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Ein Schild mit der Aufschrift "Zur Zeit gibt`s nix" ist im Fenster von einem Restaurant in der Innenstadt von Bad Reichenhall zu sehen.

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Bayerns Corona-Hotspots: Leben im Lockdown

Restaurants, Hotels, Sport, Theater - alles wird wieder weitgehend dicht gemacht. In einigen Regionen Bayerns gilt seit Donnerstag ein sogenannter regionaler Lockdown. Für die einen ein notwendiges Übel - andere machen ihrem Ärger darüber offen Luft.

Von
Martin JardeMartin JardeChristine HaberlanderChristine HaberlanderKatrin NöbauerKatrin NöbauerChristoph DickeChristoph DickeChristina SchmittChristina Schmitt
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Im Corona-Hotspot Traunstein ist der Tag der verschärften Corona-Maßnahmen kaum von einem "normalen" zu unterscheiden. Autos fahren langsam durch die Innenstadt auf der Suche nach einem der begehrten Parkplätze, Menschen bummeln und schauen in die bereits weihnachtlich geschmückten Geschäfte, kaufen Lebensmittel ein oder treffen sich zufällig auf der Straße, ratschen miteinander.

Manche haben an diesem eiskalten, trüben Novembertag bereits im Freien die FFP2-Maske vor Kinn, Mund und Nase. Die Gastronomie hat geschlossen. Ein Wirtshaus auf dem Stadtplatz hat noch schnell ein Schild vor die Tür gestellt, das auf "Essen to go" um die Ecke verweist.

Traunstein: viel Verständnis für verschärfte Maßnahmen

Für die verschärften Maßnahmen in Landkreisen mit einer Inzidenz über 1.000 gibt es hier großes Verständnis. Die Inzidenzen in den Hotspotgebieten Traunstein, Rosenheim und Berchtesgadener Land müssten ganz schnell nach unten, um vor allem die Kliniken zu entlasten, Intensivbetten wieder frei zu bekommen.

Besonders betroffen vom Hotspot-Lockdown sind Hotelbesitzer, Bergbahnbetreiber, und vor allem Geschäftsinhaber. Durch die verschärften Maßnahmen ist die Kundenanzahl, die sich im Laden aufhalten darf, beschränkt. Die Traunsteiner Geschäfte haben deshalb Ständer mit Taschen, Bekleidung oder sonstigen Artikeln auf den Gehsteig gestellt. Fast alle fürchten verständlicherweise um ihr Weihnachtsgeschäft.

Den Traunsteiner Landrat Siegfried Walch ärgert es, dass es jetzt wieder die Allgemeinheit trifft. "Wir haben die letzten Monate immer versucht den Menschen klarzumachen, dass wir genau das verhindern wollen. Alle, die das Impfangebot angenommen haben, haben ihren Teil dazu beitragen. Wichtig ist, dass wir uns immer im Klaren sind: Nicht der Lockdown ist das Schlimme – der Lockdown ist die Maßnahme. Das Schlimme ist, dass sich bis jetzt so wenig impfen ließen."

Erleichterung bei Friseur in Bad Reichenhall

Wem allerdings ein Riesenstein vom Herzen fällt, sind die Friseure. Sie dürfen, anderen als früher, ihre Geschäfte offen halten, Haare schneiden und föhnen. Bei Friseur Martin Moser aus Reichenhall ist die Freude, dass er weiter Kunden bedienen darf etwa riesengroß.

Wie groß ist die Hoffnung, dass die Zahlen dank der Maßnahmen schnell sinken und der Lockdown bald wieder aufgehoben wird? Landrat im Berchtesgadener Land ist Bernhard Kern. Er hat Zweifel, ob das so schnell der Fall sein wird. Er befürchtet, dass sich jetzt wegen der geschlossenen Gastronomie wieder mehr Menschen im privaten Bereich treffen und sich dort anstecken.

Fakt ist, dass es in den Hotspot-Regionen Traunstein und Berchtesgadener Land viele Angebote gibt, sich ganz unkompliziert ohne Anmeldung impfen zu lassen - in den Impfzentren oder wie im Landkreis Traunstein im Impfbus. Die Impfbereitschaft nimmt zu, dass bestätigen die Behörden. Aber die Erstimpfungen sind überall noch ausbaufähig. Im Berchtesgadener Land und in Traunstein liegen sie um die 60 Prozent, mit viel Luft nach oben. Landrat Bernhard Kern will um jeden einzelnen Ungeimpften kämpfen. Dafür müsse man weiter viel Werbung machen, sagt er.

Hoffnung in Rosenheim auf Entlastung der Kliniken

Auch Stadt und Landkreis Rosenheim befinden sich wegen Inzidenzen über 1.000 im Lockdown. Das Landratsamt hoffen, dass die Maßnahme die "die außerordentlichen Belastungen im Gesundheitswesen in der Region" mildert. "Die Belegungszahlen auf den Intensiv- und Normalstationen in den Kliniken und die damit verbundenen erheblichen Belastungen für das Klinikpersonal dürfen auf gar keinen Fall so etwas wie ein Normalzustand werden," so das Landratsamt auf eine BR-Anfrage.

Video: Intensivpatienten werden verlegt

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Die Vorbereitungen sind getroffen, um Intensivpatienten aus Bayern in andere Bundesländer zu verlegen. Laut Roland Engehausen, dem Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft, bringt das den Intensivstationen nur eine kurze Atempause.

