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Grabbeigaben aus der Bronzezeit, römische Münzen oder Weltkriegsrelikte - immer mehr Menschen in Bayern suchen mit Metallsonden nach solchen Schätzen. Das "Sondeln" wird zum entspannenden Freizeittrend. Archäologen sind davon weniger begeistert.

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Corona-Boom beim Sondengehen beunruhigt Archäologen

Dem Alltag entfliehen und auf Schatzsuche gehen: In Zeiten der Pandemie ist das ein beliebtes Hobby. Mit Metalldetektoren suchen die "Sondler" nach Relikten aus vergangener Zeit. Ihre Zahl ist deutlich angestiegen – sehr zur Sorge von Archäologen.

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Von
  • Lea Utz

Grabbeigaben aus der Bronzezeit, Überbleibsel aus den Weltkriegen oder alte Münzen: Nach solchen Relikten im Boden suchen immer mehr Menschen in Bayern mit einer Metallsonde.

Seit Corona liegt "Sondeln" im Trend

Einer von ihnen ist der Augsburger Michael Menzel. In Gummistiefeln steht er auf einer Wiese im Norden der Stadt und schwenkt seinen Detektor konzentriert hin und her. Immer dann, wenn die Sonde einen besonders durchdringenden Piepston abgibt, hebt er mit einem Spaten vorsichtig ein Stück Erde aus.

Das "Sondeln" hat der Servicetechniker schon vor Jahren für sich entdeckt. Aber gerade in letzter Zeit begegnen ihm auf seinen Streifzügen immer öfter andere Sondengänger. Denn in Zeiten von Corona liegt das Hobby im Trend. "Man ist alleine draußen, man ist an der frischen Luft, da denken sich die Leute: Das probier' ich mal aus", sagt Michael Menzel.

Nicht alle Sondengänger melden ihre Funde

Auch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) beobachtet in der Pandemie "eine deutlich höhere Aktivität von Detektornutzern". Die Zahl der Sondengänger in Bayern steigt demnach bereits seit Jahren stark an. Das BLfD schätzt, dass mittlerweile zwischen 15.000 und 20.000 Sondengänger in Bayern unterwegs sind.

Denkmalpfleger beunruhigt dieser Trend. Denn nicht alle Hobby-Archäologen halten sich an die Regeln. Jedes Jahr melden Sondengänger in Bayern nur etwa 300 bis 400 Funde, die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. Einige suchen außerdem illegal auf Bodendenkmälern. Das sind Gebiete, von denen bekannt ist, dass dort wertvolle archäologische Funde im Erdreich schlummern. Ohne denkmalschutzrechtliche Erlaubnis ist das "Sondeln" dort verboten.

Aus der Erde gerissene Geschichte

Dazu kommt noch ein weiteres Problem: Wenn Laien Gegenstände unsachgemäß aus der Erde buddeln, fehlen Archäologen oft wertvolle Daten – selbst dann, wenn die Funde später gemeldet werden. "Mit jedem Fund, der ohne Kontext aus der Erde gerissen wird, ist eine historische Aussage verloren", kritisiert der Augsburger Stadtarchäologe Sebastian Gairhos.

Denn wo genau sich ein Gegenstand im Erdreich verbirgt und was darum herum liegt, ist für Archäologen zum Teil wichtiger als der Fund selbst. Auf einem Acker in der Nähe von Augsburg hat ein Sondengänger beispielsweise vor einigen Jahren eine römische Fibel gefunden. Weil der exakte Fundort nicht dokumentiert wurde, lieferte das der Wissenschaft allerdings kaum neue Erkenntnisse.

In Bayern ist die Gesetzeslage besonders locker

Den Sondengängern kommt entgegen, dass die gesetzlichen Vorgaben in Bayern besonders locker sind. Bayern hat etwa als einziges Bundesland kein sogenanntes "Schatzregal". Das ist eine Vorschrift, die besagt, dass Funde von wissenschaftlichem Wert automatisch dem Land gehören. In Bayern steht die Hälfte des Funds dem Finder zu – die andere Hälfte gehört dem Grundstückseigentümer.

Das hat zur Folge, dass immer mehr Sondengänger aus anderen Bundesländern und aus dem Ausland extra zum Schatzsuchen nach Bayern reisen. "Die Funde sind dann außer Landes, man kommt an die Informationen nie mehr heran. Bayerns Kulturschätze werden hier ausgeplündert", kritisiert der Archäologe Sebastian Gairhos. Er fordert deshalb strengere Auflagen für Sondengänger. Vorstellbar wäre aus seiner Sicht etwa ein verpflichtender Qualifizierungsnachweis, ähnlich einem Angel- oder Jagdschein. Dafür fehle dem Landesamt für Denkmalpflege aber Personal.

"Eher findet man einen Lottogewinn"

Eine Neuregelung ist derzeit nicht in Sicht. Man sei sich der Problematik bewusst, heißt es aus dem Bayerischen Wissenschaftsministerium. Es verweist auf einen Arbeitskreis, der "möglichst im Laufe des Jahres" neue Ansätze erarbeiten soll.

Der Sondengänger Michael Menzel kann die Sorgen der Denkmalpfleger verstehen. Er wünscht sich mehr Aufklärung, damit sich mehr "Sondler" an die Regeln halten. An den meisten Tagen findet er mit seiner Sonde nur Metallschrott. Trotzdem freut er sich über jede kleine Entdeckung. Wer auf einen spektakulären Fund hofft, macht sich aus seiner Sicht ohnehin falsche Hoffnungen: "Eher findet man einen Lottogewinn als einen Schatz im Boden."

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