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Badewannenmord: Manfred Genditzki zu Unrecht verurteilt? | BR24

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Es gibt Zweifel daran, dass Hausmeister Manfred Genditzki tatsächlich eine ältere Dame in Rottach-Egern ermordet haben soll. Womöglich war es doch ein Unfall. Die Verteidigerin will in einem Wiederaufnahmeverfahren Genditzkis Unschuld beweisen.

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Badewannenmord: Manfred Genditzki zu Unrecht verurteilt?

Es gibt Zweifel daran, dass Hausmeister Manfred Genditzki tatsächlich eine ältere Dame in Rottach-Egern ermordet haben soll. Womöglich war es doch ein Unfall. Die Verteidigerin will in einem Wiederaufnahmeverfahren Genditzkis Unschuld beweisen.

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Von
  • Christian Stücken

Am Abend des 28.10.2008 wird die 87-jährige Lieselotte Kortüm tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Sie ist in ihrer Badewanne ertrunken, stellt der Gerichtsmediziner fest. Alles sieht nach einem tragischen Unfall aus. Doch am Ende wird der Hausmeister Manfred Genditzki wegen Mordes an der älteren Dame verurteilt. Rechtsanwältin Regina Rick ist bis heute der festen Überzeugung, dass es ein Unfall war und Manfred Genditzki unschuldig ist. Sie hat deshalb einen Wiederaufnahmeantrag gestellt, um den Fall neu aufzurollen.

Rekonstruktion des Sachverhalts

Manfred Genditzki war Hausmeister in der Wohnanlage, in der Lieselotte Körtum wohnte. Es war bekannt, dass er sich um die ältere Dame kümmerte und Erledigungen für sie machte. So holte er sie am 28.10.2008 gegen Mittag aus dem Krankenhaus ab. Sie telefonierte um 14.57 Uhr mit einem Bekannten. Um 15.09 Uhr verließ Manfred Genditzki das Haus und rief aus dem Auto den Pflegedienst von Frau Kortüm an.

Staatsanwaltschaft glaubt nicht an Unfall

Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass Manfred Genditzki genau in diesen zwölf Minuten zwischen den beiden Anrufen die ältere Dame ermordet hat, indem er sie niedergeschlagen hat. Denn der Gerichtsmediziner stellt bei der Toten zwei Blutergüsse am Kopf fest, die er durch einen Sturz in die Badewanne nicht erklären kann. Auch die Position der Leiche passt seiner Meinung nach nicht mit einem Sturz zusammen. Hans Holzhaider hat den Fall als Gerichtsreporter der Süddeutschen Zeitung jahrelang begleitet. Für ihn ist es ein Justizirrtum. Er hält es für schwer vorstellbar, diesen Mord in nur zwölf Minuten zu begehen und es wie einen Unfall aussehen zu lassen.

"Er müsste sie in die Wanne gelegt und das Wasser aufgedreht haben. Er müsste sie so lange unter Wasser gedrückt haben, bis sie wirklich tot ist. Dann müsste er noch alles ein bisschen präpariert haben, das Haus verlassen haben, ins Auto gestiegen sein, zum Telefon gegriffen und den Pflegedienst angerufen haben - und das alles innerhalb von zwölf Minuten." Hans Holzhaider, ehem. Gerichtsreporter der Süddeutschen Zeitung

Staatsanwaltschaft ändert Meinung über Mordmotiv

Die Staatsanwaltschaft geht von Mord aus. Manfred Genditzki soll aus Habgier die ältere Dame ermordet haben. Denn um ihren Todeszeitpunkt herum hat er Schulden in Höhe von 8.000 Euro zurückgezahlt. Diese Summe soll er bei Lieselotte Kortüm unterschlagen haben. Doch während des Strafprozesses stellt sich heraus, dass das Geld woanders herstammt. Im Plädoyer schwenkt der Staatsanwalt auf ein anderes Motiv um. Genditzki soll während einer Auseinandersetzung mit der älteren Dame in Zorn geraten sein, sie dann erschlagen und in der Badewanne ertränkt haben.

