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Auf Entzug: Fehlende Behandlung für Heroinabhängige in Haft? | BR24

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Heroinsucht - eine schwere chronische Krankheit, die meist ein Leben lang behandelt werden muss. Doch in Gefängnissen werden Substitutionstherapien oft abgebrochen. Wie suchtkranke Häftlinge darunter leiden, zeigt ein exemplarischer Fall.

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Auf Entzug: Fehlende Behandlung für Heroinabhängige in Haft?

Heroinsucht gilt als schwere chronische Krankheit. Doch in bayerischen Gefängnissen werden Heroinersatzbehandlungen immer wieder abgebrochen. Experten kritisieren das scharf.

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Claudia Jaworski ist angeklagt, weil sie ihrem heroinabhängigen Bruder Substitutionstabletten ins Gefängnis Bernau geschmuggelt hat. Diese Tabletten lindern die Entzugserscheinungen bei seiner Drogensucht. "Ich habe mir das ganz gut überlegt, was ich da mache. Und ich habe die Risiken auch bewusst in Kauf genommen", erzählt die junge Frau. "Ich habe keinen anderen Ausweg gesehen".

Substitution als Therapiestandard

Die beiden sind erwischt worden und Claudia Jaworski hat einen Strafbefehl mit 90 Tagessätzen erhalten. Sie hätte das Geld überweisen können und damit wäre der Fall erledigt gewesen. Doch die junge Frau hat Einspruch eingelegt und lässt es auf eine Hauptverhandlung ankommen. Sie wolle auf die strukturellen Probleme von Drogenanhängigen in Haft hinweisen, sagt sie.

Ihr Bruder, nennen wir ihn Thomas, ist seit rund 16 Jahren heroinabhängig. Immer wieder musste er wegen Drogendelikten ins Gefängnis. Zuletzt in die JVA Bernau. Bis zu seinem Haftantritt hatte er seine Heroinsucht mit einem Ersatzstoff in Schach gehalten. Neun Monate lang war Thomas in Freiheit substituiert worden.

Der Suchtforscher Heino Stöver beschäftigt sich seit Jahren mit der Substitution im Strafvollzug und weist darauf hin, dass die Behandlung wissenschaftlich anerkannt sei und von der Bundesärztekammer als Therapie empfohlen werde.

"Und diese Therapie hat dazu beigetragen, dass opioidabhängige Menschen älter werden, dass sie sich wieder um ihre Kinder kümmern können." Prof. Heino Stöver, Institut für Suchtforschung, Frankfurt am Main

Auf Entzug in der JVA Bernau

Laut Bundesärztekammer sollten Heroinabhängige auch in Haft ihre Substitutionsbehandlung weiterführen können. Thomas schildert seine Erfahrungen jedoch so: "In Bernau war es für mich von Anfang an etwas schwierig, weil ich wollte, dass man mich substituiert." Doch darauf sei die Haftanstalt nicht eingegangen, sagt Thomas, der jetzt wieder in Freiheit lebt und substituiert wird. Er fühlte sich mit seiner Suchterkrankung und den Entzugserscheinungen in der Haft allein gelassen.

Wie das Gespräch damals mit dem Anstaltsarzt in der JVA Bernau verlief und was genau besprochen wurde, wissen wir nicht. Auch nicht, was die Gründe dafür sind, dass Thomas nicht weiter substituiert wurde. Ein Gespräch mit dem zuständigen Arzt war nicht möglich.

Substitution in Haft keine Selbstverständlichkeit?

Dass Heroinersatztherapien in bayerischen Gefängnissen abgebrochen werden, geht aus dem aktuellen Bericht der Deutschen Beobachtungstelle für Drogen und Drogensucht hervor. Darin wird vermutet, dass in Bayern eher auf Entzug statt auf Substitution gesetzt werde. Experten wie Heino Stöver sehen eine solche Strategie als nicht zielführend an.

"Die Menschen werden nicht in der Lage sein, von heute auf morgen ihre körperlichen Entzugserscheinungen zu überwinden. Dazu kommt, dass es unsinnig ist, die Menschen einem Rückfallrisiko auszusetzen, solange sie in Haft sind. Und das sind sie ja, weil sie geben Drogensucht nicht an der Pforte ab." Prof. Heino Stöver, Institut für Suchtforschung, Frankfurt am Main

Die JVA Bernau schreibt BR24, die Zahl der Substitutionsmaßnahmen habe in den vergangenen Jahren stetig zugenommen, nachdem über Jahre hinweg nur sehr vereinzelt und kurzfristig eine entsprechende Behandlung durchgeführt worden sei.

Ehemaliger Häftling siegt vor Gericht

Erst vor vier Jahren zog ein ehemaliger Häftling einer bayerischen Justizvollzugsanstalt vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Er klagte, weil seine Substitutionsbehandlung in der Haft abgebrochen worden war. Die Richter in Straßburg befanden: Dem Häftling war dadurch eine notwendige Behandlung vorenthalten worden. Das verstoße gegen das Verbot einer unmenschlichen Behandlung in Haft. Suchtforscher Heino Stöver wird deutlich.

"Dieser Entscheid war sehr wichtig, weil Bayern über viele Jahre die Substitutionsbehandlung abgebrochen bei Menschen hat, die inhaftiert wurden. Das ist ungefähr so, als würde man Zuckerkranken das Insulin wegnehmen, wenn sie inhaftiert werden." Prof. Heino Stöver, Institut für Suchtforschung, Frankfurt am Main

Aus dem Bayerischen Justizministerium heißt es, dass die Unterstützung opioidabhängiger Inhaftierter mit einer bedarfsgerechten Substitutionstherapie fester Bestandteil der Krankenbehandlung in den bayerischen Justizvollzugsanstalten sei. Aber das Ministerium teilt auch mit:

"Ziel ist es, betroffene Gefangene auf Dauer von ihrer Suchtmittelabhängigkeit zu befreien und nachhaltig zu stabilisieren." Bayerisches Justizministerium

Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte hat sich einiges in Bayern getan. Dennoch bestehe noch Luft nach oben, was die Heroinersatztherapie in Haftanstalten angeht, findet Heino Stöver.

Claudia Jaworski erwartet den Auftakt ihrer Verhandlung mit Spannung. Sie will, dass öffentlich wird, wie ihr Bruder als Heroinabhängiger die Situation in der JVA Bernau erlebt hat.

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Heroinsucht gilt als schwere chronische Krankheit. Doch in bayerischen Gefängnissen werden Heroinersatzbehandlungen immer wieder abgebrochen. Experten kritisieren das scharf.

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