Mühldorf am Inn: Ärger über Ungeimpfte, Verständnis für Lockdown

Viele Mühldorfer fügen sich ohne großes Murren in den Lockdown für alle. Es sei jetzt nicht die Zeit der Schuldzuweisungen, sondern des Handelns – das ist überall zu hören. Ein Mann sagt: "Die Maßnahmen ärgern mich weniger. Wir haben zu viele Impfgegner, die auch noch im Internet Stimmung machen. Die haben uns überhaupt erst in die Lage gebracht." "Gut, dass es jetzt schärfere Regeln gibt. Vielleicht lassen sich dadurch jetzt mehr impfen," sagt ein anderer.

"Die Einen liegen im Krankenhaus und die Anderen machen Party." Schon allein deswegen müsse eine allgemeine Corona-Impfpflicht her, empört sich eine Mühldorferin. "Ich hatte erst auf die Vernunft der Leute gehofft“, sagt ein anderer Passant. Doch jetzt müssten die harten Lockdown-Maßnahmen sein. Das begrüße er auch als gerade dreifach Geimpfter.

Holger Nagl, Mühldorfer Kreisvorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbands, beklagt, dass seine Branche nun wieder am härtesten betroffen sei: "Dabei sind wir die Hygiene-Profis. Laut RKI tragen wir nur zu 0,5 Prozent zum Infektionsgeschehen bei." Ob er da auch Clubs und Diskotheken einschließt, die zuletzt trotz 3G und 2G-Regeln höhere Infektionszahlen aufwiesen, ist unklar.

Zwar würden maximal 90 Prozent der Kosten vom Staat übernommen, beim Unternehmerlohn und bei privaten Versicherungsbeiträgen gebe es aber bisher nichts, so Nagl: "Da brauchen wir dringend Antworten aus der Politik." Bereits ein Fünftel des Hotel- und Gaststätten-Personals sei inzwischen abgesprungen.

Landkreis Rottal-Inn fügt sich in Schicksal

Die Menschen im Landkreis Rottal-Inn seien gut auf den Lockdown vorbereitet gewesen und würden sich wohl in ihr Schicksal fügen, teilte Landratsamtssprecher Mathias Kempf mit. Die Polizei habe kontrolliert, aber keine Verstöße festgestellt. Das bestätigte auch die Polizeiinspektion Pfarrkirchen. Am Mittwoch hätten dort zwei Personen OP-Mundschutz statt FFP2-Masken getragen, am Donnerstag hätte es keine Verstöße gegeben und die Leute seien kooperativ gewesen. Auf den Straßen bemerkten die Polizisten in Pfarrkirchen tagsüber keinen Unterschied zu vor dem Lockdown, nachts sei ohne Bars und Clubs deutlich weniger los.

Von Unklarheiten über die genauen Regeln berichteten Ladenbesitzer im Landkreis: "Die Regierung hat im Vorfeld nicht gut kommuniziert, dass der Handel offen bleibt. In den Köpfen vieler Kunden ist verankert, dass die Geschäfte im Lockdown schließen. Diese Grauzone macht uns jetzt das Leben schwer", sagt etwa Gisela Mooser, Inhaberin des Modehauses Hartwimmer und zweite Vorsitzende des Werbeinteressenrings WIR Eggenfelden. Sie gehe mit ihrem Geschäft jetzt massiv in die Weihnachtswerbung und hoffe, dadurch Verluste aufzufangen.

Beinahe ganz geschlossen hat dagegen der Gasthof Wimmer Weissbräu in Simbach am Inn. Das familiengeführte Hotel und Restaurant darf nur noch Geschäftsreisende beherbergen und Essen to go verkaufen. Es tröpfle so dahin, meint die 79-jährige Inge Wimmer, Mutter des Inhabers. Am Donnerstag, dem ersten Hotspot-Lockdown-Tag, hätten sie nichts verkauft, aber dafür schon Bestellungen für den Straßenverkauf am Wochenende entgegengenommen: "Wir müssen es nehmen, wie die Politik es ansagt", meint Wimmer. Im November seien zum Glück eh nicht so viele Ferienreisende unterwegs. Sie rechnet allerdings auch nicht mit einem Weihnachtsgeschäft, nachdem die Inzidenz so hoch sei. Die eigene Arbeitszeit rechne sich derzeit jedenfalls nicht.

Landrat in Dingolfing-Landau wünscht bayernweiten Lockdown

Der Landrat des Landkreises Dingolfing-Landau bedauert es sehr, dass den Landkreis erneut härtere Regelungen treffen. In einer Mitteilung schreibt Werner Bumeder (CSU), er erachte die Maßnahmen als absolut notwendig. Allerdings empfinde er es nicht als richtig, regionale statt bayernweite Maßnahmen zu verhängen. Die Kliniksituation und die Inzidenzen seien überall sehr angespannt und hoch.

"Meiner Einschätzung nach wäre es leichter zu vermitteln gewesen, bayernweite Regelungen zu treffen, als so den Lockdown-Tourismus in umliegende Landkreise zu befeuern." Werner Bumeder, Landrat des Landkreises Dingolfing-Landau

Dennoch appelliert der Landrat an die Bevölkerung, die neuen Regeln einzuhalten und das Impfangebot des Landkreises zu nutzen, um die Situation unter Kontrolle zu bekommen.

Lockdown in drei weiteren Kreisen ab Freitag

Am Donnerstag lag die Sieben-Tage-Inzidenz bei drei weiteren Regionen in Bayern bei über 1.000. Somit gehen ab morgen zusätzlich zu Berchtesgadener-Land, Traunstein, Rosenheim Stadt, Rosenheim Land, Mühldorf am Inn, Rottal-Inn, Dingolfing-Landau, Freyung-Grafenau auch die Landkreise Ostallgäu, Regen und Passau in den regionalen Hotspot-Lockdown.

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