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Von Rumänien bis nach München - auf den Spuren von Bettlern | BR24

© BR/report München

Auf den Spuren Münchner Bettler

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    Von Rumänien bis nach München - auf den Spuren von Bettlern

    Sie kommen gemeinsam, jeder hofft an einer Straßenecke auf Geld von Passanten. Gemeinsam verschwinden sie auch wieder. Wo gehen diese Menschen hin, steckt organisierte Kriminalität dahinter? Anna Tillack von report München ist den Bettlern gefolgt.

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    An einer Straßenecke im Münchner Westen sehe ich die junge Frau zum ersten Mal. Sie lehnt an einer Filiale der Deutschen Bank, eine Kapuze mit Kunstfell tief ins Gesicht gezogen, über ihren Beinen eine blaue Decke. Das Thermometer zeigt minus 7 Grad.

    Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nichts von ihr. Außer, dass sie die anderen Bettler im Umkreis zu kennen scheint. Nach ein paar Stunden verschwinden sie genauso geräuschlos, wie sie gekommen sind.

    Eine Gruppe Bettler trifft sich am Hauptbahnhof

    Mehrere Tage beobachte ich die Gruppe in meinem Viertel, fahre ihnen schließlich nach. Am Hauptbahnhof steigen sie aus. Plötzlich strömen aus allen Richtungen Menschen zusammen: Die Frauen tragen Kopftücher und bunte Leggins, die Männer alte Rucksäcke, manche haben Krücken dabei. Ihr Hab und Gut ist in Plastiktüten verstaut, sie unterhalten sich auf Rumänisch, reden durcheinander, lachen.

    Schlafen in einer Kaserne im Münchner Norden

    Auf das Kommando eines jungen Mannes setzt sich die Gruppe in Bewegung. Wie eine große, in Lumpen gekleidete Schulklasse ziehen sie in ausgelassener Stimmung durch die Gänge der U-Bahn. Ihr Ziel ist eine Kaserne im Münchner Norden, in der Obdachlose kostenlos einen Schlafplatz für die Nacht bekommen. Bis neun Uhr am nächsten Morgen dürfen die Rumänen bleiben, sie bekommen eine Einmaldecke und können duschen. Drinnen treffe ich die junge Bettlerin wieder, jetzt ohne Kopftuch, ihre Wangen haben wieder ein wenig Farbe bekommen. Sie heiße Narcisa, sei 21 Jahre alt und mit ihrer Schwester hier, erzählt sie.

    "Die Menschen kommen nicht, um für andere zu betteln, sie kommen, um für sich ein bisschen Geld zu verdienen. Ich lebe zum Beispiel alleine. Mein Mann ist im Knast, man hat ihm 4 Jahre und 8 Monate gegeben. Er hat im Wald Holz geschlagen, man hat ihn erwischt und eingesperrt. Und jetzt bin ich alleine und weil ich keine Arbeit habe, um meine Kinder zu ernähren, komme ich hierher." Narcisa

    Narcisa aus Rumänien bettelt für ihre Söhne

    Narcisas Söhne sind 4 und 6 Jahre alt. Jedes Jahr fährt sie mehrmals zum Betteln nach München. Ihre Kinder bleiben dann allein in dem rumänischen Dorf zurück. Das Geld versteckt Narcisa in ihrem BH. Die rund 500 Euro, die sie in fünf Wochen erbettelt, behält sie für sich, versichert sie uns. Es ist viel mehr, als sie in Rumänien jemals verdienen könnte.

    Spurensuche in Rumänien: Das Dorf ist völlig abgeschnitten

    Als wir hinfahren, sehen wir warum. Narcisas Dorf liegt in Südrumänien, zwei Stunden von der Hauptstadt entfernt. Die letzten Kilometer muss unser Jeep durch einen Bach fahren. Eine Straße gibt es nicht. Die Menschen wohnen in zugigen Hütten, Wäsche flattert im Schneetreiben, alles ist feucht und schlammig. Pferde ziehen Holzwägen, die Männer treiben sie mit der Peitsche an, denn nur mit Schwung kommt man durchs Wasser. Hunde und Schweine laufen frei umher, schnüffeln an dem Müll, der sich im Bachbett gesammelt hat.

    "Unser größtes Problem hier ist, dass wir abgeschnitten sind! Wir sind 1.200 Menschen, 130 Familien mit jeweils acht bis zehn Mitgliedern. Ich selbst habe neun Kinder. Unsere Kinder bekommen keine Bildung, die Voraussetzungen dafür sind einfach nicht da!" Dorfbewohner

    Mitten in der EU: Menschen haben Angst vor dem Verhungern

    Was wir sehen, gleicht Bildern aus der Dritten Welt, doch wir sind immer noch in der EU. Würden sie nicht nach Deutschland gehen, würden sie verhungern, sagt eine Dorfbewohnerin.

    Insgesamt 30 Menschen aus dem kleinen Dorf fahren, wie Narcisa, regelmäßig nach München. Hier, auf diesem vergessenen Stück Land kennen sie Münchens U-Bahn, den Bahnhof, die Filiale der Deutschen Bank bei mir ums Eck. Sie wissen, wer großzügig ist, und dass sie am besten stumm auf den Boden schauen, wenn sie jemand beschimpft.

    Narcisa wird sich bald wieder nach München aufmachen

    Narcisa hat jetzt gut einen Monat Zeit mit ihren Kindern, so lange reicht in der Regel das Geld.

    "Wenn ich kein Geld mehr habe, gehe ich wieder nach München. Wenn die Kinder verhungern, wenn kein Getreide und keine Kartoffeln mehr da sind. Wenn sie und ich am Verhungern sind, dann gehe ich." Narcisa

    Sie versucht, Feuer zu machen, aber das Holz ist feucht geworden; statt zu wärmen, qualmt es nur. Ihre beiden kleinen Jungen pusten mit blauen Lippen in ihre Hände. In Deutschland sei das Leben lebenswert, sagt Narcisa. Auch wenn es regnet, ändere sich nichts. In ihrem Dorf würden sie bei einer Woche Regen alle weggespült.

    Unterschiedlicher könnten die beiden Welten, zwischen denen Narcisa pendelt, nicht sein.