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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Marcus Brandt

Immer höhere Pachtpreise setzen Landwirte unter Druck. Denn viele von ihnen haben nicht genug eigenes Land. Die Bodeneigentümer beanspruchen einen immer größeren Anteil der Gewinne. EU-Subventionen haben diese Entwicklung noch befeuert.

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Bauern in der Klemme durch hohe Pachtpreise

Immer höhere Pachtpreise setzen Landwirte unter Druck. Denn viele von ihnen haben nicht genug eigenes Land. Die Bodeneigentümer beanspruchen einen immer größeren Anteil der Gewinne. EU-Subventionen haben diese Entwicklung noch befeuert.

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  • Lorenz Storch

Es gibt durchaus Großverdiener unter den Landwirten. Aber im Mittel stehen sie schlechter da als Beschäftigte anderer Branchen. In Deutschland betragen landwirtschaftliche Einkommen nur etwa 52 Prozent des Durchschnittslohns in der Wirtschaft, hat die Europäische Union errechnet. Ein Grund dafür: Aktive Landwirte müssen immer mehr für den Grund und Boden bezahlen, auf dem sie wirtschaften.

Land ist Mangelware in der Boomregion

Ein Beispiel: die Boomregion Ingolstadt. Die Großstadt wächst, Neubaugebiete sind auf dem Vormarsch, Bauland ist Mangelware. Das führe dazu, dass für die Landwirtschaft die Flächen knapp würden, berichtet der örtliche Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands, Josef Kroll. Aber die Situation sei auch in anderen Teilen des Freistaats kritisch. Investoren seien hinter landwirtschaftlichen Flächen her, weil man am Geldmarkt seit Jahren praktisch keine Zinsen mehr bekommt: "Da ist Fläche dann ein sicherer Wert, denn Fläche ist nicht vermehrbar. Und darum werden horrende Preise bezahlt und die Landwirte stehen unter Druck."

Bauern brauchen mehr Fläche für den gleichen Gewinn

Denn auch die Bauern brauchen immer mehr Land. Warum, erklärt Franz Wöhrl – er ist Gemüsebauer und auch CSU-Stadtrat in Ingolstadt: "Es wird alles teurer. Die Schlepper, die wir kaufen. Die Maschinen, auch das Saatgut: jedes Jahr teurer. Durch das kommen wir immer mehr unter Druck. Also wir haben ja immer pro Einheit eine niedrigere Spanne."

Lebensmittel werden im Verhältnis immer billiger

Denn die Preise für die landwirtschaftlichen Produkte steigen nicht in der gleichen Geschwindigkeit wie die sonstigen Kosten. Was sich an der langfristigen Entwicklung nachverfolgen lässt: Die Deutschen geben heute um die zehn Prozent ihres Haushaltsbudgets für Lebensmittel aus. 1980 waren es noch um die zwanzig Prozent. 1960 mehr als 40 Prozent.

Und so brauchen die Bauern immer mehr Fläche, um einen Vollerwerbsbetrieb aufrechtzuerhalten und das entsprechende Einkommen zu erwirtschaften, erklärt Wöhrl. Statt 50 Hektar würden es dann 60 oder 70 Hektar.

Der Großteil des Lands ist nur gepachtet

Aber: Woher die Fläche nehmen? Zu kaufen gibt es landwirtschaftlichen Grund in der Nachbarschaft oft nicht, oder er ist unerschwinglich. In den vergangenen 15 Jahren haben sich die Preise für landwirtschaftlichen Boden in Deutschland nach Zahlen des Bundeslandwirtschaftsministeriums verdreifacht. Also bleibt nur pachten. Die beiden Ingolstädter Bauern Kroll und Wöhrl bewirtschaften jeweils rund 100 Hektar, davon sind aber 80 bzw. 85 Hektar nur gepachtet.

In Unterfranken ist der Pachtanteil am höchsten

Der Pachtanteil ist in Bayern je nach Region sehr unterschiedlich, zeigen Zahlen der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL): Betriebe im Voralpenland müssen ein Viertel ihrer bewirtschafteten Fläche pachten, in Unterfranken sind es drei Viertel. Aber überall steigt die Pachtquote. Im deutschlandweiten Durchschnitt beträgt sie Stand jetzt etwa 60 Prozent. Der Großteil des Lands, das die Bauern bearbeiten, gehört ihnen nicht mehr. Und: die Pachtpreise steigen flächendeckend kräftig.

Wer arbeitet, verliert – wer besitzt, gewinnt

Die arbeitenden Landwirte sehen dadurch ihre Gewinnspannen weiter sinken. Die nicht mehr aktiven Bauern und die Kapitalinvestoren, die den Boden einfach verpachten statt selbst zu bearbeiten, nehmen dagegen immer mehr Geld ein. Da gerät etwas in Schieflage, findet der Ingolstädter Landwirt und CSU-Stadtrat Franz Wöhrl: "Meine Vorstellung wäre, dass derjenige, der eine Fläche bewirtschaftet, mehr rausbekommen kann, als der, der sie verpachtet. Ich glaube, meist ist es genau umgekehrt, und das ist nicht mehr ganz gesund."

Erben wollen Geld sehen von den Pächtern

In Bayern sind es meist nicht Großinvestoren, denen das Land gehört. Sondern der Verpächter ist eher der ehemalige Bauer von nebenan, oder seine Erbinnen und Erben. Aber gerade die Erbengeneration unter den Verpächtern, die den Bezug zur Landwirtschaft verloren hat, will häufig einfach Geld sehen, berichten die beiden Ingolstädter Bauern.

EU-Subventionen gehen an "Sofabauern"

Dazu kommt: Agrar-Subventionen aus Brüssel, die noch immer zum Großteil als Hektarprämien bezahlt werden, heizen den Pachtmarkt ebenfalls an. Viele Landbesitzer preisen das Geld aus Brüssel ein und haben die Pacht entsprechend erhöht, bedauert die SPD-Europaabgeordnete Maria Noichl: "Diese Zahlungen werden eigentlich umgelenkt in eine Art Rentenzahlungen für ehemalige Landwirte."

Dabei seien die EU-Milliarden ja eigentlich dafür gedacht, die Landwirtschaft ökologischer, sozialer und gerechter zu machen. Aber: "Ein großer Teil fließt am Schluss zu den sogenannten Sofabauern."

Es wird reformiert, aber nur langsam

Die EU-Agrarpolitik wird gerade wieder reformiert. Nach langer Diskussion hat Deutschland beschlossen, national künftig zumindest einen Teil der EU-Hektarprämien in Beihilfen für Umweltleistungen und ländliche Entwicklung umzuleiten. Zuerst zehn Prozent, ab 2026 dann 15 Prozent.

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