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Bahnfahren: Odyssee für Menschen mit Behinderung | BR24

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Zugfahren trotz Behinderung? Dafür gibt es den Mobilitätsservice der Deutschen Bahn. Leider nicht überall, nicht jederzeit und manchmal scheitert es auch an der Hilfsbereitschaft.

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Bahnfahren: Odyssee für Menschen mit Behinderung

Zugfahren trotz Behinderung? Dafür gibt es den Mobilitätsservice der Deutschen Bahn. Leider nicht überall, nicht jederzeit und manchmal scheitert es auch an der Hilfsbereitschaft.

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Ludwig Zier aus Wunsiedel ist blind. Im Frühjahr wollte er seine Lebensgefährtin in der Reha in Hof besuchen. An der kleinen Station Wunsiedel-Holenbrunn aber gibt es kein Personal und somit auch keine Hilfe beim Zustieg. Eigeninitiative ist gefragt.

"Wenn ich den Zug nutzen will, muss mich jemand hinbringen und beim Einsteigen dabei sein und sagen: Jetzt kommen Stufen." Ludwig Zier, ist als Blinder auf Hilfe angewiesen

Zugbegleiter verweigert Blinden Hilfe

Auf dem Rückweg am Bahnhof Hof begleitete ein Taxifahrer den blinden Mann noch bis zum Gleis, wo er eine Zugbegleiterin bat, ihm beim Einstieg in den Zug zu helfen.

"Das hat sie abgelehnt. Wenn ich stürzen würde, wäre sie mit einem Bein im Gefängnis." Ludwig Zier

Der Taxifahrer wartete dann bis zur Einfahrt des Zuges und half Ludwig Zier in den Wagen. Der blinde Mann kam zwar unbeschadet zu Hause an. Aber er hat den Bayerischen Rundfunk über das unerfreuliche Erlebnis informiert und an den Landtagsabgeordneten seines Stimmkreises, Martin Schöffel von der CSU, geschrieben. Der wiederum wandte sich an die Bayerische Eisenbahngesellschaft und wollte wissen: Muss der Bahnmitarbeiter helfen oder nicht?

Zugpersonal muss helfen

Ergebnis: Ein Bahnmitarbeiter steht nicht mit einem Bein im Gefängnis, wenn er im Dienst einem mobilitätseingeschränkten Reisenden hilft. Ganz im Gegenteil, er ist sogar dazu verpflichtet, stellt die Bayerische Eisenbahngesellschaft klar.

„Das Zugpersonal unterstützt mobilitätseingeschränkte Reisende beim Ein- und Ausstieg und bedient die im Zug mitgeführten Einstiegshilfen.“ Bayerische Eisenbahngesellschaft.

Auch die private Agilis-Bahn, die den Abschnitt zwischen Hof und Wunsiedel bedient, entschuldigte sich bei Ludwig Zier.

"Natürlich ist jeder Mitarbeiter, der im Umgang mit Reisenden Schaden anrichtet, versichert. Wir haben unsere Mitarbeiter noch einmal darauf hingewiesen, ich denke, das sollte sich in Zukunft erledigt haben." Axel Hennighausen, Agilis-Geschäftsführer

Rollstuhlfahrer am Gleis: "Da bekommt man Angst"

Trotzdem, der Vorfall hat Ludwig Zier schwer verunsichert. Er vermeidet es seither, allein Bahn zu fahren. Holger Kiesel, Behindertenbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung und selbst Rollstuhlfahrer, kann das verstehen. Auch er stand schon ohne Hilfe am Gleis und sagt: "Da bekommt man Angst." Und das sei das Gegenteil von dem, was man erreichen wolle.

"Weil wir Menschen mit Behinderung ja ermutigen wollen zu reisen und solche Vorfälle bewirken, dass jemand daheim bleibt." Holger Kiesel, Behindertenbeauftragter der Staatsregierung

Die UN-Behindertenkonvention, die vor zehn Jahren in Kraft getreten ist, fordert die vollständige Teilhabe aller Menschen in allen Bereichen der Gesellschaft. Ein wichtiger Punkt für Menschen mit Einschränkungen ist die Mobilität.

Mobilitätsservice der Bahn ist gefragt

Bei der Deutschen Bahn organisiert die Mobilitätsservice-Zentrale "alles Notwendige, wenn Sie Hilfe beim Ein-, Um- oder Aussteigen benötigen - zum Beispiel einen Hublift für den Rollstuhl".

Etwa 850.000 mal wurde der Mobilitätsservice im vergangenen Jahr in Anspruch genommen. Nach eigenen Angaben kann die Deutsche Bahn 90 Prozent aller Anfragen abdecken.

Nicht alle Bahnstationen sind barrierefrei

In Bayern sind demnach 75 Prozent der Fahrgäste barrierefrei unterwegs. Allerdings eher in Ballungszentren. Tatsächlich ist nämlich nicht einmal die Hälfte aller Bahnstationen im Freistaat barrierefrei ausgebaut.

Rollstuhlfahrer Norman Burkhardt weiß das aus eigener Erfahrung.

"Was sich grundsätzlich sagen lässt, umso kleiner der Ort, umso schwieriger ist es mit der Barrierefreiheit." Norman Burkhardt, Rollstuhlfahrer

Service nicht immer und überall verfügbar

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Voranmeldung beim Mobilitätsservice. Es müsse auch möglich sein, kurzfristig zu reisen – gerade für Berufstätige. Und nicht nur zu bestimmten Zeiten, bemängelt der VdK.

In Erlangen gibt es den Service beispielsweise nur von 7 bis 19 Uhr. In Ingolstadt am Sonntag nicht. Außerdem sei die Zahl der Plätze für Rollstuhlfahrer im ICE zu gering.

Für kleine Stationen wie die von Ludwig Zier in Wunsiedel brauche man jetzt schnelle Lösungen und dürfe nicht auf den barrierefreien Ausbau warten, fordert unter anderen Axel Hennighausen vom privaten Bahnbetreiber Agilis.

"Ich würde mir wünschen, dass man neben den großen Antworten auch kleine Lösungen findet für kleine Stationen, um die Menschen auf dem Land weiter mobil zu halten." Axel Hennighausen, Agilis-Geschäftsführer

Ein Vorschlag der Initiative pro Bahn: Für Menschen wie Ludwig Zier müsse man über kostenfreie Taxis zu einem barrierefreien Bahnhof nachdenken.

Helfende Fahrgäste und die Frage der Haftung

Um Lösungen zu finden, seien nicht nur die Bahnunternehmen gefragt, sondern die ganze Gesellschaft und vor allem die Politik. Zwar sei die Hilfsbereitschaft der mitreisenden Fahrgäste groß, berichten Rollstuhlfahrer. Doch die Politik hat es bisher versäumt zu klären, wer die Haftung trägt, wenn beim Helfen etwas passiert. Anders als die Zugbegleiter sind helfende Fahrgäste nämlich nicht über den Bahnbetreiber versichert, sondern nur über ihre private Haftpflicht.

Helfen sei zwar sicher immer gut, sagt Holger Kiesel, Behindertenbeauftragter der bayerischen Staatsregierung und selbst Rollstuhlfahrer, aber: "Grundsätzlich ist es die Aufgabe der Profis in so einer Situation zu helfen".