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"Aufschrei fehlt": Knobloch fordert Bekenntnis gegen Judenhass | BR24

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Antisemitischer Hass nimmt auch in Bayern seit Jahren zu. Während die Sorgen der bayerischen Juden wachsen, sucht die Politik Antworten auf diese dramatischen Entwicklungen. Wie ist diese erneut aufflammende Judenfeindschaft zu erklären?

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"Aufschrei fehlt": Knobloch fordert Bekenntnis gegen Judenhass

Der aufflammende Judenhass 75 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz - darüber sprachen Bayerns Ministerpräsident Söder und Charlotte Knobloch im BR-Fernsehen. Ihr fehle der Aufschrei der Gesellschaft, so Knobloch.

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Als Markus Söder und Charlotte Knobloch inmitten der Ohel-Jakob-Synagoge in München stehen, halten sie für einige Momente inne. Der Bayerische Ministerpräsident und die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern kennen sich schon lange - doch dieses Treffen ist eine Premiere.

Vor TV-Kameras sprachen Markus Söder und Charlotte Knobloch 75 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz eine halbe Stunde lang über die Vergangenheit, die aktuelle Situation von Juden in Deutschland und insbesondere über den aktuell aufflammenden Judenhass - moderiert wurde dieses Gespräch von BR-Chefredakteur Christian Nitsche.

Sowohl Söder als auch Knobloch zeigten sich angesichts der aktuellen Entwicklungen tief besorgt. Söder kündigte im Interview an, den Polizeischutz vor bayerischen Synagogen noch einmal zu erhöhen.

Söder fordert härtere Gesetze

Wenn Juden sich heute überlegen müssten, ob sie die Kippa auf der Straße tragen können, dann sei das nicht nur ein Alarmsignal, sondern Anlass zum Handeln, sagt Söder. Er empfinde Empörung, zum Teil auch Wut, mit welchem Hass im Netz agiert wird.

"Was wir über die sozialen Medien erleben, der Hass, der Angriff auf intime Bereiche des Menschen, dagegen wird zu wenig Schutz geleistet, deswegen brauchen wir dringend andere, schärfere Gesetze, andere und schärfere Möglichkeiten, auch im Social-Media-Bereich vorzugehen." Markus Söder, Bayerischer Ministerpräsident

Charlotte Knobloch unterstützt Söder in seiner Forderung nach schärferen Gesetzen: Aktuell sei es sehr befremdend, dass Täter antisemitischer Straftaten und Hetze oft keine Angst haben müssten, juristisch verfolgt zu werden.

Knobloch: "Mir fehlt der Aufschrei der Gesellschaft"

Der aufflammende Judenhass in Deutschland habe eine neue Dimension erreicht, mahnte Knobloch und er käme aus der Mitte der Gesellschaft:

"Ich weiß, was in der Gesellschaft gesprochen wird, ich weiß, was an den Stammtischen gesprochen wird und da wird nicht sehr positiv über das jüdische Leben gesprochen. Mir fehlt der Aufschrei der Gesellschaft, eine Unterstützung für uns aus der Mitte der Gesellschaft." Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Insbesondere für die Kinder und die jungen Menschen in der jüdischen Gemeinschaft sei der Hass und Antisemitismus schwer nachzuvollziehen. Und auch das tägliche Leben sei immer mehr betroffen:

"Die jungen Menschen denken schon darüber nach: Warum müssen wir uns das antun, warum haben wir nur Panzerglasscheiben, warum müssen wir Obacht geben, dass wir nicht erkenntlich sind, wer wir sind." Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Warnung vor der AfD

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern warnte außerdem mit Bezug auf die AfD: "Diese Leute machen Judenhass modern. Das sind Brandstifter ersten Ranges."

Ministerpräsident Söder meinte dazu: "Ich glaube, dass die klare Abgrenzung, die wir in Bayern zur AfD machen und die Benennung dessen, was da dahintersteht, dieses Flügels, der sehr völkisches Gedankengut hat, ist ein wichtiger Beitrag zur Freiheit und Toleranz in unserem Land."

AfD reagiert auf Knobloch-Vorwurf

Die AfD-Fraktion im Bayerischen Landtag hat auf BR-Anfrage die Aussagen von Knobloch kritisiert und als "widersinnig" bezeichnet. "Es drängt sich der Verdacht auf, dass sich Frau Knobloch, die sich wiederholt CSU-nah verhalten hat, parteipolitisch äußert", heißt es in der Stellungnahme. Den Vorwurf des Antisemitismus weist die Partei zurück: Die AfD habe sich wiederholt und scharf gegen alle Formen des Antisemitismus ausgesprochen.

Knobloch entgegnete auf BR-Nachfrage, die AfD habe sich sehr wohl "antisemitisch ausgedrückt. Mehr als das, sie hat das nie zurückgenommen." Sie hoffe aber, sagte Knobloch, "dass die Wähler der AfD sich besinnen, wenn sie wählen und, dass sie in Zukunft einen ziemlich großen Abstand von der AfD halten." Der Vorwurf, sie habe sich parteipolitisch oder CSU-nah geäußert, habe sie "sehr amüsiert", sagte Knobloch. "Ich möchte ganz klar sagen, ich rede mit jeder demokratischen Partei, und da möchte ich das demokratisch dreimal unterstreichen."

Knobloch blickt trotzdem optimistisch in die Zukunft

Trotz des Hasses gegen Juden und der Hetze im Netz blickt Charlotte Knobloch optimistisch in die Zukunft:

"Ich persönlich bin davon überzeugt, dass wir das überwinden können, wir können das gemeinschaftlich überwinden." Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Das gesamte Gespräch wurde im BR Fernsehen am Donnerstag, 23. Januar 2020 um 19 Uhr gesendet. Das Gespräch im Video - hier - und in der BR Mediathek: 75 Jahre nach Auschwitz - Gespräch mit Charlotte Knobloch und Ministerpräsident Markus Söder.

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BR Chefredakteur Christian Nitsche mit Charlotte Knobloch und Markus Söder in der Ohel-Jakob-Synagoge in München.

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Der aufflammende Judenhass 75 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz - darüber sprachen Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Charlotte Knobloch in einem exklusiven TV-Gespräch, das das BR Fernsehen heute Abend ausstrahlt.

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