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Ausgestorben? Denkste! Seltener Mistkäfer lebt wieder in Bayern | BR24

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Seit über 100 Jahren galt Euoniticellus fulvus in Bayern als ausgestorben. Nun ist der Mistkäfer wieder da. Fast zeitgleich wurde er im mittelfränkischen Bad Windsheim und im Tennenloher Forst wiederentdeckt.

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Ausgestorben? Denkste! Seltener Mistkäfer lebt wieder in Bayern

Seit über 100 Jahren galt Euoniticellus fulvus in Bayern als ausgestorben. Nun ist der Mistkäfer wieder da. Fast zeitgleich haben zwei Wissenschaftler im mittelfränkischen Bad Windsheim und im Tennenloher Forst zwei Exemplare wiederentdeckt.

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Mit glänzenden Augen wühlt Reiner Büttner in einem Kothaufen. Der Haufen stammt von den Przewalski-Pferden, die im Tennenloher Forst bei Erlangen leben. Die Urwildpferde aus dem Nürnberger Tiergarten haben hier ein 100 Hektar großes Gelände zur Verfügung. In ihren "Hinterlassenschaften" tummeln sich verschiedene Käfer: Mistkäfer; auch Dungkäfer genannt.

Die Auftragsarbeit: untersuche das Leben im Mist

Der Biologe vom Institut für Vegetationskunde und Landschaftsökologie untersucht die Pferdeäpfel, um so die Artenvielfalt der Dungkäfer zu bestimmen. Es handelt sich um eine Auftragsarbeit für die Regierung von Mittelfranken und für das Landratsamt Erlangen-Höchstadt. Er steckt grad mittendrin im Projekt, das von April bis Oktober 2020 läuft.

Im Mist wimmeln bis zu 500 Tiere herum

In einem Haufen findet er bis zu 500 Tiere. Kratzt der Biologe im Kot etwas tiefer, bis es saftig wird, wimmelt es regelrecht. Einige kleine Exemplare fliegen aufgeschreckt davon, die dicken Käfer in metallischem Dunkelblau verkriechen sich schnell weiter nach unten. Rund zehn verschiedene Dungkäfer-Arten kann er in einem Haufen finden. Je nach Jahreszeit und Lage unterscheiden sich die Dungkäfer: manche mögen lieber den schattigeren Wald, andere leben auch im Bereich des eher sandigen Bodens mit flachem Gras. Rund 30 Arten konnte Biologe Reiner Büttner schon kartieren und mit seiner Ausbeute zufrieden. "Jedes vierte Tier auf der Erde ist ein Käfer," erklärt der Biologe. Entsprechend groß ist die Faszination.

Der berühmte Pillendreher lebt im Tiergarten in Nürnberg

Weltweit gibt es unzählige Arten von Mistkäfern. Im Wüstenhaus des Tiergartens kann der sogenannte Pillendreher (Scarabaeus sacer) aus Afrika bei der Arbeit beobachtet werden. Der große, glänzend schwarze Käfer rollt aus Mist Kugeln. Die Kotkugeln vergräbt er und legt ein Ei hinein. So hat der Nachwuchs gleich eine leckere Mahlzeit. Mistkäfer lieben saftigen Kot. Im Tiergarten ist deshalb besonders der etwas weichere Nashornkack bei den Pillendrehern beliebt. Aber sie fressen auch Pferdeäpfel. Im Grunde saugen sie die Äpfel aus: Zähne, um den Kot zu zerbeißen, haben die Tiere nämlich nicht.

Mistkäfer sind nützliche Gärtner

Da die Tiere den Kot von der Oberfläche holen und vergraben, sind sie ökologisch sehr nützlich. Im Grunde düngen sie den Boden und sorgen für gutes Pflanzenwachstum. Den Mikroorganismen im Boden stehen nämlich so die Nährstoffe schnell zur Verfügung – viel zügiger, als wenn der Regen den Dung erst langsam einwaschen müsste.

Zudem entsorgen sie den Nährboden für mögliche Krankheitserreger. Die kleinen Gärtner sind also überaus nützlich. Andere Mistkäfer-Arten drehen keine Pillen, sondern graben Gänge in den Boden. Den Kot holen sie in diese Gänge nach unten. Auch der in Bayern ausgestorben geglaubte Euoniticellus fulvus arbeitet so. "Die Welt wäre nicht so schön, wenn es die Dungkäfer nicht gäbe, die das alles diskret wegräumen," betont Reiner Büttner.

Die Entdeckung: ein kleine, sechsbeinige Sensation

Nun ist dem Biologen im Tennenloher Forst ein Euoniticellus fulvus in die Falle gegangen. Das Tier hat er präpariert. Zwischen den zwanzig anderen präparierten Mistkäfern erscheint die kleine Sensation eher unscheinbar. Der Fulvus ist nur wenige Millimeter groß. Der Biologe lacht: "Das ist wie ein Haufen Kleingeld. Das ist auch was wert. Aber wenn ein Goldstück darunter ist, freut man sich umso mehr". In Spanien und Frankreich war die Art ohnehin noch immer verbreitet. Vermutlich ist das Tier nun über die Rheinschiene wieder eingewandert.

"Der kann jetzt nicht mehr als die anderen Arten. Rein vom technischen her oder vom ökologischen Wert kann man ihn mit den anderen durchaus vergleichen. Aber es ist halt eine faunistische Besonderheit, weil es ihn seit 100 Jahren in Bayern nicht mehr gegeben hat. Die letzten Nachweise stammen von 1879 aus der Aschaffenburger Gegend. Sonst ist hier in Bayern nichts mehr dergleichen gemeldet worden." Reiner Büttner, Biologe

Biologe hofft auf weitere Käfer-Funde

Reiner Büttner freut sich über den Fund und hofft auf weitere Sichtungen. Allerdings wäre das zunächst noch ein großer Zufall, ein weiteres Exemplar in so einem Haufen Pferdemist zu entdecken. "Wenn er hier schon eine Population hat, ist sie wahrscheinlich sehr klein. Es ist möglich, dass er drin ist, aber ich würde nicht darauf wetten. Das ist ungefähr wie ein Vierer im Lotto," schmunzelt er. In der Fachwelt wird der Biologe aber eher nicht berühmt durch den Mistkäfer. "Die Leute interessieren sich zwar für jeden Mist, aber ich denke: für Ruhm reicht's beileibe nicht. Es ist halt eine Besonderheit, dass man sowas mal wieder melden kann", schmunzelt er.

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