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Abstandhalten ist das oberste Gebot der Stunde während der Corona-Pandemie. Doch eine Bevölkerungsgruppe kann diese Regel nur schwer einhalten: Flüchtlinge, die in einer Gemeinschaftsunterkunft leben. Das hat weitreichende Folgen für sie.

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Bayerische Flüchtlingsunterkünfte: Corona-Hotspots mit Ansage

Abstandhalten ist das oberste Gebot der Stunde während der Corona-Pandemie. Doch eine Bevölkerungsgruppe kann diese Regel nur schwer einhalten: Flüchtlinge, die in einer Gemeinschaftsunterkunft leben. Das hat weitreichende Folgen für sie.

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Von
  • Anja Wahnschaffe

Mehrbettzimmer, geteilte Küchen und Sanitärräume – für Flüchtlinge in den bayerischen Asylunterkünften ist das Abstandhalten in Corona-Zeiten durch die beengte Wohnsituation nur schwer möglich. Das Robert-Koch-Institut hat in Asylunterkünften ein überdurchschnittlich erhöhtes Infektionsrisiko festgestellt. Die dichte Belegungssituation wird dahinter vermutet. Die Wissenschaftler des RKI vergleichen die Situation in Gemeinschaftswohnheim mit Seniorenheimen, die schnell zu Hotspots werden können. Übertragungen in Gaststätten kämen dagegen weit seltener vor, so das RKI weiter. Ein weiteres Problem: Ist ein Flüchtling positiv, muss meist die ganze Unterkunft in Quarantäne, egal ob Kontaktperson oder nicht.

"Überall Zäune und Securities mit Schutzkleidung"

Der 17-jährige Mahdi, der in einer Flüchtlingsunterkunft im oberbayerischen Krailling lebt, hat das schon dreimal miterlebt. Das letzte Mal jetzt im Oktober: Sein kleiner elfjähriger Bruder hatte Corona. Die sechsköpfige Familie aus Afghanistan wurde von Krailing nach München gebracht und dort in der ehemaligen Funkkaserne  isoliert. Eine schwere Belastung für die Familie:

"Es gab überall Zäune. Es war wirklich wie im Gefängnis. Es waren überall Securities mit Schutzkleidung. Wir durften nicht raus. Wir hatten nur eine Stunde pro Tag Zeit, dass wir an die frisch Luft gehen konnten." Mahdi aus Krailling

Ein Schrank, ein Tisch, Stühle, Betten: zwei Wochen lang musste die Familie auf engstem Raum ausharren. Mahdi war mit seiner Mutter, seiner achtjährigen Schwester und dem dreijährigem Bruder in einem Zimmer. Sein Vater mit dem positiv getesteten Bruder in einem anderen. Der Vater musste daher insgesamt drei Wochen auf der Isolierstation bleiben. Der Rest der Familie konnte nach zwei Wochen wieder zurück nach Krailling. Zwei Wochen, die Mahdi, der eine Ausbildung zum Bauzeichner macht, wie eine Ewigkeit vorkamen. Er hat versucht währenddessen für die Berufsschule zu lernen. Doch auf engstem Raum mit seinen kleinen Geschwistern war das fast unmöglich.

Schulkinder sind besonders benachteiligt

Brigitte Söhne vom Helferkreis Krailling kümmert sich vor allem um Schulkinder und junge Männer. Die Quarantäne-Zeit habe für Schulkinder besonders weitreichende Folgen, erzählt die Rentnerin. Da die wenigsten einen Laptop oder gar Drucker besitzen, ist es für sie schwerer, beim Lernstoff mitzuhalten. Die Eltern können ihre Kinder bei den Hausaufgaben nicht unterstützen. Auch die Lehrer hätten sich unterschiedlich gut um ihre Schüler gekümmert, so Söhne. Die Schulkinder seien sehr zurückgefallen, das Deutsch sei schlechter geworden. Sie könne nicht verstehen, dass, wenn es einen positiven Fall gibt, die ganze Unterkunft darunter leiden muss.

