Landwirte protestieren vor einer Filiale von Aldi in Dillingen gegen die schlechten Milchpreise.

Landwirte protestieren vor einer Filiale von Aldi in Dillingen gegen die schlechten Milchpreise.

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Bauern-Protest vor Aldi: Mehr Tierwohl, aber nur Niedrigpreise

Bauern-Protest vor Aldi: Mehr Tierwohl, aber nur Niedrigpreise

In Dillingen und Donauwörth postieren sich am Freitag Bäuerinnen und Bauern vor Aldi-Filialen. Sie beklagen: Aldi fordert mehr Tierwohl, ist gleichzeitig aber nicht bereit, dafür genug zu zahlen. Aldi wehrt sich gegen die Vorwürfe.

Eine Kuh auf der Weide im Sonnenuntergang: Eine ganze Seite füllt die Anzeige, die Aldi Süd in den vergangenen Tagen in Zeitungen geschaltet hat. Dazu der Satz: "Tierwohl ist eine Frage der Haltung". In der Anzeige kündigt Aldi an, in den kommenden Jahren schrittweise mehr Milch zu verkaufen, die aus Ställen mit mehr Tierwohl kommt. In denen die Kühe also zum Beispiel Bürsten für die Fellpflege haben oder Auslauf ins Freie.

Bauernverband: Aldi hat Geld für Werbung, aber nicht für die Bauern

Für Karlheinz Götz ist die Werbekampagne der Grund vor der Aldi-Filiale in Donauwörth zu protestieren. Götz ist der Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) im Landkreis Donau-Ries. "Wir sind überhaupt nicht gegen höhere Standards beim Tierwohl", sagt Götz dem BR. Aber der Lebensmitteleinzelhandel müsse den Bauern für den gestiegenen Aufwand auch dementsprechend mehr bezahlen.

Das sei bisher noch nicht der Fall. Stattdessen sei bei Aldi aber offenbar genug Geld für große Werbekampagnen da. Von der Ankündigung bei Aldi sind besonders in Nordschwaben viele Milchbauern betroffen, weil deren Molkerei Aldi beliefert.

Bauern haben schlechte Erfahrungen mit Aldi gemacht

Auch der Dillinger Bauernverbandsvorsitzende Eugen Bayer betonte: "Wir versperren uns nicht für mehr Tierwohl und andere Haltungsformen - aber es muss nachhaltig und dauerhaft der Preis für diese Haltung gezahlt werden. Da haben wir in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht". Die Auflagen würden immer mehr, aber keiner wolle dafür zahlen.

Familienbetriebe sehen sich bedroht

Kreisbäuerin Annett Jung kritisiert, dass auf diese Weise das, wofür die bayerischen Bauern stünden, nämlich kleine Familienbetriebe mit regionaler Erzeugung, kaputt gemacht würde. Die Anzeige habe eingeschlagen bei den Bauernfamilien, seither häuften sich die Anrufe, es gebe viel Irritation. Das was Aldi verlange, könnten die kleinen Familienbetriebe nicht leisten – zumindest nicht, wenn sie nicht besser entlohnt würden. "Wir würden das gerne machen, aber wenn es keiner bezahlt, schaffen wir es nicht. Es geht einfach nicht", sagt Kreisbäuerin Jung weiter.

In zwei Jahren keine Milch mehr, die nur dem Standard entspricht

Aldi hatte Mitte Januar angekündigt, ab 2030 die Trinkmilch der Eigenmarken nur noch aus den beiden höchsten Haltungsstufen 3 und 4 zu beziehen. Darin bekommen die Kühe zum Beispiel durch offene Ställe oder gar Weidegang mehr frische Luft und haben mehr Platz.

Gleichzeitig will der Lebensmitteleinzelhändler schon ab 2024 auf Milch aus der niedrigsten Haltungsstufe 1, die dem gesetzlichen Standard entspricht, verzichten. Schon im Sommer vergangenen Jahres hatte Aldi versprochen, künftig beim Frischfleisch mehr Tierwohl anzubieten. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace sprach damals auf Twitter von einem "Meilenstein".

