Schwangersein sollte eigentlich mit Vorfreude verbunden sein. Aber die kann Frauen in Bayern vermiest werden. Denn kaum schwanger, müssen sie sich schon um eine Hebamme kümmern. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sie und ihr Baby rund um die Geburt unbetreut bleiben.
Der Hebammenmangel im Freistaat ist Dauerzustand. Die Staatsregierung versucht, mit Geld und Förderprogrammen gegenzulenken. Viel gebracht hat es bisher nicht.
Kaum schwanger: Hebamme verzweifelt gesucht
Christine Ruck war in der fünften Woche schwanger, als sie anfing, eine Hebamme zu suchen. Anfangs war die Münchnerin noch euphorisch, aber bald kam die Ernüchterung. Frust und Verzweiflung machten sich breit. Mehr als 20 Hebammen hat sie angerufen. Es hagelte Absagen.
"Dann bin ich tatsächlich sehr unruhig geworden und war gestresst. Das hat mir nicht gut getan. Das war ein ganz schlimmes Gefühl, kaum auszuhalten", erzählt die 35-Jährige. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, ihre Schwangerschaft ohne eine Hebamme durchzumachen.
"Entbundene nach der Klinik nicht zu versorgen, ist grob fahrlässig"
Nur über private Kontakte hat die junge Frau schließlich eine Hebamme gefunden: Tine Lemmer. Die 44-Jährige war eigentlich schon voll mit Patientinnen, aber sie konnte nicht Nein sagen – wie sie es oft muss. Sie kennt die Ängste und Sorgen der Schwangeren.
Und Lemmer fühlt sich verantwortlich für die Frauen. Egal, ob normale Geburt oder Kaiserschnitt: Die frisch Entbundenen werden schon nach drei bis vier Tagen aus der Klinik entlassen und müssen zu Hause alleine klarkommen. "Das wäre grob fahrlässig, sie dann nicht medizinisch zu überwachen", sagt die erfahrene Hebamme. "Bis die wirklich sehen, dass sie Hilfe brauchen, kann zu viel Zeit vergehen und dann gibt es einfach irreparable Schäden."
Hebammen am Limit: 14 Monate Non-Stop, sieben Tage die Woche
Tine Lemmer ist seit 24 Jahren Hebamme. Sie liebt ihren Job, aber sie fühlt sich wie im Hamsterrad. Zuletzt hat die Münchnerin 14 Monate durchgearbeitet, sieben Tage die Woche, dann hat sich sie eine Auszeit genommen. Sie konnte nicht mehr. Corona habe alles noch schlimmer gemacht, sagt sie. Kolleginnen erkrankten und fielen aus, Corona-positiv getestete Schwangere durften nicht besucht werden, stattdessen mussten sie über Videocall betreut werden. Dazu kommt das ständige Masketragen bei Entbindungen und Hausbesuchen. Und das in einer Zeit, in der es immer mehr Geburten in Bayern gibt. Tine Lemmer ist müde, frustriert und wütend. Sie will, dass die Hebammen endlich gehört werden.
Hohe Arbeitsbelastung: Viele Hebammen gehen auf Teilzeit
Die Zahl der Geburten in Bayern ist in den vergangenen zehn Jahren laut Landesamt für Statistik um 22 Prozent gestiegen. Waren es 2010 noch gut 105.000, sind im vergangenen Jahr knapp 128.000 Babys geboren worden. Aber immer mehr Hebammen arbeiten nur noch in Teilzeit oder hören ganz auf wegen der enormen Arbeitsbelastung, so der bayerische Hebammenverband. Fällt eine Hebamme weg, können im Jahr 100 Frauen im Wochenbett nicht versorgt werden, rechnet der Verband vor.
Schlechte Bezahlung: 38 Euro für einen Hausbesuch
Die Probleme des Hebammenjobs: keine geregelten Arbeitszeiten, schlechte Bezahlung, die Frage der Versicherung, viel Verantwortung und keine Anerkennung. So bekommt eine Hebamme 38 Euro für einen Hausbesuch plus Kilometer-Geld.
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Der Freistaat versucht zu helfen und hat schon vor zwei Jahren das Aktionsprogramm für die Sicherstellung der Hebammenversorgung in Bayern gestartet. Aber eine große Wende ist noch nicht zu verzeichnen.
Doch Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) will die Hebammenversorgung in Bayern verbessern. Dazu wurden einige Förderprogramme auf den Weg gebracht: ein Hebammenbonus von 1.000 Euro für freiberuflich tätige Hebammen, eine Niederlassungsprämie von 5.000 Euro, die Akademisierung der Hebammenausbildung sowie Koordinierungsstellen in den einzelnen Kommunen, die bei der Hebammensuche helfen sollen. "Das Thema kann die Politik nicht alleine machen. Dazu gehören viele Rahmenbedingungen. Wir sind auf dem Weg, aber wir sind noch nicht am Ende", sagt Holetschek.
Kommt die Impfpflicht, steigen noch mehr Hebammen aus
Durch Corona hat sich die Arbeitsbelastung für Hebammen verschärft, der Versorgungsnotstand ist größer geworden. Käme eine Impfpflicht, befürchtet der bayerische Hebammenverband, würden noch mehr Hebammen das Handtuch werfen. "Die Reaktionen der Hebammen sind ängstlich, panisch, besorgt oder frustriert. Es gibt sicherlich Hebammen, die dann aus dem Beruf aussteigen", sagt Mechthild Hofner, seit 35 Jahren Hebamme und Vorsitzende des bayerischen Hebammenverbandes. "Dabei brauchen wir jede einzelne Hebamme. Das würde das Fass zum Überlaufen bringen."
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Auch Hebamme Tine Lemmer überlegt, dann aufzuhören. Dann wären 50 Schwangere auf einen Schlag unbetreut. Die frisch gebackene Mutter Christine Ruck, die noch von ihr betreut wird, ist unendlich dankbar, ihre Hebamme zu haben. Weil die junge Mutter genau weiß, wie schwierig es ist, in Bayern eine Hebamme zu finden. "Es ist ein Unding. Die Frauen sollen Kinder bekommen, Renten sichern … und werden dann aber in der Schwangerschaft und nach der Geburt alleine gelassen. Da stimmt was nicht. Und zwar ganz gewaltig", schimpft Christine Ruck.
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