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Weit mehr als 1.000 Frauen und ihre Kinder haben 2020 Schutz in Bayerns Frauenhäusern gesucht. Doch der Aufenthalt dort ist zeitlich begrenzt. Das Modellprojekt „Second Stage“ des Sozialministeriums begleitet Frauen auf dem Weg ins neue Leben.

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Ausweg Frauenhaus - und dann? Zurück zum gewalttätigen Partner?

Weit mehr als 1.000 Frauen und ihre Kinder haben 2020 Schutz in Bayerns Frauenhäusern gesucht. Doch der Aufenthalt dort ist zeitlich begrenzt. Das Modellprojekt „Second Stage“ des Sozialministeriums begleitet Frauen auf dem Weg ins neue Leben.

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Von
  • Ursula Trischler

Frauen, die sich vor der Gewalt ihres Partners ins Frauenhaus retten, können dort nur ein halbes Jahr bleiben. Dann brauchen andere Frauen den Platz. Statistiken zeigen, dass jede fünfte Frau zu ihrem gewalttätigen Partner zurückkehrt – weil sie schlicht keine neue Wohnung findet. Genau da setzt nun das Projekt "Second Stage" vom Sozialministerium an. Es begleitet Frauen im ersten Jahr nach dem Frauenhaus - beim Weg ins neue Leben.

Schläge und Selbstmorddrohungen

Eine junge Mutter spielt mit ihrer Tochter in der neuen Wohnung. Friedlich. Für beide nicht selbstverständlich. Denn: Daniela (Name von der Redaktion geändert) musste mit ihrer wenigen Monate alten Tochter fliehen – vor dem eigenen, gewalttätigen Mann. Er verprügelte und vergewaltigte sie – teils vor den Augen ihrer Tochter. Irgendwann floh die 25-Jährige mit ihrem Kind und landete im Frauenhaus des Sozialdienstes katholischer Frauen im Landkreis München. Und sie hatte Glück: von dort aus ging es nicht zurück zum gewalttätigen Mann. Sondern in die eigene Wohnung.

Second Stage: Der begleitete Weg ins neue Leben

Möglich macht das das „Second Stage“ Projekt des Sozialministeriums, an dem sich auch das Frauenhaus des Sozialdienstes katholischer Frauen beteiligt. Die Pädagoginnen halfen Daniela eine Wohnung zu finden. Vor wenigen Tagen erst zogen sie und ihre Tochter ein. "Die Freude ist zu groß.", sagt sie lächelnd. Jeder Moment im neuen Zuhause sei besonders: gemeinsam am Tisch zu essen. Am Boden zu spielen. Zum ersten Mal seit Jahren fühle sie sich in Sicherheit und habe ein echtes Zuhause.

Eine Wohnung zu finden ist das Schwierigste und Wichtigste

Cornelia Trejtnar leitet das Frauenhaus des Sozialdienstes katholischer Frauen im Landkreis München– und ist damit auch verantwortlich für die Hauseigene Umsetzung des Second Stage Projekts. Den Schwerpunkt legte sie von Anfang an auf passenden Wohnraum. Den zu finden sei im Großraum München eine echte Herausforderung und wenn endlich eine Wohnung gefunden sei, sei das ganze Team überglücklich.

Dass Frauen mit Kindern ihre eigene Wohnung beziehen können, das fand Trejtnar wichtig. Sie sollen ein endgültiges, neues zu Hause finden und nicht nochmal wechseln müssen. "Das ist für uns das ideale Konzept weil man dann in diesem Jahr die Frau auch gut begleiten kann, sich an dem neuen Standort ein Netzwerk aufzubauen." Dann könnten auch die Kinder zur Ruhe kommen. Im ersten Jahr ist die offizielle Mieterin noch das Frauenhaus – am Ende des Jahres wird die Wohnung dann ganz offiziell auf Daniela überschrieben.

Frauenhaus-WG als Zwischenschritt

Eine feste, eigene Wohnung, davon träumt aktuell auch Rosi (Name von der Redaktion geändert). Nach über drei Jahrzehnten gewaltvoller Ehe floh sie schließlich ins Frauenhaus. Auch ihr hilft das Second Stage Projekt beim Schritt ins neue Leben. Aktuell wohnt Rosi in einer WG, die das Frauenhaus angemietet hat. Die nächsten Monate unterstützen die Frauenhaus-Pädagoginnen Rosi intensiv dabei, eine eigene Wohnung zu finden, wichtiges mit dem Anwalt zu regeln.

Und sie kommen vorbei, wenn an manchen Tagen alles nur düster scheint: "Mit der Betreuerin kann ich auch über ganz belanglose Sachen reden", sagt Rosi. Sie merke: "da sitzt nicht 'nur' eine Betreuerin vor Dir – nein, das ist eine ganz andere Ebene. Das ist sehr familiär. Wie eine gute Freundin. Diese Frau versteht Dich." Mit jedem Problem könne sie zu der Pädagogin kommen und das sei ihr sehr wichtig.

Second Stage Modellprojekt läuft im Dezember 2021 aus

Die Frauenhaus-Leiterin, Cornelia Trejtnar, hofft, dass das Second Stage Projekt nicht einfach Ende des Jahres ausläuft, sondern es in irgendeiner Form weitergeführt werden kann: "Die Frauen, die den Weg geschafft haben, haben unheimlich viel Mut und unheimlich viel Willen, sich ein neues Leben aufzubauen. Und wir sehen uns in der Rolle, sie dabei zu unterstützen bei allen Themen die auftreten." In Bayern gibt es 15 Second Stage Modellprojekte. Fünf davon in Oberbayern. Vom Sozialministerium heißt es: die Zwischenbilanz sei bislang positiv. Das Projekt läuft offiziell bis Ende des Jahres.

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