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Aufschrei junger Ärzte: Zu hohe Belastung in Kliniken | BR24

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Junge Ärzte klagen über hohe Arbeitsbelastung. Laut einer Studie beschreiben 70 Prozent der teilnehmenden Assistenzärzte Anzeichen eines Burnouts. Jeder Fünfte gab an, schon einmal Medikamente genommen zu haben, um mit dem Stress klar zu kommen.

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Aufschrei junger Ärzte: Zu hohe Belastung in Kliniken

Alarmierende Zustände in Krankenhäusern: Junge Ärzte klagen über zu hohe Arbeitsbelastung. Keine Zeit, kein Personal - für die Patienten kann das unter Umständen tödlich enden. Ein Assistenzarzt erzählt aus dem Klinikalltag.

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"Hoffentlich stirbt heute kein Patient." Das denkt sich der junge Arzt jedes Mal, wenn er seinen Dienst in der Klinik antritt. Er möchte anonym bleiben und "Fritz" genannt werden. Seit fünf Jahren arbeitet er auf der Intensivstation einer Klinik in Bayern. Es fehle einfach an Zeit und Personal, berichtet er. Dazu kämen viel Organisation und Papierarbeit: Akten studieren, Übergaben machen, Dokumentationspflichten. "Wirklich Zeit für den Patienten am Bett haben wir nicht", sagt der 30-Jährige.

Es war schwierig, einen Arzt zu finden, der offen über die alarmierenden Zustände in Krankenhäusern sprechen will. Die meisten Ärzte haben Angst. Aber Fritz will auf die Probleme in den Krankenhäusern aufmerksam machen und aufrütteln. "Es muss sich endlich etwas ändern."

Der Stress macht die jungen Ärzte krank

Ärzte im Dauerstress, Überstunden, keine ausreichende Versorgung der Patienten: Das ist nicht neu. Nun aber bestätigt eine Studie der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege die Überbelastung von Ärzten. Unter Beteiligung des Berufsverbandes Deutscher Internisten hat sie den Gesundheitszustand junger Ärzte in deutschen Krankenhäusern untersucht. Danach beschreiben 70 Prozent der befragten Assistenzärzte Anzeichen von Burnout. Jeder Fünfte gab an, schon einmal Medikamente genommen zu haben, um mit dem Stress klar zu kommen.

Auch eine Umfrage des Marburger Bundes unter - erfahrenen und jungen - Ärzten in Berlin und Brandenburg kommt zum gleichen Ergebnis: Viele Ärzte sind am Limit, fühlen sich ausgebrannt. "Die Situation ist dramatisch", warnt der Marburger Bund, die Interessenvertretung der Ärzte. 16 Stunden am Stück und sogar 24-Stunden-Dienste sind keine Seltenheit. Klinikärzte aus verschiedenen bayerischen Kliniken berichten BR24 immer das gleiche: Viele Ärzte fressen die Überbelastung in sich hinein, halten den Stress nur noch mit Aufputschmitteln und Medikamenten durch.

Überlastung der Ärzte kann für Patienten lebensgefährlich werden

Assistenzarzt Fritz braucht bisher keine Aufputschmittel. Aber auch er kennt einige Kollegen, die sich damit "unterstützen". Müde, überlastete Ärzte können für die Patienten lebensgefährlich werden. So hat der bayerische Assistenzarzt Fritz erlebt, wie während des Dienstes einer Kollegin auf der Intensivstation ein Kind verstarb, weil sie keine Zeit hatte, es ausreichend zu betreuen. Sie war für 14 Patienten verantwortlich, hatte zwei instabile Kinder und konnte sich nicht gleichzeitig um beide kümmern. "Damit muss man erstmal klar kommen", sagt der junge Arzt. Seine Kollegin konnte danach den Job auf der Intensivstation nicht mehr machen. Das Hauptproblem sind die Spät- und Nachtdienste. "Da passieren die häufigsten Fehler, die meisten Patienten kommen dann zu Schaden."

