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Baby in Gemünden erstickt: Urteil wird heute erwartet | BR24

© BR/ Carolin Hasenauer

Der ursprüngliche Mordvorwurf ist vom Tisch. Jetzt stehen Totschlag oder Körperverletzung mit Todesfolge im Raum. Denn der Angeklagte aus Gemünden im Landkreis Main-Spessart hat den Säugling wohl nicht absichtlich getötet.

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Baby in Gemünden erstickt: Urteil wird heute erwartet

Der ursprüngliche Mordvorwurf ist vom Tisch. Jetzt stehen Totschlag oder Körperverletzung mit Todesfolge im Raum. Denn der Angeklagte aus Gemünden im Landkreis Main-Spessart hat den Säugling wohl nicht absichtlich getötet.

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Von
  • Carolin Hasenauer

"Ich und jeder, der Kinder hat, könnte innerlich schreien, wenn er die ganze Geschichte hört", begann Verteidiger Hans-Jochen Schrepfer sein Plädoyer am Freitag. Und auch Oberstaatsanwalt Boris Raufeisen versuchte die richtigen Worte zu finden für das, was der acht Monate alte Säugling im Dezember 2019 erlitten haben muss, bevor der Angeklagte ihn dann erstickt haben soll. Zwischen sieben und zwölf Jahren Freiheitsstrafe bewegen sich die Forderungen der Verteidigung und der Staatsanwaltschaft in dem Prozess am Würzburger Landgericht. Heute Nachmittag wird das Urteil erwartet.

Direkten Vorsatz schließen beide Seiten aus

Vom Mordvorwurf, der in der Anklage so noch formuliert war, sind die Verfahrensbeteiligten mangels ausreichender stichhaltiger Beweise abgerückt. Ob der angeklagte 24-Jährige aus Gemünden (Lkr. Main-Spessart) den acht Monate alten Sohn seiner damaligen Freundin vorsätzlich getötet hat, bleibt daher ungeklärt. Laut rechtsmedizinischem Gutachten muss der Angeklagte am 20. Dezember 2019 minutenlang Mund und Nase des Säuglings zugehalten haben, bis dieser erstickt ist. In ihren Plädoyers haben sich Verteidigung und Staatsanwaltschaft dennoch vom Mordvorwurf distanziert.

Angeklagter soll Tod "billigend in Kauf genommen" haben

Dass der Angeklagte jedoch den Tod des Kindes billigend in Kauf genommen hat, davon gehen beide Seiten aus. Oberstaatsanwalt Boris Raufeisen hielt dem 24-Jährigen zugute, dass er nicht vorbestraft sei und sich die Einlassung größtenteils mit den Ergebnissen der Beweisaufnahme decke. "Wie der rechtsmedizinische Sachverständige schon sagte: Es war auch meiner Meinung nach eine aus dem Ruder gelaufene Kindesmisshandlung", so Raufeisen. Nur kurz bevor das Kind starb, hatte es innere Blutungen erlitten durch einen Tritt, einen Faustschlag oder ein festes Zusammendrücken des Bauchraums. "Das Kind hätte schon viel eher sterben können, so wie mit ihm umgegangen wurde", sagte Raufeisen und plädierte auf zwölf Jahre Freiheitsstrafe wegen Totschlags.

Vieles bleibt im Dunkeln, trotz zahlreicher Zeugen

Verteidiger Hans-Jochen Schrepfer warf in seinem Schlussvortrag noch einmal die Frage auf, ob nicht vielleicht die Mutter auch zu den schweren Verletzungen im Bauchraum beigetragen habe - "auszuschließen ist das nach der ausführlichen Beweisaufnahme meiner Meinung nach nicht." Dass jedoch sein Mandant den Tod des Kindes zu verantworten habe, durch aktives Einwirken, daran zweifelt er nicht.

Angeklagter stand laut Verteidiger unter Schock

Ausführlich argumentierte Schrepfer also, dass der 24-Jährige zumindest nicht vorsätzlich gehandelt habe, er das Kind nicht absichtlich habe töten wollen. Dafür spreche, dass der Angeklagte unmittelbar, nachdem er und die Kindsmutter den Jungen tot gefunden hatten, den Notruf abgesetzt hatte. Die Aufzeichnung wurde im Verlauf des Verfahrens auch angehört. Verzweifelt, aufgelöst habe er geklungen, das könne sein Mandant nicht schauspielern. Denn gleichzeitig sei er emotionslos, empathielos, wie die psychiatrische Sachverständige attestiert hatte. Die Verzweiflung und der Schock am 20. Dezember 2019 müssten echt gewesen sein. Der Verteidiger forderte in seinem Plädoyer eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren wegen Körperverletzung mit Todesfolge.

Zur Tat im Dezember 2019

Wochen- und monatelang soll der acht Monate alte Säugling von seiner Mutter und dessen Lebensgefährten schwer misshandelt worden sein – Anklagepunkte, die nicht bewiesen werden konnten. Lediglich ältere Verletzungen wie ein Schädelbasisbruch und Rippenbrüche weisen darauf hin. Die beiden hätten mehrmals täglich Drogen konsumiert, hauptsächlich Cannabis und Amphetamine – eine "Kifferbude" wie einer der Dutzend Zeugen im Verfahren aussagte.

Das Jugendamt, das mehr als 20 Mal zu Besuch war, hatte davon nichts mitbekommen. Die junge Familie hätte immer "heile Welt" gespielt, wenn ein Besuch angekündigt war, hätte vorher gelüftet. Am 20. Dezember 2019 sollen die Misshandlungen und gewaltsamen Übergriffe auf den "schutz- und wehrlosen Jungen", wie Oberstaatsanwalt Boris Raufeisen heute nochmal resümierte, dann aus dem Ruder gelaufen sein. Seitdem sitzt der Angeklagte in Untersuchungshaft.

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