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Bayerische Väter nehmen am kürzesten Elternzeit | BR24

© BR / Anna Tillack, Benedikt Nabben

Nirgends in Deutschland nehmen Väter so kurz Elternzeit wie in Bayern. Knapp 80 Prozent kehren nach spätestens zwei Monaten wieder zurück an ihren Arbeitsplatz. Und das nicht immer aus freien Stücken, wie Recherchen von report München zeigen.

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Bayerische Väter nehmen am kürzesten Elternzeit

Nirgends in Deutschland nehmen Väter so kurz Elternzeit wie in Bayern. Knapp 80 Prozent kehren nach spätestens zwei Monaten wieder zurück an ihren Arbeitsplatz. Und das nicht immer aus freien Stücken, wie Recherchen von report München zeigen.

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Bayerische Väter nehmen im Vergleich zum Rest Deutschlands am kürzesten Elternzeit. Etwa 80 Prozent derjenigen, die Elternzeit nehmen, tun das für höchstens zwei Monate. Recherchen des ARD-Politmagazins report München zeigen, dass viele Väter gerne länger zu Hause bleiben würden, aber von ihren Arbeitgebern unter Druck gesetzt werden.

Ein Beispiel: Als Leo seinem Chef mitteilt, dass er Elternzeit nehmen möchte, bekommt er eine klare Antwort:

"Er hat mir gesagt, dass ich für sowas nicht meine Karriere riskieren sollte und mich mit einer Drohkulisse unter Druck gesetzt, die für einen jungen Familienvater wie mich ins Existentielle ging." Leo, Arzt

Druck vom Arbeitgeber - kein Einzelfall

Leo bekommt plötzlich nur noch schlechte Zeugnisse ausgestellt, wichtige Untersuchungen darf er auf einmal nicht mehr selbst durchführen. Sein Chef versucht, ihn aus dem Unternehmen zu drängen. Leo ist mit seiner Geschichte kein Einzelfall. Die Recherchen führen zu immer mehr Vätern aus ganz verschiedenen beruflichen Sparten, die alle das gleiche berichten. Jedoch trauen sie sich mit ihren Erlebnissen oft nicht an die Öffentlichkeit, um die eigene Karriere nicht zu gefährden.

Nur jeder dritte Vater nimmt Elternzeit

Väter, die sich um den Nachwuchs kümmern, sollen eigentlich ein Schritt zur Gleichberechtigung sein. Dass Deutschland davon aber noch weit entfernt ist, zeigt sich darin, dass bisher überhaupt nur jeder dritte Vater Elterngeld beantragt. Wenn sich ein Vater dazu entscheidet, bleibt er im Durchschnitt drei Monate zu Hause, Frauen dagegen 11,7 Monate.

Studien zeigen, dass auch viele Väter gerne länger Elternzeit nehmen würden. Häufig ist das jedoch nicht möglich, wenn sie der Hauptverdiener in der Familie sind und sich keine Gehaltseinbußen leisten können, oder aber, wenn ihnen der Chef Steine in den Weg legt.

Väter-Elternzeit wirkt sich häufig negativ auf Karriere aus

Jeder dritte Vater, der sich dennoch für eine Elternzeit entscheidet, erfährt anschließend einen Karriereknick.

So ergeht es auch PR-Berater Thomas Bolte. Als er seinen Chef darüber informiert, dass er für ein Jahr in Elternzeit gehen möchte, droht ihm dieser mit der Kündigung:

"Man hat mir klipp und klar gesagt: Wir finden nicht gut, dass du das machen willst, vor allem als Mann. Man hat mir klar zu verstehen gegeben, dass man meinen Vertrag nach dieser Zeit wahrscheinlich auflösen möchte." Thomas Bolte, PR-Berater

Kündigungen angeblich nicht wegen der Elternzeit

Eine Kündigung direkt nach der Elternzeit ist keine Seltenheit. Peter Groll ist Fachanwalt für Arbeitsrecht und vertritt immer wieder Väter, die wegen der Elternzeit ihren Job verlieren. Die Strategie der Arbeitgeber sei dabei immer die gleiche: "Interessanterweise wird nie das Thema Elternzeit angesprochen. Es werden Performancegründe genannt. Manchmal auch angebliche Umorganisationen, die nie stattgefunden haben." Unterm Strich werde man sich irgendwann auf etwas verständigen mit einem Beendigungstermin und einer Abfindung, so Groll.

Politik bemüht um familienfreundlichere Arbeitskultur

Mit den Recherchen konfrontiert, antwortet das zuständige Ministerium, dass man an einer familienfreundlicheren Arbeitskultur arbeite.

Der Opposition reicht das nicht. Sie kritisiert: Deutschland habe es verschlafen, die politischen Rahmenbedingungen für echte Gleichberechtigung zu schaffen. Katrin Göring-Eckert, Fraktionsvorsitzende der Grünen, zeigt sich verärgert über die Situation. Ihr Vorschlag: "Drei Mal acht Monate. Also acht Monate für den Vater, acht Monate für die Mutter und acht Monate kann man sich dann aussuchen, Vater oder Mutter. Das bedeutet, mindestens acht Monate haben die Väter auch zur Verfügung. Und das ist dann auch ganz klar, das geht dann nicht anders."

Karriere konkurriert mit Gleichberechtigung

Arzt Leo wehrt sich ein Jahr lang gegen seinen Chef, er will die beruflichen Nachteile aufgrund seiner Elternzeit nicht akzeptieren. Letztendlich kostet ihn der juristische Kampf aber so viel Kraft, dass er einen Auflösungsvertrag unterschreibt und sich einen neuen Arbeitsplatz sucht. Er ist traurig über eine Arbeitswelt, in der die berufliche Karriere oft mehr zählt als echte Gleichberechtigung in der Familie:

"Ich habe immer wieder mitbekommen, dass Väter aus Angst vor Nachteilen im Job gar nicht erzählen, dass sie ein Kind bekommen. Dass man eines der schönsten Ereignisse im Leben verheimlicht, weil man berufliche Nachteile haben könnte, das finde ich schon sehr bedenklich." Leo, Arzt