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Bamberger Forscher wollen "Daten-Messies" helfen | BR24

© picture alliance/Nicolas Armer

Ein Bamberger Forscherteam will "Desktop-Messies" helfen. Sie entwickeln ein System, das dem Menschen beim Löschen und Vergessen helfen soll.

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    Bamberger Forscher wollen "Daten-Messies" helfen

    An der Uni Bamberg wird eine Software entwickelt, die Menschen helfen soll, sich von digitalen Ballast zu befreien. Von "Dare2Del" könnte auch die Umwelt profitieren.

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    Die Ordner auf dem Rechner quellen über. Mit ungelesenen Mails, längst vergessenen Dateien und Urlaubsfotos, die sich noch keiner angeschaut hat. Aber Löschen kommt nicht in Frage. Die Nachrichten könnten doch wichtig sein und die Bilder sind eine schöne Erinnerung.

    "Das ist ähnlich wie bei einem unaufgeräumten Dachboden. Das belastet einen, aber niemand wirft was weg." Ute Schmid, Professorin Uni Bamberg

    Ute Schmid, die Professorin für Angewandte Informatik und Kognitive Systeme an der Universität Bamberg kennt das nur zu gut. Auch auf ihrem Rechner schlummern einige Datei-Leichen, gesteht die 54-Jährige. Dabei ist Vergessen und Löschen wichtig, besonders im Arbeitsalltag. "Zu viele Infos behindern uns nur", sagt Schmid. Arbeitsabläufe seien weniger effizient, das Lösen von Problemen falle schwerer. Ganz zu schweigen von der Suche nach wirklich wichtigen Informationen.

    Forscher wollen Desktop-Messies helfen

    Ein Forschungsteam rund um Ute Schmid möchte dem sogenannten "Desktop-Messie" deshalb Hilfe anbieten. Sie entwickeln ein System, das dem Menschen beim Löschen und Vergessen helfen soll: Intentionales, also gezieltes Vergessen als Gemeinschaftsaufgabe von Mensch und Künstlicher Intelligenz. "Dare2Del" heißt das Projekt, was so viel bedeuten soll wie "Wage es, zu löschen".

    Vier Prozent der Bevölkerung horten zwanghaft

    Denn für manche ist es tatsächlich ein Wagnis, Dateien zu löschen. "Digitales Horten" heißt das Störungsbild, das noch kaum erforscht ist. Etwa vier Prozent der Bevölkerung weltweit würden zwanghaft horten, sagt Psychologe Jörg Wolstein von der Universität Bamberg. Wie viele aber neben ihrer Wohnung auch den PC zumüllen, wisse niemand so genau. Denn dank Suchfunktionen und Cloud-Speicher bliebe die Krankheit lange geheim.

    Betroffenen macht das Löschen von Daten Angst

    Betroffene sammeln zwanghaft Dokumente auf ihrem Rechner, sortieren stundenlang Musiktitel und horten externe Festplatten. "Löschen macht ihnen Angst", erklärt Wolstein. Eine innere Blockade hindere sie daran.

    "Sie fürchten, sonst etwas zu vergessen oder die Kontrolle zu verlieren." Jörg Wolstein, Psychologe an der Uni Bamberg

    Die Forschung von Ute Schmid könnte helfen, dass es erst gar nicht so weit kommt. "Davon können vor allem unstrukturierte Menschen profitieren, die nicht so organisiert sind", sagt die 54-Jährige. Dabei solle nichts heimlich verschwinden, denn gerade transparentes und nachvollziehbares Löschen sei wichtig. Nur wenn Personen sich bewusst mit der Entscheidung auseinandersetzen würden, könnten Arbeitsleistung und Beanspruchung positiv beeinflusst werden.

    "Dare2Del" liefert fünf Möglichkeiten samt Begründung

    So schlägt "Dare2Del" dem Nutzer beim Schließen eines Programms fünf Dateien vor, die er löschen könnte. Wer auf eine der Dateien klickt, bekommt den zugehörigen Ordner angezeigt. Das System liefert dann auch noch eine Begründung, warum das Dokument getrost in den Papierkorb wandern kann. Weil es zum Beispiel schon eine Kopie in einem anderen Ordner gibt oder es sich um eine veraltete Version handelt. Am Ende entscheidet der Nutzer, ob er die Datei löschen möchte oder nicht. Der Nutzer kann auch die Begründung für das Löschen ändern.

    "Künstliche Intelligenz soll genauso vom Menschen lernen wie umgekehrt." Ute Schmidt, Uni Bamberg.

    Schmid spricht von einer "Mensch-Maschine-Partnerschaft". Der Mensch kann dem System also beispielsweise erklären, dass er Fotos von der verstorbenen Oma nie löschen möchte. Eine Firma könnte wiederum einstellen, dass Nutzerdaten grundsätzlich nach sechs Monaten gelöscht werden müssen. Speicherplatz koste die Industrie nämlich viel Strom und Geld, so Schmid.

    Brose spart 180.000 Euro durchs Löschen

    Unternehmen wie der Autozulieferer Brose rufen ihre Mitarbeiter deshalb dazu auf, regelmäßig Daten zu löschen. So seien immerhin schon 50 Terabyte Speicherplatz freigeworden, sagt Frank Martin, Leiter der Informationstechnologie bei Brose. Rund 180.000 Euro hat das Unternehmen nach Information des Forschungsteams auf diese Weise gespart. "Dare2Del" könnte die Lösung sein, auch für die Energiebilanz.

    "Das Löschen von Hand ist aufwendig und nicht mehr zeitgemäß." Frank Martin, Leiter Informationstechnologie, Brose.

    Acht Teams forschen nun drei Jahre lang

    Doch erstmal läuft die Forschung noch drei Jahre. So lange ist das Programm "Intentional Forgetting in Organisationen" der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) angesetzt. Acht interdisziplinäre Expertenteams forschen dabei zum Vergessen, darunter Ute Schmid mit ihrer Kollegin Cornelia Niessen vom Lehrstuhl für Psychologie im Arbeitsleben an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg.

    Denn auch Künstliche Intelligenz müsse erstmal lernen zu löschen.

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