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500 Arbeitskräfte sollen im künftigen Nürnberger ICE-Werk die Züge warten. (Symbolbild)

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Warum die Standort-Suche für ein neues ICE-Werk so schwierig ist

Die Bahn will im Raum Nürnberg ein ICE-Werk bauen. Es soll zu einem störungsfreien Fernverkehr beitragen. Doch es gibt Widerstand. Die Bahn hat die Standort-Auswahl deshalb ausgeweitet und verspricht einen Bürgerdialog. BR24 gibt einen Überblick.

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Von
  • Stanislaus Kossakowski
  • Roland Zimmermann
  • Wolfram Weltzer

Das hat sich die Deutsche Bahn (DB) anders vorgestellt. Als das Unternehmen eine Woche vor Weihnachten 2019 eine 400 Millionen Euro schwere Investition in Nürnberg ankündigt und auch darauf hinweist, dass 450 neue Arbeitsplätze entstehen sollen, da rechnet die DB mit Jubel. Den gibt es aber nur zum Teil. Der damalige Oberbürgermeister Ulrich Maly spricht sogleich von "guten Nachrichten für den Standort Nürnberg" und Ministerpräsident Markus Söder von einer "Riesenchance". Doch schon am Tag darauf erheben erboste Kritiker die Stimme.

Auf Ankündigung folgt umgehend heftiger Protest

Es sind Anwohner aus den Stadtteil Altenfurt, die sich bis heute vehement beklagen. Altenfurt liegt dicht an der ICE-Strecke von München nach Nürnberg. Ein Waldgebiet trennt den Stadtteil von den Gleisen. Die Bahn hat bei der Bekanntgabe ihres Bauvorhabens diesen Wald als möglichen Standort benannt. Ein Frevel gegen die Natur, ein Verlust an Naherholung und eine Zumutung, was die Lärmbelästigung der Anwohner betrifft, so deren Kritik. Erst am vergangenen Wochenende (20.03.2021) haben über 150 Altenfurter und weitere Gegner gemeinsam demonstriert. In Pandemiezeiten keine kleine Versammlung.

Betriebswerk soll Zugpannen vermeiden

Doch was genau will die Bahn eigentlich bauen? Der Verkehrskonzern will auf einem fünfeinhalb Kilometer langen Grundstück eine Werkstatt-Halle mit umfangreichen Außenanlagen errichten. In der rund 450 Meter langen Halle sollen auf sechs Gleisen ICE-Züge gereinigt und gewartet werden. Im Vordergrund stehen die technische Sicherheit und ein möglichst störungsfreier Fahrbetrieb. Insbesondere werden dort die verschleißanfälligen Radsatzprofile kontrolliert. Was Zugreisende allzu oft erleben – Türstörungen, defekte Toiletten, kaputte Klimaanlagen oder wegen technischer Probleme abgehängte Zugteile – das sollen ICE-Werke durch regelmäßige Wartung möglichst verhindern.

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In Altenfurt (Lkr. Nürnberg) hat es erneut eine Demonstration gegen das geplante ICE-Werk gegeben. Die Bahn prüft nun zwei weitere Standorte im benachbarten Feucht.

ICE-Züge im "Boxenstopp"

Es ist ein wenig wie bei einem Boxenstopp in der Formel 1. An mehreren Orten entlang des bundesweiten Schnellzugnetzes fahren ICEs kurz in die Werkstatt, um für die baldige Weiterfahrt klar gemacht zu werden. Bis zu 25 Züge pro Tag sollen im künftigen ICE-Werk in oder bei Nürnberg instandgesetzt werden. Bewerkstelligen sollen das 450 Beschäftigte im Rund-um-die-Uhr-Betrieb. Nach Angaben der Bahn vorwiegend nachts. Denn tagsüber sollen so viele Züge wie möglich rollen. Zu den Außenanlagen gehören auch Abstellplätze. Dort "übernachten" ICEs, wenn die Fahrt früh morgens am nahe gelegenen Hauptbahnhof wieder losgehen soll.

Zeit für Findung eines Standorts drängt - ICE-Werk soll 2028 in Betrieb gehen

In Köln zum Beispiel gibt es bereits ein solches ICE-Werk. Bis 2030 will die Deutsche Bahn (DB) ein relativ gleichmäßiges Netz von ICE-Betriebswerken aufgebaut haben. Das Werk im Raum Nürnberg soll im Jahr 2028 in Betrieb gehen. Von dort soll es den Schnellverkehr im Südosten der Republik am Laufen halten. Zwar gibt es in Nürnberg bereits seit Jahrzehnten ein Ausbesserungswerk. Doch das ist eine Werkstatt, die von aufwändigen Reparaturen, Totalsanierungen bis hin zu Umbauten mit der zeitintensiven Instandhaltung von ICE-Zügen beschäftigt ist. Nach DB-Angaben soll das Nürnberger Ausbesserungswerk unabhängig von den Betriebswerk-Plänen weiterhin bestehen bleiben.

