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Bambergs umstrittenes Ankerzentrum – ein Musterbeispiel? | BR24

© Bayerischer Rundfunk 2018

Es ist eines der neuen sogenannten Ankerzentren in Deutschland. Alle Behörden sind hier ansässig, vom Asylbundesamt BAMF bis zum Verwaltungsgericht. Das BR-Magazin Kontrovers erhielt die Erlaubnis, ohne Auflagen hinter die Kulissen zu blicken.

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Bambergs umstrittenes Ankerzentrum – ein Musterbeispiel?

Es ist eines der neuen sogenannten Ankerzentren in Deutschland. Alle Behörden sind hier ansässig, vom Asylbundesamt BAMF bis zum Verwaltungsgericht. Das BR-Magazin Kontrovers erhielt die Erlaubnis, ohne Auflagen hinter die Kulissen zu blicken.

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Es ist eine Stadt in der Stadt. Rund 1.400 Flüchtlinge aus 14 verschiedenen Ländern leben hier auf dem ehemaligen US-Militärgelände. Alle Behörden sind direkt vor Ort. Und: In nur acht Wochen soll über die Zukunft der Asylsuchenden entschieden werden. In der Theorie jedenfalls - aber klappt das auch wirklich?

Seit August Ankerzentrum

Seit drei Jahren gibt es diese Asylunterkunft. Mehrmals wurde sie umbenannt. Seit 1. August heißt sie offiziell "Anker-Einrichtung". Die Bewohner nennen es einfach "das Camp".

Der Leiter des Ankerzentrums heißt Markus Oesterlein. Er ist Mitte zwanzig und vom Konzept des Ankerzentrums überzeugt. Für die ein oder andere Anfangsschwierigkeit hat er schnelle Lösungen gefunden - und damit so manchen Kritiker überrascht: "Wir achten darauf, dass sich die Menschen in einer Wohnung verstehen. Das heißt: gleiche Sprache. Und wir versuchen, religiöse Begebenheiten zu berücksichtigen."

Traumatische Erlebnisse

Anas ist aus Syrien vor dem Krieg geflohen. Wie viele hat er eine monatelange Odyssee hinter sich. Zuerst ist er in die Türkei geflohen: "Meine Eltern wollten eigentlich nachkommen. Aber als ich weg war, wurde meine Heimatstadt umzingelt. Und dann habe ich von meiner Oma erfahren, dass die Wohnung meiner Eltern komplett bombardiert wurde."

Die meisten, die hier ankommen, haben Traumatisches erlebt. In der Heimat oder auf der Flucht. Hier sollen sie solange bleiben, bis sie ihr Asylverfahren hinter sich haben. Bei Ablehnung folgt die schnelle Abschiebung.

Kochen ist nicht erlaubt

Bis zu zwölf Personen wohnen im Ankerzentrum in einer 3-Zimmer-Wohnung. Kochen ist nicht erlaubt, aus Sicherheitsgründen. Daher gibt es einen Speisesaal. Zwei Essen stehen zur Auswahl, darunter ein vegetarisches Gericht. Es gibt hier kein Schweinefleisch, gekocht wird "halal".

Im "Cafe Willkommen" helfen viele Ehrenamtliche. Es ist ein wichtiger Zufluchtsort im Camp und wird vom Bamberger Verein "Freund statt fremd" geleitet. Zwei Stunden täglich ist es geöffnet. Ulrike Tontsch war von Anfang an mit dabei und ihre Meinung ist klar: "Ein Lager als Konzept in dieser Größe ist von vorn herein ein Entwurf, der Menschen in eine schwierige Situation bringt - sie abgesondert und depressiv oder aggressiv werden lässt."

Abschiebungen am Morgen

Im letzten Jahr wurden rund 1.000 Flüchtlinge abgeschoben. Oft in den frühen Morgenstunden. Abschiebungen verlaufen im Ankerzentrum nicht automatisch reibungsloser. Denn viele verstecken sich in anderen Wohnungen, erzählen Bewohner. Die Asylsuchenden können jederzeit aus dem Zentrum heraus, müssen sich dafür aber abmelden. Markus Oesterlein erklärt: "Warum es uns gibt, ist ja, um schnellstmöglich Klarheit zu schaffen. Wir wollen den Menschen schnellstmöglich zeigen, ihr dürft in Deutschland bleiben, ihr dürft euch eine neue Zukunft aufbauen hier, oder eben nicht."

Fast täglich hat die Polizei einen Einsatz im Ankerzentrum - rund 300 sind es im Jahr - angefangen von kleinen Rangeleien bis hin zu vereinzelten Messerstechereien. Für viele ist das eine Belastung, meint Ulrike Tontsch:

"Die Angst und natürlich das Erleben ständiger Abschiebungen, jedenfalls vieler Abschiebungen, die vor den Augen der Familien nachts ablaufen, das sind unendlich schwere Belastungen für Menschen." Ulrike Tontsch, ehrenamtliche Helferin

Unerträgliches Warten

Inzwischen ist der Syrer Anas seit fünf Wochen in Bamberg. Wie jeden Tag schaut er nach der Post. Aber auch heute nichts vom BAMF. Die Ankerzentren sollen gewährleisten, dass hier schnell entschieden wird. Das Warten wird für ihn immer unerträglicher. Er lenkt sich ab, geht jeden Tag joggen.

Immer wieder werden Bescheide des BAMF kritisiert. Zu der Kritik hätten wir gerne einen der 30 Entscheider im Ankerzentrum befragt - doch niemand war zu einem Interview bereit.

Schule und Deutschkurse

Warten auf den Bescheid – darum kreist das Leben der 1.400 Menschen im Ankerzentrum. Manche warten schon eineinhalb Jahre. Darunter Familien mit kleinen Kindern. Jürgen Schober lernt mit den Kindern vor allem Deutsch. Er will alle auf ein ähnliches Niveau bringen, denn dieses ist sehr unterschiedlich. Er sagt: "Schule ist besonders wichtig, weil die Kinder wissen ja sonst nichts mit sich anzufangen, solange sie da sind, selbst wenn der Ausgang noch ungewiss ist, ob sie bleiben dürfen oder nicht."

Inzwischen ist es Oktober. Anas hat seinen Bescheid bekommen. Nur sechs Wochen nach seiner Ankunft im Ankerzentrum. Anas ist überglücklich. Bei ihm hat die Ankereinrichtung schnell entschieden - nach Kontrovers-Recherchen ist das aber die absolute Ausnahme. Anas hat einen subsidiären Schutz für ein Jahr bekommen. Das heißt: Bleibt die Situation in seiner Heimat weiterhin kritisch, wird verlängert. Er will die Zeit nutzen, um Deutsch zu lernen und eine Arbeit zu suchen.

© BR

Es ist eines der neuen sogenannten Ankerzentren in Deutschland. Alle Behörden sind hier ansässig, vom Asylbundesamt BAMF bis zum Verwaltungsgericht. Das BR-Magazin Kontrovers erhielt die Erlaubnis, ohne Auflagen hinter die Kulissen zu blicken.

Sendung

Kontrovers

Von
  • Susanne Fiedler
  • Birgit Meißner
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