Offener Brief kritisiert "Niedrigpreis-Strategien" von Aldi

In einem offenen Brief an Aldi kritisiert der Bayerische Bauernverband aggressive Niedrigpreis-Strategien des Discounters. Die Aufschläge, die für mehr Tierwohl gezahlt würden, seien zu niedrig. Bei Verhandlungen hätten die Vertreter des Lebensmitteleinzelhandels außerdem neue Tierwohl-Maßnahmen verhindert, weil sie die nötigen Zuschläge für die Produkte nicht zahlen konnten oder wollten, heißt es in dem Brief.

Aldi Süd wehrt sich und verweist auf das Kartellrecht

Dem BR teilt Aldi Süd auf Anfrage mit: In der Regel habe man keine direkten Vertragsbeziehungen zu Landwirten, sondern zu verarbeitenden Unternehmen wie Schlachtereien und Molkereien. Auch der Weltmarkt beeinflusse die Preise. Die Erlöse für die Bauern hingen deshalb von vielen Faktoren ab. "Wie hoch der Auszahlungspreis an die Landwirte letztlich ist, können wir – durch das Kartellrecht festgelegt – nicht unmittelbar beeinflussen", heißt es in der Stellungnahme an den BR.

Verbraucher sollten das Kleingedruckte in den Aldi-Anzeigen lesen

Verbraucher müssen ohnehin genau hinschauen, wenn sie Produkte mit mehr Tierwohl einkaufen wollen. Das zeigt die Anzeigenkampagne von Aldi. Wer sich auf der großen Zeitungsseite die Mühe macht, das sprichwörtliche Kleingedruckte zu lesen, erfährt nämlich: Die Milch aus höheren Haltungsstufen wird es in Zukunft nur bei der Trinkmilch der Eigenmarken geben.

Wer also bei seiner Milch für das Frühstücksmüsli zu einem Markenprodukt greift oder zusätzlich noch Joghurt, Sahne oder Käse in den Einkaufswagen legt, wird nach wie vor mit großer Wahrscheinlichkeit "nur" Milch kaufen, die dem gesetzlichen Standard entspricht. Der Bayerische Bauernverband wirft Aldi deshalb auch eine "Tierwohl-Inszenierung" in der Anzeigenkampagne vor.

Aufschläge im Cent-Bereich für Fleisch und Milch

Ohnehin liegen die Probleme tiefer. Denn nicht nur bei Aldi, auch bei anderen Discounter- und Supermarktketten gibt es Programme für Landwirte, die mehr Tierwohl versprechen. Das Prinzip: Ein Landwirt bietet seinen Tieren mehr Tierwohl, lässt also Schweine auf Stroh statt auf Spaltenböden laufen oder bietet seinem Geflügel mehr Platz. Dafür gibt es Aufschläge im Cent-Bereich pro Kilo Fleisch oder pro Liter Milch. Laut BBV-Vertreter Götz lohnt sich das für viele Betriebe unterm Strich aber kaum.

Zuschläge nur für einen Teil der Milch

Der Landwirt nennt das Beispiel eines ihm bekannten Milchbauers, der an einem der Supermarkt-Programme teilnimmt. Weil mit der Trinkmilch nur ein Teil des Sortiments als Tierwohl-Ware teurer verkauft wird, bekommt der Landwirt nur für 80 Prozent seiner Milch den Tierwohlzuschlag. Die übrigen 20 Prozent werden von der Molkerei zum Standard-Preis abgerechnet. Der Stall sei aber natürlich im Ganzen, für alle Kühe, auf mehr Tierwohl umgerüstet worden – etwa mit elektrischen Bürsten für die Fellpflege. Davon koste eine einzige schon 14.000 Euro.

BBV-Kreisobmann Götz fordert deshalb, dass der Lebensmitteleinzelhandel mehr als nur einzelne Produkte auf mehr Tierwohl umstellt und dass dann die teilnehmenden Betriebe sämtliche Erzeugnisse besser bezahlt bekommen. Eine Lösung ist aber nicht in Sicht. Die Umstellung der Landwirtschaft hin zu mehr Tierwohl, sie bleibt wohl eine Generationenaufgabe.

Discounter haben das Tierwohl entdeckt - auch als Werbemittel: Was bedeutet das für die Bauern?

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