Vom Werk-Standort zum Hauptbahnhof in höchstens 25 Minuten

In sieben Jahren also soll das geplante ICE-Werk im Raum Nürnberg die Arbeit aufnehmen. Um im Zeitplan zu bleiben, will die Bahn noch in diesem Jahr ein Raumordnungsverfahren anstrengen. Bis dahin muss die DB darlegen können, was sie an möglichen Standorten genau plant und wie sie den Bau gemäß den örtlichen Gegebenheiten im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben realisieren will. Das Werk soll höchstens 25 Minuten Fahrzeit vom Hauptbahnhof Nürnberg entfernt liegen. Entsprechend hat die Bahn ihre Standortvorschläge gemacht und diese inzwischen auf sieben erweitert.

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ICE-Betriebswerk im Raum Nürnberg

Sieben Standorte stehen zur Auswahl

Von den sieben Standorten liegen zwei in Nürnberg, zwei in der südöstlich benachbarten Marktgemeinde Feucht und je einer in Allersberg (Lkr. Roth), Fürth und Baiersdorf (Lkr. Erlangen-Höchstadt). Die Bahn hat angekündigt, mit Politik und Bürgerschaft an den jeweiligen Standorten zu sprechen. Doch bislang hat es den Betroffenen zufolge fast kein Gespräch gegeben. Etliche Kommunalpolitiker berichten BR24, sie hätten von den Bahnplänen nur aus der Zeitung erfahren. Manche haben dann von sich aus die Bahn um Unterlagen gebeten. Nun soll es im Lauf des April erste öffentliche "Zwischeninformationen" geben, heißt es von DB-Verantwortlichen. Und dann sollen ausgiebige Bürgerdialoge geführt werden.

Bahn hält sich mit öffentlichen Äußerungen zurück

Welchen Standort die Bahn favorisiert, das will sie nicht öffentlich preisgeben. In Nürnberg-Altenfurt haben Bürgerinnen und Bürger den Verdacht, dass es von Anfang an ihr Standort ist, der im Fokus steht. Mit abendlichen Lichterwachen haben besorgte Anwohner ihren Protest begonnen und Nachforschungen angestellt. Das geplante Werk zur Wartung von ICE-Zügen würde nach ihren Informationen an der engsten Stelle nur 50 bis 60 Meter von der Wohnbebauung entfernt liegen. Sie fürchten eine enorme Lärmbelästigung. Insbesondere durch die Hupen-Tests, die routinemäßig bei jedem Zug außerhalb der Halle durchgeführt werden. Aus diesen und weitere Gründen haben sie eine Online-Petition gegen das ICE-Werk gestartet.

Umweltschützer sehen Standorte kritisch

Auch der Bund Naturschutz (BN) stemmt sich gegen das Bauvorhaben. Nicht nur in Altenfurt, wo die Bahn in Bannwald, ein Orchideenbiotop und ein europäisches Vogelschutzgebiet eingreifen würde. Der BN ist auch an all jenen Orten dagegen, wo für ein ICE-Werk Wald gerodet werden müsste. Das ist an vier der vorgeschlagenen Standorten der Fall. Neben Altenfurt auch in Allersberg und auf den beiden Gebieten in Feucht. Ansonsten fordern die Umweltschützer die Bahn auf, anderswo zu suchen. Am besten dort, wo momentan Industrie- oder Bahnbrachen liegen. Das würde in der aktuellen Standort-Auswahl der Bahn nur am weitgehend aufgelösten Nürnberger Rangierbahnhof zutreffen. Doch gibt der BN zu bedenken, dass dort ein Teil der Bahnbrache gerade frisch bebaut worden ist. Was die Kritik der Naturschützer für die Bahn heikel macht: Auch der Bund Naturschutz stellt Demonstrationen auf die Beine und wenn es darauf ankommt, zieht der Verband auch vor Gericht.

