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Armut in Deutschland: Sackgasse Niedriglohnsektor | BR24

© dpa-Bildfunk/Franziska Kraufmann

Oft schlecht bezahlt: Putzkräfte

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Armut in Deutschland: Sackgasse Niedriglohnsektor

Ob Angestellte im Friseursalon, Bedienungen im Restaurant oder Putzkräfte im Büro - Menschen, die vom sogenannten Niedriglohn leben, begegnen wir jeden Tag. Ohne Ausbildung sind deren Chancen schlecht. Aussichtslos ist ihre Lage dennoch nicht.

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Keine Ausbildung, ein schlechter Job und wenig Geld - darüber spricht kaum einer gerne offen. Das Nürnberger Ehepaar will seinen Namen lieber nicht nennen. Aber es gibt einen Einblick in sein Leben. Vor vier Jahren war die Familie das letzte Mal im Urlaub - eine Woche in Italien.

"Man muss sparen, um mit drei Kindern in den Urlaub zu fahren. Heutzutage kostet alles viel." Bäckereiverkäufer aus Nürnberg

Schlechte Chancen ohne Ausbildung

Die beiden sind knapp über vierzig Jahre alt und stammen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Er arbeitet Vollzeit im Verkauf einer Bäckerei. Sie als Putzfrau auf Minijobbasis. Beide verdienen knapp über 10 Euro die Stunde, das ergibt etwas über 2.000 Euro im Monat.

"Ich kann nichts als Putzen, leider." Putzfrau aus Nürnberg

Dass es ohne Ausbildung schwer ist, mehr zu verdienen, wissen sie. Er sagt: "Vieles kann ich, aber wenn du keine Ausbildung hast, kannst du es nicht beweisen. Wenn du es nicht schriftlich hast, geht gar nichts."

Je niedriger der Ausbildungsgrad, desto niedriger auch der Lohn. Handel, Lager, Gastronomie und auch Zeitarbeit sind die Branchen, in denen der Stundenlohn niedrig ist. Insgesamt arbeitet jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland im Niedriglohnbereich, vor rund zwanzig Jahren war es noch jeder sechste.

Niedriglohn trifft besonders Frauen und jüngere Menschen

Davon betroffen: hauptsächlich Frauen und jüngere Menschen. Die Berechnung des Niedriglohns erfolgt in mehreren Schritten, ist also gar nicht so einfach. Der Medianwert der in Deutschland gezahlten Stundenlöhne, also die Mitte zwischen dem höchsten und dem niedrigsten in Deutschland gezahltem Stundenlohn, ist der Ausgangspunkt. Zwei Drittel dieses Mittelwerts ergeben die Niedriglohnschwelle. Diese liegt derzeit bei etwas über 10 Euro pro Stunde.

Dass der Niedriglohnsektor gewachsen ist, hat mit dem technischen Fortschritt und verstärktem Außenhandel zu tun, sagt Hermann Gartner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Das habe die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften beflügelt. Deren Löhne seien gestiegen.

"Unqualifizierte werden immer weniger gebraucht. Bei Unqualifizierten haben die Löhne stagniert oder sind sogar geschrumpft." Hermann Gartner, Instistut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

Abwärtsspirale für gering Qualifizierte.

Arbeitsmarktforscher Herrmann Gartner betont, dass der Niedriglohnsektor nicht erst seit den Hartz-Reformen von Bundeskanzler Schröder gewachsen sei, diese Entwicklung habe schon früher begonnen und sei keine Folge der Arbeitsmarktreformen.

Die Gefahr ist groß, dass der Niedriglohnsektor zur Sackgasse wird. Herauszukommen sei schwierig und drin bleiben riskant, denn: Wer wenig verdient, bekommt auch wenig Rente. Es droht Altersarmut.

Das Nürnberger Ehepaar hofft, dass die drei Kinder Ausbildungen machen. Die nächste Generation soll es schaffen. Denn für die Eltern ist es nicht einfach, von der Stelle zu kommen.

"Heutzutage ist alles teuer, Mieten, Lebensmittel. Aber der Lohn bleibt immer gleich." Geringverdiener aus Nürnberg

Besser ein schlecht bezahlter Job als arbeitslos

Das Ehepaar schaut sich um, informiert sich über Wege, um besser verdienen zu können. Arbeitsmarktforscher Herrmann Gartner macht ihnen Mut, immerhin haben beide einen - wenn auch schlecht bezahlten - Job: "Die Aufstiegsschancen sind besser als für Arbeitslose".

Wenn man will, dass Menschen aus dem Niedriglohnsektor aufsteigen, müsse man auf Bildung, Weiterbildung und Qualifikation setzen, so Herrmann Gartner. Aber seiner Meinung nach gibt auch andere Stellschrauben, an denen man drehen könnte. Etwa, indem man im Niedriglohnsektor die Sozialversicherungsbeiträge subventioniert. Dann hätten die Beschäftigten mit geringem Lohn mehr Netto vom Brutto übrig, somit mehr Geld in der Tasche und letztendlich auch mehr Kaufkraft.

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Dossier Politik

Autor
  • Eleonore Birkenstock
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