BR24 Logo
BR24 Logo
Bayern

Ausweg aus der Krise: Holz verbrennen im Kohlekraftwerk? | BR24

© BR/Julia Haas

Die Sägewerke sind voll - der Holzpreis folglich im Keller. Könnte Verbrennen in Kohlekraftwerken die Lösung sein?

3
Per Mail sharen

    Ausweg aus der Krise: Holz verbrennen im Kohlekraftwerk?

    Der Holzpreis sinkt. Für Waldbesitzer heißt das: wenn sie das Holz aufarbeiten, zahlen sie drauf. Wenn es nach Eichstätter Forstunternehmen und Waldbesitzern geht, dann soll Schadholz in Zukunft in Kohlekraftwerken verheizt werden. Eine gute Idee?

    3
    Per Mail sharen

    Im Wald herrscht momentan Ausnahmezustand. Der Borkenkäfer zerstört jedes Jahr tausende von Hektar Fichtenwald, dazu kommen Sturmwürfe, es ist viel zu trocken, die Sägewerke sind voll, der Holzpreis im Keller.

    Für Frischholz zahlen die bayerischen Sägewerke im Schnitt derzeit unter 50 Euro pro Festmeter. Vor ein paar Jahren war es noch fast doppelt so viel wert. Käferholz liegt bei knapp 20 Euro. Mittlerweile kostet das Aufarbeiten der Bäume mehr als der Holzverkauf am Ende einbringt.

    Der Frust ist groß: Der Wald wird sich selbst überlassen

    Viele Waldbesitzer lassen die Käferbäume deshalb einfach stehen, so Forstunternehmer Norbert Harrer aus dem oberbayerischen Landkreis Eichstätt. Letzte Woche hatte er einen Termin bei einem Waldbesitzer, der vom Forstamt aufgefordert wurde, vom Borkenkäfer befallene Bäume zu fällen und schnellstmöglich aus dem Wald zu bringen. Dazu ist man gesetzlich verpflichtet. Normalerweise rücken dann Norbert Harrers Harvester und Rückefahrzeuge an.

    Waldbesitzer lassen nicht mehr aufarbeiten

    Dieses Mal nicht: "Der Waldbauer hat mir klipp und klar gesagt, dass er sich weigert, da kann er noch so viele Briefe vom Amt bekommen. Er lässt die Bäume nicht aufarbeiten, weil er es einfach nicht bezahlen kann."

    Das heißt: Keine Arbeit mehr für Forstunternehmer wie Norbert Harrer - und der Borkenkäfer kann sich ungebremst ausbreiten. Denn wenn die Käferbäume im Wald stehen bleiben, befällt der Schädling auch den gesunden Fichtenbestand.

    Riesige Holzmengen belasten den Markt

    Johann Stadler ist Vorsitzender der Forstbetriebsgemeinschaft Eichstätt, einem Zusammenschluss der Waldbesitzer in der Region, und vermarktet das Holz an Sägewerke. Er macht sich große Sorgen um die Zukunft des Waldes. Große Mengen an Schadholz belasten den Markt, viele Waldbesitzer resignieren. "Wir stehen kurz vor dem Kollaps", sagt Stadler.

    Forstunternehmer, Waldbesitzerverbände, Kommunalpolitiker und staatliche Förster aus der Region haben sich deshalb zusammengetan und einen Brandbrief an das Bayerische Forstministerium und Ministerpräsident Markus Söder geschrieben. Ihre Forderung: Der Staat soll Käferholz aufkaufen und in Kohlekraftwerken verheizen. Sie erhoffen sich davon eine Entlastung des Marktes. Nur so könne man die Holzpreise wieder auf ein angemessenes Niveau bringen.

    Unterschrieben haben unter anderem die Waldbesitzervereinigung Altmannstein, das Forstamt Ingolstadt-Eichstätt, die Stadt Ingolstadt, Bürgermeister und der Landrat des Landkreises. Johann Stadler sagt, sie wissen alleine nicht mehr weiter und sind jetzt auf Hilfe des Staates angewiesen.

    Holz in Kohlekraftwerken verbrennen – Bayern lehnt das ab

    Aktive Kohlekraftwerke gibt es noch einige in Deutschland, theoretisch kann nach einer Umrüstung dort auch Holz verfeuert werden.

