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Auch im Herbst viel Trubel in den Bergen | BR24

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In den goldenen September- und Oktobertagen erreicht der anhaltende Trend in den Alpen noch einmal einen Höhepunkt, fleißig angetrieben von den Tourismusorganisationen: Sie vermarkten Kastanienwochen oder das beliebte Törggelen. Von Ruhe keine Spur.

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Auch im Herbst viel Trubel in den Bergen

In den goldenen September- und Oktobertagen erreicht der anhaltende Trend in den Alpen noch einmal einen Höhepunkt, fleißig angetrieben von den Tourismusorganisationen: Sie vermarkten Kastanienwochen oder das beliebte Törggelen. Von Ruhe keine Spur.

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In einer fast ununterbrochenen Schlange bewegen sich ganze Wandererscharen von der Taubensteinbahn am Spitzingsee zum Rotwandhaus. Alle eint ein gemeinsames Ziel: Sie wollen die Natur und die Ruhe genießen. Es kommt aber offenbar ganz drauf an, welchen Ausschnitt der Umgebung man in den Fokus rückt. Denn ruhig ist es auf solch beliebten Wegen an den goldenen Herbstwochenenden sicher nicht.

"Wenn es ruhiger wäre, wäre es schöner – aber so wie wir wollen halt andere auch", sagt eine Besucherin. Und eine andere Frau findet: "Wahnsinn, ich hätte nicht gedacht, dass so viele Leute heute da sind."

Kein Durchkommen mehr für die Einheimischen

Psychologisch gesprochen sind die Wochenendwanderer Leidtragende und Verursacher zugleich. Insofern müssen sie den Massenauflauf tolerieren. Nur den Anwohnern stinkt's. Die kommen an solchen Tagen oft nicht mehr von A nach B, wenn wie im Tegernseer Tal die einzige Durchfahrtsstraße wieder mal verstopft ist. "Ehrlich gesagt, gerade am Wochenende nimmt es überhand. Man braucht bloß den Parkplatz anschauen – ein allseits bekanntes Thema", sagt ein Einheimischer aus Rottach.

Weil man aber halt nun mal das Auto braucht, um irgendwo hin zu kommen, geschieht auch in diesem Punkt praktisch nichts. Dabei fordert schon die von allen Alpenländern vor gut 25 Jahren beschlossene Alpenkonvention eine nachhaltige Verkehrspolitik und den Schutz der Berge. Die oft zu einer regelrechten Industrie angewachsenen Tourismusunternehmen interessiert das relativ wenig. Mit interessanten Folgen: Vom Massenbetrieb Geschädigte flüchten in etwas weniger belastete Gebiete, aus Tirol nach Bayern zum Beispiel.

Staus auf der Autobahn und an der Essensausgabe

Als ginge es darum, zum Saisonschluss nochmal reiche Ernte einzufahren, rühren die Alpendestinationen die Werbetrommel. Die Joche ums Sellamassiv sind oft genauso verstopft wie die Zillertalstraße, das Pustertal oder das Sträßchen zum Großen Ahornboden in die Eng. Stundenlange Staus nehmen die Tagestouristen dafür genauso in Kauf wie das Anstehen an der Essensausgabe. Im Rotwandhaus entlastet ein eigener Gulaschstand die Köche am Herd: "Früh um 6.00 angefangen, bis 22 Uhr, da kannst nicht mitzählen, wie viele Essen. Wir gehen davon aus, dass wir heute eine vierstellige Summe überschritten haben."

In der Summe klingelt an solchen Tagen natürlich die Kasse. Da die meisten Orte stark vom Tourismus leben, werden auch die negativen Begleiterscheinungen mehr oder weniger hingenommen – wie im Tegernseer Tal. Eine echte alternative Verkehrspolitik oder Versuche zur nachhaltigen Entzerrung der Touristenmassen gibt es nicht. Nur dort, wo der Verkehr hauptsächlich nur durchfährt, regt sich Widerstand – am Fernpass zum Beispiel, über den die Ausflugslawine Richtung Südtirol oder ins Ötztal rollt.

Anwohner wehren sich gegen noch mehr Verkehr

"In den 80er Jahren haben wir ungefähr 7.000 Fahrzeuge gehabt, heute 17.000 in Bichlbach im Schnitt", weiß Albert Linser, Altbürgermeister von Bichlbach an der Fernpassstraße in Tirol. Er gehört zu einer Protestbewegung, die jetzt von örtlichen Entscheidungsträgern am Fernpass initiiert worden ist und verhindern will, dass zwei neue Tunnels noch mehr Verkehr bringen.

"Es ist eine Tatsache, dass jede Begradigung, jeder Tunnel, jeder Straßenbau mehr Verkehr anzieht. Und wir wollen diesen Tunnel verhindern. Wir haben Kinder und Enkelkinder – da höre ich nicht auf zu kämpfen, dass die eine lebenswerte Heimat haben." Albert Linser, Altbürgermeister Bichlbach

Der Tourist zerstört, was er sucht. Selten kann dieses grundlegende Paradox besser beobachtet werden als an diesen Wochenenden, wo die besondere Schönheit des Gebirges noch einmal besonders viele anlockt.