BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Auf eigene Kosten: Unternehmer lassen Mitarbeiter gurgeln | BR24

© BR

Einige Firmen in Erlangen haben sich nun nach Alternativen zum Abstrichtest umgesehen: den Gurgeltest

16
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Auf eigene Kosten: Unternehmer lassen Mitarbeiter gurgeln

Erlanger Unternehmer gehen einen ganz neuen Weg bei der Corona-Testung: Sie lassen ihre Mitarbeiter auf eigene Kosten gurgeln. Der Vorteil: Die Beschäftigten müssen nicht längere Zeit in Quarantäne, sondern erhalten nach 24 Stunden ihr Ergebnis.

16
Per Mail sharen

Statt lange Wartezeiten auf einen Termin beim Hausarzt, dem Gesundheitsamt oder bei Testzentren in Kauf zu nehmen, bieten 15 Erlanger Unternehmen jedem Mitarbeiter, der sich krank fühlt, von einer Reise zurückkehrt oder vielleicht einen Corona-Fall im Bekannten- oder Verwandtenkreis hat, einen kostenlosen Gurgeltest an.

Eine Win-win-Situation für alle

Das Ergebnis wird den Beschäftigten innerhalb von 24 Stunden mitgeteilt. Das nutzt den Betroffenen genauso wie den Unternehmen, meint Thomas Wagner, einer der Initiatoren: "Der Beschäftigte muss nicht in Quarantäne, wir haben schnell Klarheit, ob vielleicht andere Mitarbeiter angesteckt wurden und für den Mitarbeiter ist die Testung kein großer Aufwand."

Der Vorteil des Tests: Er ist einfach zu handhaben. Gegurgelt wird im Freien, um im Innenraum die Verbreitung von Aerosolen zu verhindern. Bis zum Testergebnis bleibt der Mitarbeiter zu Hause.

© BR/Claudia Grimmer

Corona-Gurgeltest

Gurgeln, spucken, fertig

Zu dem Test-Kit gehören ein gelber Becher, eine kleine Plastikampulle, eine Anleitung und zwei Aufkleber mit QR-Codes. Die Ampulle enthält Kochsalzlösung. Die muss 30 Sekunden gegurgelt werden, dann wird das Rachenspülwasser in den Becher gespuckt. Anschließend wird ein Vakuumröhrchen in den Becherdeckel gedrückt, das sich mit der Flüssigkeit vollsaugt – das ist die Probe fürs Labor.

Zum Schluss kommt ein QR-Code drauf, der Mitarbeiter scannt diesen mit einer speziellen App ein. Die Probe muss er dann nur noch im kommunalen Testzentrum abgeben. Das Testergebnis erhält er innerhalb eines Tages als Nachricht auf seinem Handy. Die Unternehmensinitiative aus Erlangen hat einen Vertrag mit dem Weidener Labordienstleister Synlab abgeschlossen. Er übernimmt die Analyse.

"Wir zahlen die Tests selbst, aber es ist für uns immer günstiger einen Test zu zahlen, der 50 Euro kostet, als einen Mitarbeiter einen Tag lang zu Hause zu lassen. Das müssten wir ja auch bezahlen." Thomas Wagner, Unternehmensinitiative Erlangen.

Dem Beschäftigten steht es dabei frei, den Test durchzuführen. "Es ist immer ein Kann. Der Mitarbeiter muss uns ja auch selber ansprechen, weil er glaubt, getestet werden zu müssen. Unsere Idee ist aber, dass so ein Gurgeltest bei jedem Mitarbeiter zu Hause liegt, so dass er im Fall des Falles sehr schnell reagieren kann", erklärt Firmenchef Thomas Wagner.

