Nicht nur für die Flussperlmuschel, sondern auch für uns Menschen, erklärt Jürgen Geist: "Wenn eine solche Perlmuschelpopulation generell einbricht, weil das Gewässer austrocknet oder keine Jungmuscheln mehr nachwachsen, dann lässt die reinigende Wirkung, die die Muscheln auf das Gewässer haben, immer stärker nach. Intakte Muschelbestände bedeuten intakte Gewässer und das bedeutet letzten Endes auch: Wir könnten dieses Wasser trinken, weil da die Welt noch in Ordnung wäre."

    Mairenke von Laichplätzen abgeschnitten

    Warum auch viele Fischarten bedroht sind, zeigt das Beispiel der Mairenke. Die Fischart kommt nur noch in sehr wenigen bayerischen Gewässern vor, unter anderem im Starnberger See.

    Einmal im Jahr wandert sie hier flussaufwärts zu ihren Laichplätzen, erzählt Reinhard Mauritz vom Seeshaupter Angler Kreis: "Wenn die Temperatur stimmt und wenn das Wasser stimmt, sind das zwischen 500 und 1.000 Fische, die hier aufsteigen." An warmen Tagen sind es sogar deutlich mehr.

    Der Optimalfall für die Mairenke: Ein unversperrter Zugang bis zu den Osterseen, wo sie im Schilf ihre Gelege ablegen könnten. Doch nur ein paar Hundert Meter vom See entfernt findet die Wanderschaft der Mairenken ein jähes Ende. Der Weg ist verbaut. Die alte Fischtreppe hilft den Fischen nicht weiter. Ein künstlicher Wasserfall versperrt den Weg, und das alte Wehr ist ein unüberwindbares Hindernis.

    Verzweifelt kämpfen die Mairenken gegen die Barrieren an, jedoch erfolglos. Ihren Laich legen sie schließlich in dem Gewässer vor dem Wehr ab. Das ist folgenschwer, wie Mauritz erklärt: "Da kommen die Laichräuber und fressen natürlich einen Großteil des Laichs zusammen. Das ist jammerschade, denn wenn sie sich geschützt entwickeln und laichen könnten, dann könnten viel mehr überleben."

    50 Prozent der bayerischen Fischarten bedroht

    Wie der Mairenke geht es mehr als der Hälfte der Fischarten in Bayern, sie stehen alle auf der Roten Liste gefährdeter Arten.

    Schuld an dem Rückgang der heimischen Fischbestände sind mehrere Faktoren: Neben erhöhten Wassertemperaturen durch den Klimawandel und der zunehmenden Verschlammung der Flüsse sind es vor allem sogenannte Querbauwerke, also Dämme, Wehre und Abstürze, die es den Tieren schwer machen.

    Nur noch wenige Flüsse Bayerns in ökologisch gutem Zustand

    In Bayern gilt das für immerhin 85 Prozent der Flussabschnitte. Nur noch 15 Prozent der Flüsse sind laut Bericht der Umweltorganisation WWF aus dem Jahr 2020 in einem sehr guten oder guten ökologischen Zustand. Die obere Isar – vom Sylvensteinspeicher bis zur Grenze nach Österreich – zählt dazu. Hier fließt sie noch weitgehend ungebremst durch ihr Flussbett. Dank dieser Dynamik bietet sie einen einzigartigen Lebensraum für eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten.

    Es brauche einen ambitionierten Rückbauplan für Dämme und andere Bauten, um dies auch für andere Flussläufe zurückzugewinnen, so der WWF.

    Artensterben: Auswirkungen sind weitreichend

    Denn die Folgen sind enorm: Stirbt eine Art aus, hat das mitunter Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem. Die Flussperlmuschel beispielsweise kann ohne die Bachforelle nicht überleben. Sie braucht den Fisch als Taxi für ihre Larven. Muschelbänke bieten zudem gute Bedingungen für Insekten, wiederum die Nahrung für Bachforellen.

    "Letzten Endes geht es bei dem Schutz dieser Gewässer mit der Flussperlmuschel nicht nur um den Schutz einer einzelnen Art. Es ist ein ganzes Nahrungsnetz und wir haben viele Interaktionen zwischen den Arten." Prof. Jürgen Geist, Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie, TU München

    Noch leben einige wenige Flussperlmuscheln in Bachläufen in Oberfranken. Sie reagieren auf die kleinsten Veränderungen im Ökosystem. Nur wenn ihr Lebensraum geschützt wird, hat die Flussperlmuschel eine Chance, vor dem Aussterben bewahrt zu werden.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!