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Arbeitsunfall: Versicherung will nicht zahlen | BR24

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Die kaufmännische Angestellte Silvia Weigl erlitt drei schwere Stromschläge an ihrem Arbeitsplatz. Seitdem kann sie ihren linken Arm nicht mehr richtig bewegen und hat ständig Schmerzen. Doch die zuständige Berufsgenossenschaft will nicht zahlen. ...

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Arbeitsunfall: Versicherung will nicht zahlen

Die kaufmännische Angestellte Silvia Weigl erlitt drei schwere Stromschläge an ihrem Arbeitsplatz. Seitdem kann sie ihren linken Arm nicht mehr richtig bewegen und hat ständig Schmerzen. Doch die zuständige Berufsgenossenschaft will nicht zahlen.

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Seit den Unfällen kämpft Silvia Weigl um Anerkennung ihrer Arbeits-Verletzungen, um die richtige Behandlung und ihr Geld. Damit ist sie kein Einzelfall.

Vor sieben Jahren arbeitete Silvia Weigl in einem Küchenstudio in Neuburg an der Donau. Im Juni 2011 erlitt sie einen heftigen Stromschlag an einer Dunstabzugshaube. Trotz Schmerzen ließ sie sich nicht krankschreiben. Das Gebäude war offenbar schlecht geerdet. Zwei Wochen nach dem ersten Unfall schlägt ein Blitz ein und trifft Silvia Weigl, die gerade am Computer sitzt. Sie erinnert sich: "Ich habe einen Knall gehört, ich habe das Licht gespürt und habe einen unwahrscheinlichen Schmerz erfahren."

"Großer Fehler passiert"

Bei Sylvia Weigl ist die Hand schwer verletzt. Sie ruft einen Durchgangsarzt an - die sind zuständig für Arbeits- und Betriebsunfälle. Doch der schickt sie zum Hausarzt. Dieser untersucht sie nur oberflächlich und dokumentiert ihre Verletzungen nicht.

Hier ist ein großer Fehler passiert, meint die Gerichtsgutachterin Professor Ursula Gresser. Die Medizinerin hat viel Erfahrung mit dem Verhalten von Versicherungen in solchen Fällen: "Meistens geht am Anfang alles schief. Weil Daten nicht richtig erhoben werden. Da sagen die Versicherungen, ja das ist ja doch nicht so ganz belegt und wenn man dann hinterher läuft, hat man schon schlechtere Karten."

Unfälle am Arbeitsplatz sind keine Seltenheit. Die deutsche gesetzliche Unfallversicherung hat letztes Jahr über 800.000 Arbeitsunfälle gezählt. Oft müssen die Geschädigten aber lange um Anerkennung und Geld kämpfen.

Dritter schwerer Stromschlag am Arbeitsplatz

Nach dem Blitzeinschlag arbeitet Silvia Weigl wieder. Doch dann erleidet sie wenige Monate später einen dritten schweren Stromschlag im gleichen Gebäude. Seitdem kann sie ihre linke Hand kaum mehr benutzen. Deshalb kämpft sie jetzt um Anerkennung bei der Berufsgenossenschaft für Handel und Warenlogistik. Diese will nicht zahlen und lässt ein Gutachten erstellen. Das kommt zu dem Ergebnis, dass Frau Weigl ein seelisches Trauma erlitten hat. Darin steht: "Die Verletzte ist weiterhin behandlungsbedürftig … Arbeitsunfähigkeit besteht aktuell im Hinblick auf die zuletzt ausgeübte Tätigkeit."

Das Gutachten sieht zwar keine körperlichen Schädigungen, lässt aber seelische Folgen des Unfalls gelten. Die Berufsgenossenschaft lässt ein neues Gutachten erstellen. Dieser Gutachter entscheidet rein nach Aktenlage und kommt zu dem Fazit: "Das Gutachten ist nicht schlüssig."

Genossenschaft spielt auf Zeit

Dank einer Rechtsschutzversicherung kann sich Silvia Weigl einen Anwalt leisten und klagt gegen die Berufsgenossenschaft. Seit 2012 hat sie keine Einkünfte. Es wird für sie immer schwieriger, über die Runden zu kommen.

Kein Einzelfall, sagt die Gerichtsgutachterin Prof. Ursula Gresser: "Ich habe schon den Eindruck, dass manche Versicherungen, auch Berufsgenossenschaften, da habe ich mehrere Fälle, wirklich auf Zeit machen, auch auf Zermürbung des Antragstellers machen."

Trotz schlimmer Schmerzen diagnostizieren die Gutachter nur ein einfaches Karpaltunnelsyndrom bei Sylvia Weigl, das angeblich nichts mit den Unfällen zu tun hat. Nach langer Suche findet Sie einen Chirurgen, der bereit ist, sie zu operieren. Der stellt fest, dass das Gewebe regelrecht geschmolzen ist. Ein eindeutiger Hinweis darauf, dass die Beschwerden und Verletzungen auf Stromschläge zurückzuführen sind.

Kontrovers fragt bei der Berufsgenossenschaft nach. Sie beruft sich auf das Kausalitätsprinzip und schreibt: "Entscheidend ist demnach, ob eine Ursache-Wirkungsbeziehung zwischen dem Unfallereignis und den vorgetragenen Gesundheitsstörungen positiv nachweisbar ist." Diesen Zusammenhang verneint die Berufsgenossenschaft und zahlt deswegen immer noch nicht.

Entscheidung vor Gericht

Im November 2018 ist Sylvia Weigl vor Gericht. Sie hofft wenigstens auf eine Rente, die nur einen Bruchteil des ihr zustehenden Geldes ausmachen würde. Aber selbst die ist fraglich. Nach über einer Stunde Verhandlung das Ergebnis: Silvia Weigl bekommt die geforderte Rente. Sie ist erstmal erleichtert: "Dass es das überhaupt noch gibt. Ehrlichkeit, Menschlichkeit."

Trotz ihrer zermürbenden Erfahrungen wird Silva Weigl nochmals vor Gericht ziehen, um die Anerkennung durch die Berufsgenossenschaft zu erstreiten.