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Bayern impft unterschiedlich schnell | BR24

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Bayern impft unterschiedlich schnell

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    Bayern impft unterschiedlich schnell

    Die Zehn-Prozent-Schwelle in Bayern ist überschritten. Doch die Verteilung bei den mindestens einmal Geimpften ist sehr ungleich. Eine Datenanalyse belegt große regionale Unterschiede. Während etwa Passau gut dasteht, hinkt München hinterher.

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    Von
    • Arno Trümper
    • BR24 Redaktion

    Katastrophen spielen in James Daniells Alltag eine bedeutende Rolle. Er forscht und lehrt am Zentrum für Katastrophenmanagement - Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology - am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), einem der größten deutschen Forschungszentren. Zu seinem Job gehört es, weltweit Daten über Katastrophen zu sammeln - möglichst schnell, möglichst viele und möglichst genaue.

    In Deutschland ist die Datenlage schlecht

    Vor einem Jahr befand sich James Daniell auf einmal selbst inmitten einer Katastrophe – der Corona-Pandemie. Ganz Datenprofi blickte er erst einmal auf die Zahlen des Robert-Koch-Instituts. "Als ich damals die Infektionszahlen des RKI gesehen habe, kamen die mir zu niedrig vor. Offenbar gab es Probleme bei der Datenübermittlung. Daran wollte ich etwas ändern."

    Zusammen mit Kollegen gründete er das Projekt Risklayer, und die Datenspezialisten begannen Daten über die Pandemie zu sammeln und der Öffentlichkeit bereit zu stellen. Seit Januar sammeln sie auch Daten zu den Corona-Impfungen.

    Mehrfach am Tag liefern die Forscher aktuelle Impfzahlen. Dafür haben sie viele kleine Softwareprogramme geschrieben, die die Daten bei jedem der 401 Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland abfragen. Die Daten sind nicht fehlerfrei, aber sie vermitteln einen Überblick über die Fortschritte der Impfkampagne.

    Passau ist Meister

    Wer sich durch die Karte klickt, der findet Passau ganz vorn, was die Zahl der Impfungen betrifft. Entsprechend stolz ist Oberbürgermeister Jürgen Dupper. "Wir haben bei den über 80-Jährigen eine wirklich sagenhafte Impfquote von über 95 Prozent und sind bei den über 70-Jährigen auch sehr gut dabei. Dann geht es schon an die über 60-jährigen. Sie sehen, da ist wirklich Musik drin im Thema Impfen."

    Hinweis:

    Risklayer stellt keine offizielle Datenquelle, wie etwa das Robert Koch-Institut, dar. Die gezeigten Zahlen zu den regionalen Impfungen enthalten mehr Unsicherheiten, da sie nicht aus einer Quelle, sondern aus den individuellen Angeboten der Landkreise kommen. Nicht alle Kreise stellen diese Zahlen zur Verfügung oder sie aktualisieren zu unterschiedlichen Zeitpunkten - das macht die Daten schwerer vergleichbar.

    Etwa 11.000 Menschen im Passauer Stadtgebiet haben mindestens die erste Dosis erhalten. Das entspricht 20 Prozent der Einwohnerzahl. Allerdings wohnen die Geimpften nicht alle im Stadtgebiet von Passau. Darum liegt hier die Impfquote tatsächlich etwas niedriger. Grund für diesen Impfturbo: Frühzeitig wurden die Hausärzte einbezogen, die etwa alte Menschen auch Zuhause geimpft haben. Außerdem profitiert die Region von mehreren Impfstoff-Sonderzuteilungen, etwa für das Klinikum Passau oder als besonders von der Pandemie betroffener Grenzlandkreis.

    München liegt zurück

    Und München? Hier beträgt die Impfquote gerade einmal 5,5 Prozent und damit deutlich niedriger als in Passau. Woran liegt das? Versinkt die Landeshauptstadt im Impf-Chaos? Stefan Minner, Professor für Logistik und Lieferkettenmanagement an der TU-München, hat sich die Impfstrategien bayerischer Städte angesehen. Er bestätigt insgesamt eine gute Organisation, sieht aber Unterschiede bei der Durchführung.

    Es gebe unterschiedliche Strategien, ankommende Impfstoffe zu verimpfen, erklärt Minner. Da die Lieferkette nicht vollständig zuverlässig sei, baue man gewisse Reserven auf, um sicherzustellen, dass die zweite Impfdosis rechtzeitig erfolgen kann.

