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Artenschutz in Bayern: Fünf vor zwölf? | BR24

© BR/Katharina Wysocka

Der Freistaat Bayern ist das artenreichste Bundesland Deutschlands, um die 35.000 Arten leben hier. Doch auch in Bayern ist das Artensterben dramatisch, denn immer mehr Tierarten verlieren wichtige Lebensgrundlagen und verschwinden nach und nach.

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Artenschutz in Bayern: Fünf vor zwölf?

Der Freistaat Bayern ist das artenreichste Bundesland Deutschlands, um die 35.000 Arten leben hier. Doch auch in Bayern ist das Artensterben dramatisch. Immer mehr Tierarten verlieren wichtige Lebensgrundlagen und verschwinden nach und nach.

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Obwohl Bayern als ausgesprochen artenreiches Bundesland gilt, schreitet auch hier das Artensterben immer schneller voran. 44 Prozent der Brutvögel und 40 Prozent der heimischen Insekten sind in Bayern mittlerweile ausgestorben oder gelten als gefährdet, bestätigt das Landesamt für Umwelt. Von 515 bayerischen Bienenarten sind über die Hälfte bedroht oder ausgestorben. Weit über 900 Tierarten sind in Bayern nicht mehr zu finden. Und selbst früher weitverbreitete Tiere wie Feldhase und Igel stehen in Bayern auf der Vorwarnliste.

Insektenzählung 2019: Erste Artenschutz-Erfolge sichtbar

Immerhin zeigen die Bemühungen für Artenschutz schon erste Erfolge. Bei der diesjährigen Insektenzählung vom Landesbund für Vogelschutz und Naturschutzbund Deutschland haben Insektenfans 20 Prozent mehr Insektenarten gezählt als vergangenes Jahr. Stark zugelegt haben vor allem die Wanderfalter Admiral und Distelfalter, aber auch von Wanzen, Heuschrecken und Schwebfliegen wurden mehr Exemplare gezählt.

Welchen Beitrag können Zoos und Tierparks in Bayern leisten, um bedrohte Arten vor dem Aussterben zu bewahren? Dieser Frage sind wir gemeinsam mit James Brückner vom Deutschen Tierschutzbund und dem Direktor des Tierparks Hellabrunn nachgegangen.

Hellabrunn erklärt Besuchern das Verschwinden der Arten

Friedlich liegt eine braune Kuh im Schatten und käut wieder. Das ist nur auf den ersten Blick unspektakulär, denn es ist ein Murnau-Werdenfelser-Rind, von dem es nur noch wenige gibt. Im sogenannten Mühlendorf in Hellabrunn möchte der Tierparkdirektor Rasem Baban den Besuchern bewusst machen, wie sie mit ihrem Verhalten das ökologische Gleichgewicht weltweit beeinflussen: Man müsse die Mechanismen verstehen, warum es nur noch ein paar der schönen, alten Rinderrasse Murnau-Werdenfelser gebe, warum wir heute fast ausschließlich Mastschweine hätten, das alte bayerische Landschwein dagegen vor 100 Jahren ausgestorben ist, so Rasem Baban.

"Warum das so ist, hängt mit unserer Ernährung und mit unserem Konsumverhalten zusammen. Wenn die Menschen das verstehen, verstehen sie auch, dass die Probleme in der weiten Welt da draußen ähnlich sind, und häufig werden sie in den Industrienationen initiiert." Rasem Baban, Direktor Tierpark Hellabrunn

Aufwendige Auswilderung bei Fischen

Die neue Anlage im Tierpark Hellabrunn hat das Flair eines Bauerndorfes, mit Stallungen, einem Dorfladen und einem Fischbruthaus. Hier schwimmen in einem Becken kleine Bachforellen. Denn in der Isar gleich neben dem Zoo sind die heimischen Bachforellen stark bedroht. Sie haben seit Jahren eine Erkrankung, deren Ursache nicht bekannt ist. Im Spätherbst werden die Tierpark-Fische dann direkt in den Auer Mühlbach hinter dem Fischbruthaus und in der Isar ausgewildert.

Erfolg für Hellabrunn: Auswilderung von 20 Ur-Wildpferden

Bei Fischen ist die Zucht und Auswilderung schon aufwendig, aber noch viel mehr bei Säugetieren. Sie können meist nicht in der Wildnis überleben: Sie sind auf Menschen geprägt, haben zwar noch Instinkte, aber nie gelernt, in freier Wildbahn Futter zu suchen, zu jagen oder Schutz zu finden. Die Tiere müssen nach und nach an die Wildnis gewöhnt werden, oft kann erst die nächste Generation in freier Natur leben. Aus dem Tierpark Hellabrunn wurden zum Beispiel über 20 Przewalski-Urwildpferde ausgewildert, aber auch Mhorrgazellen, Waldrappen, Alpensteinböcke und ein Luchs.

Exotische Tiere in Zoos als Erhaltungszuchtprogramm

Der Tierparkdirektor sieht das Halten exotischer Tiere daher auch als Erhaltungszuchtprogramm, denn ohne Tierparks hätten diese exotischen Tiere keinen natürlichen Überlebensraum mehr. Löwen seien in ihrem Lebensraum mittlerweile so stark bedroht, dass sie einen Bedrohungsstatus hätten, so Baban.

"Man kann natürlich sagen, wir lassen das alles da draußen wie es so ist, mit der Konsequenz, dass manche Tierarten dann eines Tages verschwunden sind. Dann müssen wir uns aber die Frage stellen, wollen wir das oder wollen wir die Tiere so lange schützen und auch in menschlicher Obhut behalten, bis wir es geschafft haben, draußen den natürlichen Lebensraum wiederherzustellen." Rasem Baban, Direktor Tierpark Hellabrunn

50 Tierarten haben durch Tierparks und Zoos überlebt

Dagegen regt James Brückner vom Deutschen Tierschutzbund an, sich bei Artenschutzprogrammen mehr auf heimische Arten zu konzentrieren. Denn manche Erhaltungszuchtprogramme hätten ja durchaus den Haken, dass man die Tiere nicht wieder auswildern könne, auch wenn sie aktuell als Genpool dienten.

"Da wäre eine Überlegung, ob man sich stattdessen auf andere Arten fokussiert und zum Beispiel statt Eisbären beispielsweise drei heimische Arten hält, die man auch direkt wieder auswildern kann und so mehr Artenschutz erreicht, wie es jetzt der Fall ist." James Brückner, Deutscher Tierschutzbund

Insgesamt 50 Tierarten sollen durch Tierparks und Zoos überlebt haben, so der Verband Zoologischer Gärten, in dem auch der Tierpark in München Mitglied ist. Arten wie die Przewalski-Urwildpferde, die 1969 in freier Wildbahn bereits als ausgestorben galten. Auch dank der Nachzucht in Hellabrunn leben heute wieder ganze Herden in der Mongolei, in China und in Kasachstan.