Schnelle Reaktion als Vorteil

Die Betriebe sehen im kostenlosen Gurgeltest die Chance, bei einem Positivfall auch schneller im eigenen Betrieb reagieren zu können. "Ich kann bereits an dem Tag, an dem die Person sich krank fühlt, ohne Kenntnis des Testergebnisses vorbereiten, welche weiteren Personen ich isolieren müsste und kann die dann auch sofort nach dem Testergebnis informieren", argumentiert Wagner.

Viel zu lange dauere oftmals die Informationskette von Gesundheitsämtern und die Verfolgung von Kontaktketten.

"Jeder hat seine Rolle. Das Gesundheitsamt soll helfen, Ausbreitungsgeschehen mit starken Superspreadern zu vermeiden. Unser Unternehmen kann helfen, schneller als das Gesundheitsamt, schon bei erkrankten Personen mögliche Kontakte zu identifizieren und eventuell schnell aus dem Verkehr zu ziehen." Thomas Wagner, Erlanger Unternehmensinitiative
© BR, Claudia Grimmer

Ein Set für einen Corona-Gurgeltest

Gurgeln so zuverlässig wie Nasen-Rachenabstrich

Für die Testpersonen ist der Gurgeltest angenehmer als die Probennahme per Nasen- oder Rachenabstrich, außerdem ist kein geschultes Personal in Schutzkleidung nötig. Ausgewertet wird die Probe wie bei herkömmlichen Corona-Tests mittels eine PCR-Analyse.

Interne Studien des Labordienstleisters Synlab, die in Zusammenarbeit mit der Uni Magdeburg durchgeführt wurden, ergaben, dass die Ergebnisse des Rachenspülwassertest genauso zuverlässig sind wie beim Nasen-Rachabstrich. Weitere Studien sind geplant.

Der Virus würde sich vermehrt im hinteren Rachenbereich feststellen lassen, wo die Gurgelflüssigkeit gut hinkäme, erklärt Johannes Zuber vom Vienna Biocenter. In Österreich wurden ebenfalls Studien zum Gurgeltest erstellt. Mittlerweile wird das Verfahren bei Reiserückkehrern in Wien als Standard durchgeführt.

Firmen lassen poolen

Die Unternehmen in Erlangen haben sich mit dem Gurgeltest auch für das sogenannte Fünfer-Pooling entschieden. Hier werden im Labor fünf Proben in einem Teströhrchen zusammengenommen und analysiert. Ist das Ergebnis negativ, konnten mit einer Probe fünf Testungen durchgeführt werden. Ist es positiv, müssen die einzelnen Spuckflüssigkeiten noch einmal einzeln ausgewertet werden, um festzustellen, wer Corona-infiziert ist.

Die Firma Synlab hat auf das Verfahren erst vor kurzem ein Patent angemeldet. Hans-Wolfgang Schultis von Synlab ist überzeugt, dass Pooling bald angesichts der steigenden Zahl an Testungen häufiger eingesetzt wird. Man habe weder die Geräte, noch das Personal, noch genügend Nachweisreagenzien in Deutschland, um noch einmal die Anzahl der Testungen erheblich zu steigern, erklärt Schultis.

Ende März hatte das Unternehmen in Weiden in einer Schicht noch rund 200 Proben ausgewertet. Mittlerweile arbeiten die Mitarbeiter im Labor in einem Drei-Schicht-System und analysieren mehrere Tausend Testungen am Tag.

Und noch ist nicht Winter und keine Grippezeit. Dann kommen nicht nur die Verdachtsfälle auf Corona zur Testung, sondern auch alle, die einen normalen Schnupfen haben und unsicher sind, ob es nicht doch der Anfang einer Corona-Infektion sein könnte.

"Wir sind in Vorbereitung einer Multiplex-PCR, die diese Erreger alle parallel detektieren kann, um überhaupt kapazitätsmäßig das alles in den Griff kriegen zu können." Hans-Wolfgang Schultis, Synlab Weiden
© BR, Claudia Grimmer

Mitarbeiter Synlab-Labor, Weiden

"Darüber spricht Bayern": Der BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!