Krankenhausgesellschaft bestätigt Arbeitsbelastung in Kliniken

Assistenzarzt Fritz und seine Kollegen wollen endlich mehr Zeit für ihre Patienten haben. Das grundsätzliche Problem im Klinikbetrieb: Es gibt keine Stunde Null, wie es Fritz nennt, keine Zeit, in der sich das Team mal zusammensetzen kann, um zu analysieren, was falsch gelaufen ist, was besser gemacht werden könnte. Der 30-Jährige fordert mehr Personal an den Kliniken, eine klare Arbeitszeitbegrenzung und endlich die Einhaltung des Arbeits- und Gesundheitsschutzgesetzes für das Klinikpersonal.

Unterstützung bekommen die jungen Ärzte von der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG). "Das ist eine bedenkliche Entwicklung", sagt BKG-Chef Siegfried Hasenbein. "Es ist schon bedenkenswert, wenn ausgerechnet im Krankenhaus, wo ja eine hohe Sensibilität für Gesundheitsschutz eigentlich da sein müsste, wenn das da leidet." Seine erste Forderung geht an die Politik, weil sie für die Rahmenbedingungen zuständig sei. Krankenhäusern müsse der wirtschaftliche Druck genommen werden. Aber er sagt auch: Jedes Krankenhaus könne selbst an ein paar Stellschrauben drehen, um etwas zu verbessern, zum Beispiel beim Arbeitsschutz.

Huml: Einstellung zum Arztberuf hat sich verändert

Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml - selbst Medizinerin - nimmt den Aufschrei der jungen Ärzte ernst und will in Gesprächen prüfen, woran es genau liegt. Der Freistaat ist verantwortlich für die Krankenhausplanung und über die Kommunen, Kreise und Bezirke an den meisten Kliniken in Bayern beteiligt. Der Freistaat werde aber nicht ins laufende Geschäft eingreifen, stellt die Ministerin klar. "Dafür sind die Geschäftsführer vor Ort zuständig."

Außerdem verteidigt sie die Dokumentationspflicht - nur so könne abgerechnet werden und nur so seien die Kliniken auf der rechtlich sicheren Seite gegenüber den Patienten und ihren Angehörigen. Melanie Huml hat früher auch im Krankenhaus gearbeitet. Sie findet, dass sich die Einstellung zum Arztberuf in der neuen Generation verändert hat. "Die jungen Ärzte legen mehr Wert auf eine Work-Life-Balance. Das ist auch in Ordnung, aber das wirkt sich natürlich auf den Klinikbetrieb aus, wo es früher einfach auch üblich war, mal länger zu bleiben."

Bund und Bayern schieben Schwarzen Peter hin und her

Bayerns Gesundheitsministerin verweist auf Berlin: Nur das Bundesgesundheitsministerium (BMG) könne die Rahmenbedingungen für die Krankenhäuser ändern. Auf Anfrage von BR24 teilt das Ministerium mit: "Das BMG nimmt die Fehlentwicklungen in Krankenhäusern ernst. Hinweise darauf, dass flächendeckend Arbeitsschutzregeln verletzt werden, liegen dem BMG allerdings nicht vor."

Außerdem ist laut Ministerium die Zahl von Vollzeit-Ärzten in Krankenhäusern in zehn Jahren um mehr als ein Viertel gestiegen (2007-2017: 28 Prozent). In Sachen Arbeitsschutz schiebt Berlin den Schwarzen Peter zurück nach Bayern und zu den Krankenhäusern. Dafür sei die jeweilige Aufsichtsbehörde der Bundesländer zuständig - die Klinikleitung sei für Arbeitsbedingungen verantwortlich.

Assistenzarzt Fritz befürchtet, dass ein Riesenproblem auf die Kliniken zukommt, sollte sich nichts ändern. "Bald wird es zu wenig Ärzte und Pflegekräfte geben, um die Versorgung aufrecht zu erhalten. Für die Patienten wäre das eine Katastrophe."

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Junge Ärzte klagen über Arbeitsbelastung in Kliniken.

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Von
  • Katrin Bohlmann
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