"Das war so an den Haaren herbeigezogen. Da gab es nicht den Funken eines Anhaltspunktes dafür, dass es so etwas überhaupt stattgefunden hätte." Hans Holzhaider, ehem. Gerichtsreporter der Süddeutschen Zeitung

Urteil: lebenslange Haftstrafe

Das Landgericht München I verurteilt Manfred Genditzki wegen Mordes. Der Bundesgerichtshof weist das Urteil wegen eines Verfahrensfehlers zurück. Der Fall muss noch einmal verhandelt werden, viele rechnen jetzt mit einem Freispruch. Doch im zweiten Urteil heißt es: lebenslange Haft wegen Mord.

Neue Hinweise für Unschuld

Jahrelang hat Rechtsanwältin Regina Rick daran gearbeitet, die Unschuld ihres Mandanten Manfred Genditzki zu beweisen. Jetzt liegt ihr das Gutachten eines renommierten Instituts vor, das die Auffindesituation von Lieselotte Kortüm, ihre Kopfverletzungen und alle wesentlichen Todesumstände berechnet hat. Die Computersimulation zeigt, dass die Verletzungen durch einen Sturz in die Badewanne entstanden sein können.

"Tatsächlich zeigt diese Computersimulation, wenn Frau Kortüm vor der Badewanne steht, dass sie sich zweimal den Kopf an den Stellen anschlagen kann, an denen sie auch die Kopfschwartenhämatome hat." Regina Rick, Rechtsanwältin

Sturz in die Badewanne denkbar

Damals hatte eine Zeugin ausgesagt, dass Lieselotte Kortüm nie gebadet habe. Weshalb hätte sie also Wasser in die Badewanne einlassen sollen? Nun habe sich aber eine weitere Zeugin gemeldet und berichtet, dass Lieselotte Kortüm oft ihre Wäsche in der Badewanne vorgewaschen habe. Auch an ihrem Todestag könnte das so gewesen sein. Denn sie kam aus dem Krankenhaus mit einem Beutel verkoteter Unterwäsche. Sie hatte starken Durchfall. Dass die ältere Dame ihre Wäsche in der Badewanne einweichen, bevor sie sie später Manfred Genditzki zum Waschen geben wollte, hält die Rechtsanwältin Regina Rick für äußerst plausibel.

"Tatsächlich hat sich eine neue Zeugin gefunden, die ausgesagt hat, dass die alte Dame schon früher immer Wäsche in der Badewanne eingeweicht hat. Die hat einen regelrechten Spleen gehabt, die Wäsche vorzuwaschen." Regina Rick, Rechtsanwältin

Der Gerichtsmediziner Carsten Babian hat die Krankenakten von Lieselotte Kortüm untersucht und festgestellt, dass sie immer wieder Schwächeanfälle hatte. Mehrfache Stürze infolge von Bewusstlosigkeit sind aktenkundig. Ein Sturz in die Badewanne scheint also nicht unwahrscheinlich.

Antrag auf Wiederaufnahmeverfahren

Vieles deutet also darauf hin, dass Manfred Genditzki unschuldig ist. Ein weiterer Punkt: der Todeszeitpunkt. Gutachter gehen davon aus, dass Lieselotte Kortüm nach 15.45 Uhr gestorben ist. Für diese Zeit hat Genditzki ein Alibi.

Als man Lieselotte Kortüm fand, hatte sie bereits ihre Schlafanzughose an, die Rollläden waren heruntergelassen. Aufschluss über den Todeszeitpunkt könnte die Armbanduhr geben, die sie trug, als man sie in der Badewanne fand. Doch die ist in den Asservaten nicht mehr auffindbar.

"Es gibt auch einen Aktenvermerk darüber, dass ihr diese Uhr abgenommen wird und neben das Waschbecken gelegt wird. Aber diese Uhr ist verschwunden, die hat man nicht mehr bei den Asservaten gefunden." Regina Rick, Rechtsanwältin

Der Wiederaufnahmeantrag liegt beim Landgericht München II. Es muss jetzt darüber entscheiden, ob der Fall noch einmal vor Gericht kommt.