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Ausbeutung an bayerischen Musikhochschulen? | BR24

© BR/Ulrich Trebbin

Die 600 Lehrbeauftragten der Musikhochschulen werden nicht nur schlecht bezahlt, sondern sie fühlen sich vom Freistaat auch unter Druck gesetzt, einen Fragebogen mit unwahren Angaben zu unterschreiben. Einige haben deshalb letzte Woche gestreikt.

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Ausbeutung an bayerischen Musikhochschulen?

Die 600 Lehrbeauftragten der Musikhochschulen werden nicht nur schlecht bezahlt, sie fühlen sich vom Freistaat auch unter Druck gesetzt, einen Fragebogen mit unwahren Angaben zu unterschreiben. Einige haben deshalb letzte Woche gestreikt.

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Drei Cembalisten an der Münchner Musikhochschule haben letzte Woche die Arbeit niedergelegt. Zum einen haben sie keine Garantie für ihre zehn Wochenstunden, bekommen keinen bezahlten Urlaub oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und auch keine Sozialversicherungsbeiträge vom Freistaat. Vor allem aber sehen sie sich von einem Fragebogen der Hochschule erpresst, den sie innerhalb von sechs Tagen ausfüllen und unterschreiben sollten.

Dieser Fragebogen soll auf Wunsch des bayerischen Wissenschaftsministeriums sicherstellen, dass die 600 Lehrbeauftragten an den bayerischen Musikhochschulen nicht sozialversicherungspflichtig sind, was mit erheblichen Kosten für den Freistaat verbunden wäre.

"Das Unangenehme an diesem Fragebogen war, dass man unterschreiben sollte, dass man finanziell unabhängig von dem Lehrauftrag ist. Viele Kollegen werden dadurch genötigt, etwas Unwahres zu unterschreiben, wenn sie ihren Lehrauftrag behalten wollen, oder eben auf den Lehrauftrag und einen wesentlichen Teil des Einkommens zu verzichten." Robert Schröter, Lehrbeauftragter für Cembalokorrepetition an der Musikhochschule München

Drei Cembalisten "streiken" eine Woche lang

Robert Schröter arbeitet an zwei bis drei Tagen pro Woche zehn bezahlte Stunden an der Musikhochschule - nicht mitgerechnet seine Vorbereitung und einiges an Organisation - und auch nur während des Semesters. Damit verdient er im Jahr 10.000 bis 15.000 Euro. Gemeinsam mit zwei anderen Korrepetitoren des Instituts für historische Aufführungspraxis hat er in der letzten Woche die Arbeit niedergelegt. Für die Studenten eine herbe Einbuße.

"Für uns Studenten ist es natürlich wichtig zu wissen, dass wir unter guten Bedingungen studieren können. Und wenn die Lehrbeauftragten einfach wegfallen, die den Großteil des Hochschulbetriebes tatsächlich tragen, dann ist das nicht mehr garantiert, und dann studieren wir einfach unter viel schlechteren Bedingungen." Sophia Schambeck, Studentin für Blockflöte

Wissenschaftsministerium droht mit persönlicher Haftung

Die Vizepräsidentin der Münchner Musikhochschule, Professorin Christine Schornsheim, ist auch nicht begeistert von der Situation. Denn die Hochschule musste den Fragebogen an die Lehrbeauftragten auf Druck des Wissenschaftsministeriums verschicken. Andernfalls habe das Ministerium gedroht, die Professoren persönlich für etwaige Sozialleistungen haftbar zu machen. Davon abgesehen fordern die Hochschulen, dass zumindest ein Teil der Lehrbeauftragten endlich fest angestellt wird.

"Dieser Zustand ist für alle Beteiligten eine Katastrophe - für die Studierenden, für die Lehrbeauftragten und auch für die Hochschule, weil wir Jahr um Jahr nicht wissen, ob wir die Lehrbeauftragten behalten oder nicht. Das Vertrauen ist auf einen Nullpunkt gesunken." Christine Schornsheim, Professorin für Cembalo und Vizepräsidentin der Musikhochschule München

Wissenschaftsministerium lenkt ein

Inzwischen relativiert das bayerische Wissenschaftsministerium die Fragebogenaktion. Jeder der rund 600 Lehrbeauftragten der Musikhochschulen in München, Nürnberg und Würzburg, der den Fragebogen ausfülle, bekomme seinen Lehrauftrag für das laufende Semester. Auch dann, wenn er damit mehr als die Hälfte seines Einkommens bestreite und somit sozialversicherungspflichtig wäre - in diesen Fällen solle eine Clearingstelle der Rentenversicherung angerufen werden. So heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme.

Warum aber das Wissenschaftsministerium die Aktion in den letzten Wochen mit so hohem Druck durchgezogen und die Lehrbeauftragten, die Studenten und die Hochschulen damit in helle Aufregung versetzt hat anstatt zu kommunizieren und zu erklären, diese Antwort ist das Ministerium schuldig geblieben.