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Auf der Spur der Kreuzottern im Bayerischen Wald | BR24

© Pauli Hien/Nationalpark Bayerischer Wald

Kreuzottern mit den verschiedensten Zeichnungen konnten im Rahmen des Forschungsprojektes schon fotografiert werden

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    Auf der Spur der Kreuzottern im Bayerischen Wald

    Egal ob Rothirsch, Luchs oder Wolf – für Forscher ist es teilweise schwer, diese Tiere draußen in der Natur aufszupüren. Noch schwerer fällt das bei Kreuzottern. Ein Forschungsprojekt soll nun die Bestände des gefährdeten Reptils ermitteln.

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    Ein neues Forschungsprojekt will das Vorkommen der Kreuzottern im Nationalpark Bayerischer Wald prüfen. "Die Kreuzotter ist laut der Roten Liste Bayern 2019 stark gefährdet und die Bestände nehmen weiter ab", so Nationalparkleiter Franz Leibl.

    Außerhalb der Alpen gibt es die größten Kreuzottervorkommen in den ostbayerischen Grenzgebirgen, vor allem im Fichtelgebirge und im Bayerischen Wald.

    "Zusammen mit den tschechischen Vorkommen im Böhmerwald bildet unser Vorkommen das vermutlich größte, zusammenhängende in Mitteleuropa." Nationalparkleiter Franz Leibl

    Im März verlassen die Männchen ihre Winterquartiere

    Bis jetzt sind dies aber nur Vermutungen und es gibt viele offene Fragen: Wie groß ist der Bestand? Geht er zurück? Oder profitiert die Kreuzotter von der Walddynamik im Nationalpark? Um das herauszufinden wurde bereits im vergangenen Jahr ein Forschungsprojekt ins Leben gerufen. "Mit den Feldarbeiten haben wir im März begonnen", erklärt Dr. Christoph Heibl, der im Nationalpark für das Projekt zuständig ist. Denn dann verlassen die Männchen ihre Winterquartiere und sonnen sich erst mal ausgiebig, bevor sie sich auf die Suche nach einer Partnerin machen. "In einem ersten Schritt haben wir Sonnen- und Paarungsplätze kartiert, denn dort lassen sich die Tiere verhältnismäßig leicht zählen und auch fotografieren."

    Forschungsprojekt soll Bestand abschätzen

    Über eine Fang-Wiederfang-Statistik und längere Zeitreihen kann dann der Bestandstrend abgeschätzt werden. Generell kann man einzelne Tiere gut unterscheiden, und zwar an der jeweiligen Kopfbeschuppung. Bis jetzt konnten bereits 36 verschiedene Exemplare gezählt werden, was vermutlich aber nur einen kleinen Teil des Gesamtbestandes ausmacht.

    Neben den Beobachtungen nehmen die Forscher auch genetische Proben: "So können wir beurteilen, wie stark der Austausch zwischen einzelnen Populationen ist", sagt Heibl. Wenn Populationen klein und isoliert sind, verarmen sie genetisch – "und können dann Krankheiten sowie anderen Stressfaktoren wenig entgegensetzen und sterben aus."

    Studie für 2021 geplant

    Unterstützung erhält der Nationalpark bei diesem Projekt von Kreuzotterspezialist Pauli Hien. "Er war zu einer unserer wissenschaftlichen Vortragsreihen eingeladen", sagt Heibl. "Dort wurde schnell klar, dass er ein besonderes Gespür für Kreuzottern und ihre Lebensräume hat." Über diese Kooperation freut sich Heibl ganz besonders – vor allem, weil er im Rahmen des Projektes noch viel vorhat. "Für 2021 ist eine Studie geplant, die Daten sammelt, wie genau Kreuzottern Windwurfflächen als Lebensräume nutzen."

    Über das bedrohte Reptil aufklären

    Im Rahmen des Projektes wollen die Forscher aber auch über das Reptil aufklären. "Schlangen sind sehr scheue Tiere und Begegnungen mit Menschen sind selten", so Heibl. Sobald sie Erschütterungen – zum Beispiel durch Schritte – wahrnehmen, verkriechen sich Kreuzottern. Daher sind Bissunfälle, die in der Regel nicht lebensgefährlich sind, auch sehr selten. "Wichtig ist es, den Tieren mit Respekt gegenüberzutreten, was eigentlich – auch für ungiftige Tiere – selbstverständlich sein sollte."

    💡 Hintergrund:

    In Nürnberg gibt es nach Angaben von Experten die einzige stabile Population in Deutschland, die innerhalb eines Stadtgebiet lebt. Normalerweise bevorzugen die silbergrau- (Männchen) oder braun-gemusterten (Weibchen) Schlangen unter anderem lichte Wälder, Ränder von Mooren, Flussauen und Gebirgslandschaften oberhalb der Baumgrenze. Aber auch an Dämmen oder in Steinbrüchen können sie sich wohl fühlen. "Die Kreuzottern brauchen ein Mosaik aus Gehölz und Wiese", sagt der Reptilienexperte Hubert Laufer vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Bis auf Rheinland-Pfalz und dem Saarland sind sie in ganz Deutschland verbreitet. Trotzdem steht die Kreuzotter als stark gefährdete Art auf der Roten Liste.

    Als Giftschlange wurde sie lange gehasst und gefürchtet. "Bis in die 1960er wurde sie tatsächlich massiv bekämpft. Sie wurde überall totgeschlagen", sagt Laufer. Doch noch schlimmer ist, dass ihr Lebensraum wegen der intensiven Landwirtschaft und der Entwässerung der Moore schwindet. Forstwege und Straßen sind für sie schwer überwindbare Hindernisse, so dass sich die einzelnen Populationen nicht mehr untereinander mischen können.

    Eine Langzeitstudie an verschiedenen Kreuzotterpopulationen im Fichtelgebirge ergab nach Angaben des bayerischen Landesamts für Umwelt in einem Zeitraum von 25 Jahren einen Rückgang der Tiere um 90 Prozent. Auch in anderen Regionen Deutschlands seien nach Beobachtungen von Schlangen-Fachleuten die Bestände kontinuierlich gesunken, sagt Laufer.

    Der Nationalpark Bayerischer Wald wird 50 Jahre alt. Aus diesem Anlass hat sich das BR-Studio Niederbayern/Oberpfalz den "Wald" als Jahresthema gewählt. Nachhaltigkeit, Klimawandel, Tourismus, Wirtschaftsfaktor, Ökologie, Lebensraum: Wir berichten über den Wald aus vielen Perspektiven – und aus allen Waldgebieten in Ostbayern.

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