    "Einige Landkreise haben dort mehr verimpft und weniger Reserve gebildet als andere, und insofern gibt es da unterschiedliche Impfquoten." Stefan Minner, Logistik und Lieferkettenmanagement, TUM

    So sieht es auch die Münchner Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek. Allein 20.000 Dosen seien für Lehrer und Lehrerinnen reserviert. Die würden zwar in Kürze verimpft, drückten aber im Moment noch die Impfquote.

    Es ist nicht die Verteilung, es ist der Mangel

    Das eigentliche Problem sei aber der Impfstoff-Mangel, betont Beatrix Zurek immer wieder. "Wir können natürlich als Impfzentren und als Kommune nur das verimpfen, was wir bekommen. Und wenn eben die Lieferungen so sind, dass wir in der Messe, wo es möglich wäre, 6.000 Dosen zu impfen, keine 6.000 impfen können, weil es nicht genügend Impfstoff gibt, dann ist das die Krux."

    Hat also die EU Schuld als zentraler Einkäufer? Man hatte hier hart verhandelt, um Kosten zu sparen und nur bestellt, was nötig war. Andere Staaten kauften schneller und so viel sie bekommen konnten. Die bessere Strategie, findet der Wirtschaftswissenschaftler Stefan Minner. Er hat jedoch auch Verständnis für die EU.

    "Im Prinzip kann man sagen: Wie man’s macht, macht man es falsch." Stefan Minner

    Man habe entweder zu viel Impfstoff, wenn man bei jedem Anbieter die maximale Menge bestelle oder man habe zu wenig, wenn man nur bei einigen ausgewählten Herstellern bestelle, erklärt Minner. "Wenn man am Ende zu viel bestellt, hat man womöglich Geld verschwendet. Wenn man aber viel zu wenig hat, hat man auch Kosten. Jeder Tag Lockdown kostet viel Geld. Jede nicht stattgefundene Impfung kann Menschenleben kosten." Wenn man das am Ende aufrechne, wäre es nach Minners Ansicht die richtige Entscheidung gewesen, so früh wie möglich bei jedem Hersteller die maximale Menge abzurufen und zu bestellen.

    Welche Strategie ist die beste?

    Um in Zukunft besser abschätzen zu können, was die optimale Strategie ist, haben Forscher des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI) einen Impf-Simulator entwickelt. Hier werden die unterschiedlichen Faktoren miteinander in Verbindung gebracht. Jeder kann es selbst ausprobieren: Mehr Impfzentren, gelieferte Menge an Impfstoff oder Zahl der zurückgehaltenen Impfdosen.

    © Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland
    Bildrechte: Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland

    Impf-Simulator des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung

    Das macht auch Jens Spahn, der die Simulation in Auftrag gegeben hat, um die Strategie der Bundesregierung zu optimieren. Im Tool kann man auch ablesen, wann die unterschiedlichen Priorisierungsgruppen mit Impfterminen rechnen können.

    Das Tool hat auch gezeigt, dass durch das Zurückhalten der Impfdosen für die zweite Impfung, der Impffortschritt erheblich gebremst wird. Damit bestätigt es die Unterschiede bei den Impfquoten der bayerischen Kommunen. Dominik von Stillfried, Leiter des ZI, sieht genau darin einen Verdienst seines Simulators.

    "Die Zurücklegung von Impfdosen ist jetzt nicht mehr vorgesehen im Vergleich zur Zeit, als empfohlen worden ist, die Impfintervalle möglichst in die Länge zu ziehen, damit möglichst schnell ein großer Teil der Bevölkerung die erste Impfung erhalten kann" erklärt Stillfried. So könnten alle verfügbaren Impfdosen für die erste Impfung eingesetzt werden.

    Noch eine Erkenntnis bestätigt die Impf-Simulation: Von einem Impf-Chaos kann nicht die Rede sein. Aktuell sind etwa 80 Prozent der gelieferten Dosen verimpft. Eine noch effizientere Verimpfung könnte aber erreicht werden, so von Stillfried, wenn zum Beispiel auch die Hausärzte impfen.

    Gute Daten sind immer noch Mangelware

    "Ich dachte, dass das Projekt nach ein paar Wochen nicht mehr gebraucht wird", erinnert sich James Daniell. Nach über einem Jahr der Corona-Pandemie sammeln er und seine Mitstreiter noch immer Corona-Daten. Sogar die Johns-Hopkins-University, weltweit führend beim Aufbereiten von Corona-Daten, greift darauf zurück. Erst wenn mehr als 70 Prozent der Bevölkerung geimpft sind, könnte die Pandemie vorbei sein und James Daniell Zeit für neue Projekte haben.

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