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Bildrechte: René Kirsch

Eine Fahrstunde auf der historischen Straßenbahn ist wie eine Zeitreise durch Augsburg. Davon profitieren Tram, Fahrschüler und Passanten gleichermaßen.

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Augsburg: Fahrschule auf der historischen Straßenbahn

Rund ein Dutzend Straßenbahnfahrer lernt zur Zeit, mit historischen Trams zu fahren. Die Fahrstunden auf den alten Straßenbahnen sind wie eine Zeitreise durch Augsburg. Davon profitieren Tram, Fahrschüler und Passanten gleichermaßen.

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Von
  • René Kirsch
  • Roswitha Polaschek

Wegen Corona standen die historischen Straßenbahnen der Stadt Augsburg lange im Depot. Damit sie nach der Pandemie wieder wie früher gemietet werden können, werden zur Zeit Fahrer auf den alten alten Straßenbahnen geschult. Und das muss man sich so vorstellen: Fahrschüler Eduard Peter zieht einen schweren, gusseisernen Hebel an seinem Fahrerstand, langsam rieselt feiner Quarzsand aus der KSW 506 direkt auf die Schienen. Der Sand soll die Reibung der Bahn auf den Schienen erhöhen, es ist ein Sicherheitscheck, einer von insgesamt einem Dutzend Punkten auf der Checkliste der historischen Straßenbahn.

In der historischen Straßenbahn wird noch alles per Hand gemacht

Der Stromabnehmer etwa wird per Seilzug ausgefahren, selbst der Stromschalter, der den großen, kugelrunden Frontscheinwerfer zum Leuchten bringt, fordert ordentlich Kraft im Daumen. Ein leises Surren und der große runde Frontscheinwerfer beginnt zu leuchten - die Tram erwacht zum Leben. „Hier ist noch alles Handarbeit“, erklärt Matthias Wiedemann: „Man kann ohne Fahrgäste eben ein bisschen üben, grade das Bremsen usw., weil man hier noch alles per Hand machen muss. Hier unterstützt kein elektronisches System und nichts. Da ist der Fahrer gefragt.“

Straßenbahn aus der Nachkriegszeit fährt zur Zeit durch Augsburg

Wiedemann ist Fahrlehrer und Ausbilder bei den Stadtwerken Augsburg und kennt sie alle, seine kleinen Schätzchen, die im riesigen Straßenbahndepot schlummern. Die älteste ist Baujahr 1898, wird aus „versicherungstechnischen Gründen“ aber nicht mehr bewegt, so Wiedemann. Die KSW ist ab dem Frühjahr aber noch regelmäßig unterwegs. Sie muss bewegt werden, damit die Technik nicht einrostet. Das Kürzel „KSW“ steht für Kriegsstraßenbahn-Wagen, schöner ist sicher der Name „Heidelberger“ unter dem die 1948 – eben in Heidelberg – gebaute Straßenbahn nach dem 2. Weltkrieg in ganz Deutschland unterwegs war. Und hier auf der „Heidelberger“ geht noch alles manuell, erzählt Fahrschüler Eduard Peter, während er die alte Tram vorsichtig aus dem Depot steuert.

Straßenbahnfahren wie in der Augsburger Puppenkiste

Es rumpelt und poltert – und spätestens als die alte Bahn die Stadtmauer kreuzt und sich hinauf zur Maxstraße kämpft, ist es eine Ausfahrt in eine andere Zeit. Ein bisschen wie Emma und Lukas und Jim Knopf, der in unserem Fall Eduard Peter heißt und beide Hände voll zu tun hat: „Hier gibt es keine technische Unterstützung, keinen Bremssteuer-Assistent, keine Anti-Schlupf-Regelung, das ist wirklich manuell. Man sandet selbst, man bremst selbst - die ganzen Geräusche, da sind Zahnräder, das ist richtig muskuläres Fahren, nicht vom Computer oder der Steuerung unterstützt.“

Die alten Straßenbahnen sind viel leichter als die neuen

In einer kleinen Zeitreise geht es via Maxstraße zum Königsplatz, wo sich einst – wie heute – die Tramlinien kreuzen. Ab hier muss die kleine, nur elf Meter lange und zwölf Tonnen schwere „Heidelberger“ wieder im regulären Linienbetrieb mitschwimmen. Moderne Straßenbahnen sind viermal so lang, viermal so schwer und vollgestopft mit modernster Technik. Sie fahren sich deutlich entspannter.

Wenn Straßenbahnfahren richtig viel Spaß macht

Trotzdem oder gerade deswegen ist jede Fahrstunde auf der alten „Heidelberger“ für Fahrschüler Eduard Peter ein sehr besonderer Moment: „Das macht richtig viel Spaß. Das ist zwar körperlich a bisserl Arbeit, aber Bewegung schadet nie. Und es ist wirklich was ganz anderes: Man bekommt ein ganz anderes Feedback von der Bevölkerung, manche winken sogar. Da gehst Du vom Wagen zwar etwas müde runter, aber zufrieden und sagst: Guter Tag – ich hab´ was davon, die Fahrgäste haben was davon, die Bevölkerung hat was davon.“

Vielleicht sehen Sie ja bald mal eine der alten Bahnen durch die Innenstadt rumpeln. Sie sind ganz leicht zu erkennen an der beigen Farbe und dem großen, runden Frontscheinwerfer. Dann winken Sie doch mal. Der Fahrer freut sich garantiert über einen freundlichen Gruß.

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