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Montage eines Autos
© pa/dpa/Ulrich Baumgarten

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Susanne Pfaller
© pa/dpa/Ulrich Baumgarten

Montage eines Autos

Es war ein harter Schlag für Sedi Koca. Immer habe sie gearbeitet und ihre Pflicht erfüllt, sagt sie. Und dann, Ende Juli, wurde sie wie all die anderen 800 Leiharbeiter(innen) vor den Audi-Werktoren abgemeldet. Der Grund: Die Zulieferer von Audi hatten keine Verwendung mehr für sie, weil der Autobauer seine Produktion gedrosselt hat. Damit reagierte die Audi AG auf ihre Probleme rund um die neuen strengeren Zulassungsvorschriften WLTP.

Hauptbetroffen: Zulieferer und Leiharbeiter

Das Audi-Werk in Ingolstadt ist deshalb nicht ausgelastet. Weniger Arbeit bei Audi bedeutet weniger Arbeit bei den Zulieferern. Während die Audianer nur Minusstunden aufbauen, fahren die Arbeitnehmer der Zulieferer immer wieder Kurzarbeit und verdienen etwas weniger. Noch viel härter trifft es die Leiharbeiter wie Sedi Koca. Die 20-Jährige ist jetzt arbeitslos. Seit über drei Monaten arbeitet sie nicht mehr bei dem Zulieferer Imperial. Dort hatte sie sich über die Monate auf einen für sie guten Stundenlohn hochgearbeitet. Immerhin 1.400 Euro netto. Durch die Arbeitslosigkeit habe Sedi Koca nun weniger als die Hälfte, rechnet Gerhard Stelzer vor. Er vertritt die IG Metall im Zulieferer-Viertel.

"Alle Leiharbeiter weden in der Entgeltgruppe 1 eingestellt, unabhängig davon, was sie gelernt haben. Dann haben sie einen Grundstundenlohn von 9,89 Euro. Jetzt ist Sedi gekündigt worden, hat ihren Branchenzuschlag, der tarifvertraglich oben drauf kam, verloren – und das Arbeitsamt berechnet ihr Arbeitslosengeld auf der Basis von 9,89 Euro brutto. Da geht ein Drittel weg, bleiben 1.000 Euro, und von denen 60 Prozent, also 600 Euro." Gerhard Stelzer, IG Metall

Miete, Essen, Benzin: Ihre Rechnungen bezahlen kann Sedi Koca derzeit nur mithilfe ihrer Familie.

Die Belegschaft geht Sammeln

Noch schlimmer als Sedi Koca hat es die Leiharbeiter getroffen, die bei einer anderen Zeitarbeitsfirma beschäftigt waren. Diese hat infolge der Produktionsdrosselung bei Audi Insolvenz angemeldet. Diese Leiharbeiter hatten buchstäblich nichts mehr auf dem Konto. Viele der Betroffenen kommen aus Rumänien und Polen und sprechen kaum ein Wort Deutsch. Für diese ehemaligen Kollegen hat Lothar Klaritsch, Betriebsratschef beim Zulieferer Scherm, Hilfe organisiert:

"Die standen da ohne Geld, zum Teil wurden zwei Monatslöhne nicht bezahlt. (...) Da gab's eine Sammelaktion innerhalb der Scherm-Belegschaft, Essen und Geld für die Zeitarbeiter." Lothar Klaritsch, Betriebsrat bei Scherm

"Jeder ist von Audi abhängig"

Sedi Koca schaut ständig auf ihr Handy. Sie will zurück zu Imperial. Sie wünscht sich, dass es Audi wieder besser geht, denn, so sagt sie: "Jeder ist von Audi abhängig."

Ihr Geld müssen diese Menschen nun einklagen. Andere hätten auf Drängen ihrer Zeitarbeitsfirmen Aufhebungsverträgen zugestimmt – ohne recht zu verstehen, was sie da unterschrieben haben, berichtet die IG Metall.

Eine neue Dreiklassengesellschaft?

Doch solange Audi mit den Zulassungsproblemen kämpft – und das wird sich noch bis ins nächste Jahr ziehen – ist die Lage der Leiharbeiter in Ingolstadt prekär. Und selbst wenn es bei Audi wieder gut läuft, eines bleibt rund um das Audi-Werk: eine Drei-Klassengesellschaft unter den Arbeitern. So sieht es Gewerkschaftler Stelzer:

"Es gibt die Leiharbeiter ohne Branchenzuschlag. Daneben der 'Imperialer', der die gleiche Tätigkeit mit Tarifvertrag macht und 2.400 Euro kriegt, und dann die 'High Class' der Logistiker bei Audi mit Jahressondervergütung, Erfolgsbeteiligung und so weiter. Das ist ungerecht." Gerhard Stelzer, IG Metall