Kampf um die "grüne Lunge" in Feucht

In Feucht zum Beispiel gehört die Vorsitzende der BN-Ortsgruppe Sophie Wurm zu den entschiedenen Gegnern eines ICE-Werks. Sie erklärt BR24: "Ich werde für meinen Reichswald kämpfen, bis ich sterbe." Auch in Feucht steht ein Altlastengebiet in der Diskussion. Doch gilt die aufgelassene frühere Munitionsanstalt (MUNA) als äußerst schwer sanierbar. Und sie ist mit Bannwald bewachsen. Ebenso das nächst gelegene Auswahl-Gebiet südlich davon. Wenn die Bahn dort abholzt, dann ist sie gesetzlich verpflichtet anderswo aufzuforsten. Das würde sie grundsätzlich auch tun, teilt das Unternehmen mit. Doch haben die Waldbestände bei Feucht einen wichtigen Stellenwert als grüne Lunge. Denn die Marktgemeinde ist von zwei Seiten durch Autobahnen und mehrere Autobahnkreuze eingekeilt. Entsprechend lehnen viele Gemeinderäte in Feucht ein ICE-Werk in ihrer Nähe ab – egal ob auf dem alten MUNA-Gelände, das die Bahn freilich auch erst sanieren müsste, oder auf dem Gebiet südlich davon.

In Allersberg gibt es Befürworter eines ICE-Werks

In Allersberg, das wie Feucht direkt an der ICE-Trasse von München nach Berlin und an der Autobahn A9 liegt, könnte ebenfalls ein Waldgebiet von den Bahnplänen betroffen sein. Jedenfalls, wenn die beiden neu ausgewiesenen Gewerbegebiete der Gemeinde nicht komplett vom ICE-Betriebswerk eingenommen werden. Doch danach sieht es momentan nicht aus. Denn für eines der Gewerbegebiete ist aktuell eine andere mögliche Großansiedlung heiß in der Diskussion. Der Versandriese Amazon erwägt, dort ein Warenverteilzentrum zu errichten. Ob es dazu kommt, ist noch offen. Bürgermeister Daniel Horndasch (parteilos) will sich daher vorerst nicht öffentlich zur Frage nach einem ICE-Werk äußern. Aus der Opposition im Marktgemeinderat gibt es bereits Äußerungen. Und die fallen unterschiedlich aus. Die SPD-Fraktion betrachtet das ICE-Werk als "Jahrhundert-Chance" und will es gern nach Allersberg holen. Bei CSU und Grünen stehen die Zeichen klar auf Ablehnung.

Bürgermeisterin von Baiersdorf hält Bahnvorschlag für unrealistisch

Überrascht von den Plänen der Bahn zeigt man sich in Baiersdorf, wo ebenfalls ICEs auf der Achse München-Berlin vorbei rauschen. Bürgermeisterin Eva Ehrhardt-Ohdörfer musste die Bahnunterlagen erst einmal anfordern, um dann festzustellen: Die Bahn überplant mit ihrem ICE-Werks-Entwurf nahezu ein komplettes Gewerbegebiet im Norden der 8.000-Einwohner-Stadt. Die Bürgermeisterin bezeichnet den Standortvorschlag daher als unrealistisch.

Stadtrat: "In Burgfarrnbach wäre ICE-Werk unsinnig"

Nicht sehr viel anders reagiert man im Fürther Stadtteil Burgfarrnbach. Der liegt an der nicht sonderlich ausgebauten ICE-Strecke nach Würzburg und Frankfurt. Auch hier überplane die Bahn einfach Baubestand, stellt der Fürther SPD-Fraktionschef Sepp Körbl im Gespräch mit BR24 fest. Er meint, ein ICE-Werk wäre in Burgfarrnbach "unsinnig". ICEs, die von der Berliner Strecke kämen oder dorthin müssten, müssten auf dem Gleisnetz "immer einen Haken fahren". Auch könne es zu Staus auf der Würzburger Bahnlinie kommen, wenn vermehrt ICEs zum Betriebswerk unterwegs sind. Und der Fraktionschef der in Fürth mitregierenden CSU, Max Ammon, verweist darauf, dass seine Fraktion gemeinsam mit dem Burgfarrnbacher Bürgerverein gegen den Bahnvorschlag sei.

Raumordnungsverfahren soll im Herbst starten

Geht es nach der Bahn, soll das Raumordnungsverfahren bei der zuständigen Regierung in Mittelfranken im Herbst 2021 beginnen. Ursprünglich war Mai anvisiert. Die Bezirksregierung in Ansbach prüft die vorgeschlagenen Standorte unabhängig und nach festgelegten Kriterien. Während dieser Zeit werden die Pläne in den betreffenden Kommunen öffentlich ausgelegt. Die Bürgerinnen und Bürger können dann bei der Regierungsbehörde Einwände und Änderungsvorschläge einbringen.

Als Ergebnis des Raumordnungsverfahrens könnten im Frühjahr 2022 einer oder mehrere Standorte als dafür geeignet bewertet werden. Dann kann sich die Bahn für einen Vorzugsstandort entscheiden und dafür anschließend das nötige Planfeststellungsverfahren einleiten. Bis dahin ist noch viel zu tun. Als Nächstes will die Bahn in die Gesprächsphase mit den betroffenen Städten und Gemeinden eintreten.

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