    Doch im Bayerischen Forstministerium wiegelt man ab. Ein Umbau sei zu aufwendig, koste Millionen, das Genehmigungsverfahren könne sich hinziehen und die Kraftwerke bräuchten dann langfristig große Mengen an preisgünstigem Holz. Was aber, wenn der Holzpreis wieder steigt? Kein vernünftig wirtschaftender Waldbesitzer sei dann mehr dazu bereit, das Holz zum Schleuderpreis zum Verheizen zu verkaufen, so Robert Morigl vom Bayerischen Forstministerium in München.

    Selbst wenn der Staat jetzt in dieser Notsituation aktiv werden würde, könnte er Holz nicht für 80 Euro pro Festmeter von den Waldbesitzern kaufen und für fünf Euro wieder an Kohlekraftwerke verkaufen. Da könne man auch gleich Steuergelder verbrennen, sagt Morigl. Die Idee sei damit in Bayern erstmal vom Tisch.

    Technisch ist es möglich

    In anderen Bundesländern dagegen überlegt man schon seit ein paar Jahren in diese Richtung. Die Mengen an Schadholz durch Sturm und Borkenkäfer sind in den letzten Jahren auch in Bremen, Niedersachsen und NRW stark angestiegen.

    Im Steinkohlekraftwerk Farge in Bremen wird gerade die Nutzung von Biomasse, zum Beispiel Schadholz, getestet. Da der Kohleausstieg ohnehin bevorsteht, prüft der Kraftwerksbetreiber Onyx Power verschiedene Konzepte, den Standort auch ohne Kohle nutzen zu können.

    Testphase in Bremen läuft bereits

    Statt Kohle wurden dort bereits testweise 1.000 Tonnen Holzpellets verfeuert und daraus Strom gewonnen. Um das möglich zu machen, wurde eine der Steinkohlemühlen für eine viertel Million Euro aufwendig umgerüstet. Sollte die Testphase gut laufen, könnte eine generelle Umrüstung in Frage kommen, bestätigt der Kraftwerkbetreiber.

    Den Aufwand stuft der Kraftwerksbetreiber als vertretbar ein. Auch für ein Steinkohlekraftwerk in Wilhelmshaven laufen ähnliche Überlegungen. Die positiven Nebeneffekte: Die Arbeitsplätze vor Ort können trotz Kohleausstieg erhalten bleiben.

    Was ist mit der Ökobilanz?

    Zwar ist ein bestimmter Anteil von Totholz gut für die Natur. Bevor die Käfer-Bäume alle im Wald verrotten, würden sie die Eichstätter aber lieber verheizen – Strom und Wärme daraus produzieren. Der Vorteil für das Kraftwerk: Laut Onyx wäre durch die Energieerzeugung mit Biomasse eine planbare und verlässliche Erzeugung von grünem Strom möglich. Auch Braunkohlekraftwerke kommen für den Umbau in Frage.

    Kritiker aber fürchten, dass Kraftwerksbetreiber auf Importholz zurückgreifen, wenn der Holzpreis in Deutschland wieder steigt. Sie bezweifeln, ob das ökologisch sinnvoll ist und man damit einen Raubbau in den Wäldern forciere.

    Alternativen zur Marktentlastung

    Im Bayerischen Forstministerium setzt man als Lösung des Problems auf sogenannte Nasslager. Auf Lagerplätzen werden die Baumstämme gestapelt und mit Wasser besprüht, um sie zu konservieren. Weder Bakterien, noch Pilze oder Insekten können so die Baumstämme schädigen, die Qualität des Holzes bleibt auf Jahre erhalten. Wenn der Preis dann wieder besser ist, kann das Holz verkauft werden. Die Nasslagerung aber kostet Geld und lohnt sich nur, wenn sich der Holzpreis wieder erholt.

    Fest steht: Irgendwann muss das Käferholz, das jetzt in den nächsten Wochen deutschlandweit in riesigen Mengen auf den Markt drücken wird und auch aus Tschechien in bayerische Sägewerke gefahren wird, verkauft und verwertet werden.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!