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Bahnunglück Bruckberg: Wie mit so einem Trauma umgehen? | BR24

© BR/Harald Mitterer

Ein Traueraltar wie dieser hilft, das Trauma zu verarbeiten

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    Bahnunglück Bruckberg: Wie mit so einem Trauma umgehen?

    Bei einem Bahnunglück im niederbayerischen Bruckberg sind zwei Brüder tragisch ums Leben gekommen. An der Unglücksstelle am Bahnhof legten Mitschüler Blumen und Kerzen ab. Warum dies bei der Trauerbewältigung helfen kann, erklärt ein Psychiater.

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    Zwei Brüder sind in Bruckberg (Lkr. Landshut) bei dem Versuch, einen geschlossenen Bahnübergang zu überqueren, von einem herannahenden Zug erfasst und dabei tödlich verletzt worden. Nach diesem tragischen Zugunglück ist die Trauer vor allem bei Freunden und Klassenkameraden groß.

    Viele Klassenkameraden legten Blumen, Kerzen und Fotos an der Unglücksstelle ab und trauern gemeinsam. Es wurde eine Art kleiner Altar mit Fotos der beiden verunglückten 13 und 17 Jahre alten Schüler aufgebaut. Auf den Blumen liegt ein Schal des Fußballclubs Bruckberg, für den die beiden Verunglückten in den Nachwuchsteams spielten.

    Nach einem Unglück: Erlebtes gemeinsam verarbeiten

    Prof. Dr. Wolfgang Schreiber, Chefarzt der Psychiatrischen Klinik Mainkofen im Landkreis Deggendorf, sagt im Interview mit dem BR, dies sei ein guter Umgang mit so einem traumatischen Erlebnis. Man brauche eine gewisse Hilfe, und sei es auch nur, dass man sich einer Gruppe zuwendet und so ein Erlebnis miteinander teilt.

    Dazu seien auch die Kriseninterventionsteams da, da sie nicht nur akut vor Ort helfen, sondern auch im Nachgang - ein, zwei Tage später - noch mal den Kontakt suchen und in dieser Zeit überlegen, was jeder tun kann, um das traumatische Erlebnis zu verarbeiten. "Ich würde dann schon versuchen, relativ konkret zu werden, ein Mensch wird zerrissen, die Leichenteile liegen herum, und das brennt sich in die Erinnerungen ein."

    Dass man das thematisiert oder zumindest den Raum schafft, dass so etwas thematisiert werden kann, findet Schreiber nicht falsch. Dann müsse man aber auch so vorgehen, dass man sagt: "Und was können wir jetzt tun?! Es ist etwas Schreckliches passiert, aber was kann dir jetzt persönlich helfen?" Und dann mit den Angehörigen besprechen, was sie konkret tun könnten.

    Kein Patentrezept zur Trauerbewältigung

    Es gebe kein Patentrezept mit Trauer umzugehen und traumatische Erlebnisse zu verarbeiten, etwa mit Arbeit zu verdrängen oder sich direkt damit zu konfrontieren. Es müsse in Einzelgesprächen erarbeitet werden, wie jeder Einzelne seinem Charakter, seiner Persönlichkeit, aber auch seinem akuten Erlebnis folgend, darauf reagieren will, sagt Schreiber.

    Was der Arzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik nicht für hilfreich hält, ist, wenn das Ereignis immer wieder nur als solches thematisiert wird. Man müsse sich im Gegenteil fragen: "Was kann ich jetzt tun?" Betroffene sollten also Ressourcen-orientiert vorgehen, pro-aktiv, und eine Art Zukunftsplanung machen.

    "Pro-aktiver" Umgang mit dem Trauma

    Ganz konkret würde Schreiber als Mitglied eines Kriseninterventionsteams nicht das Ereignis wieder und wieder besprechen, denn dadurch würde es sich erst richtig ins Gedächtnis einbrennen, sagt er. Vielmehr würde er zum Beispiel mit Schülern besprechen, was sie denn jetzt tun könnten für ihre so plötzlich und so tragisch verstorbenen Schulkameraden: Zum Beispiel eine Trauerfeier in der Schule gestalten.

    Die Schüler sollten sich überlegen, an welche Lehrer sie sich dafür wenden könnten und mit wem sie das absprechen wollen. Bestattungsrituale seien mehr für die Angehörigen da, so Wolfgang Schreiber: "Dass die eine Form finden, mit dem Verlust zurecht zu kommen."

    © Psychiatrische Klinik Mainkofen

    Chefarzt Prof. Dr. Wolfgang Schreiber

    Trauma ist wie eine "Vergewaltigung des Eindrucks"

    Niemand suche sich das aus, wenn man so etwas Schlimmes erlebt, dies sei fast schon eine "Vergewaltigung des Eindrucks", den man da habe, sagt Schreiber. Das sei ja kein Horrorfilm, den man im Fernsehen einschalte und verfolge, sondern etwas, was einem plötzlich und unerwartet widerfahre: "Entsprechend von der jeweiligen Befindlichkeit, der Charakterstruktur, auch von der Umgebung, die ich um mich herum habe - da waren ja sicher auch viele Mitschüler am Bahnsteig - ist es da jeweils abhängig, wie ich dann reagiere."

    Jede Reaktionsform hat ihre Berechtigung

    Ganz grundsätzlich könne man sagen, egal welche Verhaltensform auf den Eindruck eines solchen Unfalls folgt: Jede Reaktionsform des Einzelnen habe ihre Berechtigung. Man solle dies nicht in Frage stellen und keine Ermahnung oder Kritik äußern, sondern signalisieren, dass es erstmal o.k. sei, dass jeder von uns so reagiert, wie er reagiert.

    Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung verhindern

    Wenn solche Traumata nicht überwunden werden können, bestehe auf lange Sicht die Gefahr der Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung. Zunächst sei die Trauer aber eine nachvollziehbare posttraumatische Belastungssreaktion auf die akute Situation. Man dürfe auch von niemandem erwarten, dass er sich ganz schrecklich fühlen muss, wenn er sage, er fühle aber nichts. Die Kriseninterventionsteams könnten dann aber anbieten, dass man sich in zwei, drei Tagen nochmal zusammensetzt, so Schreiber.

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