Quarantäne: Keine individuelle Betrachtung bei Flüchtlingen

Krailling ist kein Einzelfall. Oft genug verordnen Behörden eine generelle Quarantäne für alle Personen, die in einer Unterkunft leben, egal ob Kontaktperson oder nicht. Das bestätigt auch die Diakonie München und Oberbayern, deren Mitarbeiter derzeit 38 Asylbewerberheime betreuen. Andrea Betz, die für den Bereich "Migration und Flüchtlinge" zuständig ist, fordert daher, dass die Behörden zum Beispiel eine Quarantäne nur stockwerksweise anordnen sollten.

"Wir haben den Eindruck, dass die ganze Unterkunft als ein Haushalt betrachtet wird. Und daher die ganze Unterkunft in Vollquarantäne versetzt wird. Es leben aber oftmals bis zu fünfzig Haushalte in einer Unterkunft. Deshalb stellt sich die Frage, ob da nicht eine individuellere Betrachtung von Seiten der Behörden möglich wäre." Andrea Betz

Quarantäne sei sehr stressig für die Bewohner, so Andrea Betz weiter. Zudem habe sich, insgesamt gesehen, die Situation für Flüchtlinge seit der ersten Welle nicht maßgeblich verändert. Die beengten Wohnverhältnisse und die dadurch erhöhte Ansteckungsgefahr bestehe nach wie vor. Die Diakonie München und Oberbayern fordert daher eine Entzerrung der beengten Wohnsituation, kurze Quarantäne-Zeiten durch schnelle Testverfahren, eine bessere IT-Ausstattung und WLAN in allen Unterkünften, damit die Menschen nicht abgehängt sind.

Beengte Wohnverhältnisse verursacht durch angespannten Mietmarkt

Was macht die Bayerische Staatsregierung, um die Infektionsgefahr in Sammelunterkünften zu verringern? Wir fragen beim Bayerischen Innenministerium nach. Eine Sprecherin schreibt in einer Stellungnahme: "Flüchtlinge werden unter infektionsschutzrechtlichen Gesichtspunkten möglichst auf alle bayerischen Asylunterkünfte im dem Maße verteilt, dass eine bestmögliche Entzerrung der Unterbringungssituation erreicht wird." Eine Ausweitung der Unterbringungskapazität sei aber aufgrund des angespannten Mietmarkts in Bayern schwierig, so die Sprecherin weiter. Zudem gelten in Anlehnung an die geltenden infektionsschutzrechtlichen Verordnungen und die Empfehlungen des RKI in allen Asylunterkünften Hygiene- und Abstandsregeln zur Infektionsprävention.

Trotzdem müsse eine Lösung her, fordert Franziska Sauer vom Bayerischen Flüchtlingsrat. Eine Unterbringung in Hotels oder Jugendherbergen sieht sie als eine Möglichkeit an. Zudem kritisiert sie, dass vor allem traumatisierte Personen unter einer Quarantäne besonders leiden. Es könne eine Re-Traumatisierung auftreten. Diese Personengruppe müsse angemessen behandelt werden.

Verstärkte Bewachung von Unterkünften während der Quarantäne

Als problematisch betrachtet Franziska Sauer auch, dass Unterkünfte, die unter Quarantäne stehen, von Securities verstärkt bewacht werden. Dadurch entstehe eine Gefängnis-Atmosphäre.

Der 17-jährige Mahdi aus Krailling hofft, dass er das nie mehr erleben muss. "Ich habe Angst. Ich will nie wieder dahin. Ich hoffe, dass so etwas nie wiederkommt." Doch eine Quarantäne durch eine infizierte Person, das weiß auch Mahdi, kann in einer Containeranlage mit 120 Bewohnern schnell wieder angeordnet werden.

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